Terror:
Fast Food und Fast Death
20. Mrz 2003 07:51
 | Selbstmordanschlag in Jerusalem, November 2002 | Foto: AP |
|
Die Motivation von Selbstmordattentätern ist ein Fall für Evolutionsbiologen und Soziologen. Ob man sie aber auf angeborene Instinkte oder auf soldatischen Drill zurückführen will: in Zeiten von Al Qaeda ist eine Franchisisierung des Terrors zu beobachten.
Von Anjana ShrivastavaSelbstmordattentäter werden von Anstiftern wie Al Qaeda in ihren, jedem Menschen eigenen und durch Evolution entwickelten, religiösen Gefühlen systematisch manipuliert. Das berichtet der Evolutionspsychologe Scott Atran in der März-Ausgabe der Zeitschrift «Science». Letztendlich, so Atran, sei dies mit dem Mechanismus vergleichbar, der es globalen Fast-Food-Ketten ermögliche, ihre Kunden dazu zu bringen, ihrer ebenfalls evolutionsbedingten Vorliebe für süße oder fettige Speisen wieder und wieder oder gar ausschließlich nachzugeben.
In beiden Fällen entwickelt sich das Geschehen zum Nachteil des Angeköderten und zum Vorteil des genau kalkulierenden Vertreibers von Fast Food einerseits und Fast Death andererseits. So spricht Atran die unzweifelhafte Franchisierung des Terrors durch ein selbsternanntes globales Kalifat an. Und gleichzeitig stellt er die angeborenen religiösen Aspekte der menschlichen Natur mit den niedrigsten Instinkten auf eine Stufe.
Moderne Assassinen
Indem Atran den Anstieg von Selbstmordattentaten in den letzten Jahren hauptsächlich als Verschwörung versteht, untergräbt er die gängigen Vorstellungen vom Terroristen als Psychopathologen, depressiv und mittellos, der seinen letzten Verzweiflungsakt in der Hoffnung begeht, Dutzenden von Jungfrauen in einem von einer Art Zuhälter-Allah bewachten Paradies zu begegnen. Insbesondere nach dem 11. September ist der informierten Öffentlichkeit bekannt geworden, dass die Selbstmordattentäter eher der Mittelklasse entstammen, überdurchschnittlich ausgebildet sind, und ursprünglich, gemessen an ihren Herkunftsverhältnissen, in normalem Maße religiös. Sie sind jung, männlich, unverheiratet – wie, nebenbei gesagt, die treueste McDonalds-Kundschaft und werden, integriert in «fiktiven Familien», systematisch von charismatischen Al Qaeda-Unterführern als Assassinen-Heer herangezogen.Atran glaubt, dass Al Qaeda hier einen vor Urzeiten aus dem Jagdverhalten entstandenen Glauben missbraucht – den Glauben, dass alles, was passiert, durch Agenten, seien sie offensichtlich oder übernatürlich, geschieht. Aber kann dies eine befriedigende Erklärung für religiös motivierten Selbstmord sein?
Das Elend der Unteroffiziere
Denn eben das ursprüngliche «normale Maß» an Religiösität unter angehenden Attentätern hätte Atran, Autor von «In Gods We Trust: The evolutionary landscape of religion» skeptisch machen müssen. Sind nicht hier die psychischen Strukturen des Heeres selbst von erheblicherer Bedeutung – also die von Al Qaeda betriebene vollendete Soldatifizierung des Islam? Denn für das Heer ist mindestens ebenso wie für die Religion eine Fähigkeit zum «Altruismus,» im Sinne von nicht-ego-geleitetem Verhalten, die wichtigste Voraussetzung. Im Zusammenhang des Soldatischen hatte ein anderer humanistisch geprägter Wissenschaftler, nämlich Emile Durkheim, vor mehr als hundert Jahren mit seiner Studie «Le Suicide» von 1897 bereits viel mehr zum aktuellen Thema des Selbstmordattentats beizutragen.
 | | Foto: people.bu.edu |
|
Als Durkheim seine Studie schrieb, war die Selbstmordrate unter Soldaten in Europa noch extrem hoch, doch im Zuge der Verbürgerlichung Europas bereits im stetigen Rückgang. Durkheim stellte fest, dass der Soldat in der Armee lebte wie ein Angehöriger einer primitiven Gesellschaft: in Verhältnissen, in denen seine Individualität ständig äußeren Zwecken untergeordnet war, die sein Ich schließlich beinahe zum Verschwinden brachten. Je länger er Soldat war, desto größer wurde auch seine Bereitschaft zu sterben. Der Altruismus des Soldaten – also seine Bereitschaft, täglich sein Ich zu verraten – kam nicht nur im Moment des heroischen Todes auf dem Schlachtfeld zum Vorschein, sondern auch einfach im banalen Selbstmord im eigenen Zimmer. Zu Durkheims Zeit, also im Frankreich des Fin-de-Siecle, wurde der Unteroffizier mit vier mal höherer Wahrscheinlichkeit zum Selbstmörder als der normale unverheiratete junge Mann. Bei einem Unteroffizier der Elitetruppen war diese Anfälligkeit noch größer.
Selbstmord als entartete Tugend
Faszinierend an Durkheims These ist, dass sie nicht nur eine Erklärung liefert für die islamischen Terrorakte, die zugleich Heldentod und von Al Qaeda zur Pflicht deklarierter Selbstmord sind, sondern auch für die Selbstmordattentate wie sie im letzten Sommer in Fort Bragg, North Carolina, zu Hauf verübt worden sind: von aus Afghanistan zurückgekehrten Unteroffizieren der Special Forces gegen sich und ihre Frauen. Plötzlich häufte sich auch in Amerika der, moralisch ähnlich zu beurteilende Akt, des Selbstmordattentats – nur völlig ohne eine religiöse Ideologie oder die strategische Absicht von Hintermännern diese Angriffe zu instrumentalisieren. Die Unteroffiziere töteten ihre Frauen oft aufgrund unbegründeter Eifersuchtsaffekte, also einer Kontrollwut von Männern, die sich im Beruf ständig unterordnen müssen, und daran verzweifeln, sich auch zu Hause nicht durchsetzen zu können. Der expressive Gestus des Selbstmordattentates ist hier alles, die militärische Strategie nichts, nur für die Betroffenen ähneln sich die Konsequenzen.
 | Maximilien Robespierre | Foto: treccani.it |
|
Durkheim begriff Selbstmord als eine Art entartete Tugend, «Jede Art Selbstmord ist also die übersteigerte oder irregeleitete Form einer Tugend.» Maximilien Robespierre bezeichnete den Terror im Zuge der französischen Revolution selbst als «einen Auswuchs der Tugend», «eine direkte, ernste und unflexible Konsequenz aus der Anwendung des Generalprinzips der Demokratie auf die drängendsten Bedürfnisse des Landes.»
Mc China
Der soldatische Selbstmord entsteht nach Durkheim ähnlich – nämlich aus der Geringschätzung des eigenen Lebens, die in primitiven Gesellschaften üblich ist und in modernen Gesellschaften zu Kriegzeiten als Tugend gilt. Das Problem ist, dass demjenigen, der sein eigenes Leben gering schätzt, das Leben von Anderen ebenso wenig wert ist. So stellt Durkheim in der Tat fest, dass die Selbstmordraten während der französischen Revolution ebenso fieberhaft stiegen wie die der Hinrichtungen. Gleichzeitig besteht die enorme Feigheit der totalen soldatischen Opferung eben darin, dass der Gegner – etwa eine Hausfrau in North Carolina beim Öffnen der Haustür – keine Chance hat, sich zu wehren.
In der Praxis der Welt, in der wir zur Zeit leben, kann es auch folgendermaßen enden: Am 5. Januar in Tel Aviv, sammeln sich nach einem Zwölf-Stunden-Tag Arbeiter, viele aus dem Ausland, am alten Busbahnhof. Sie reden, holen Zigaretten. Darunter ein gewisser Chen Wen aus China, der sich eine Telefonkarte kauft und sich mit einem Kollegen vor dem Fast Food Imbiss «McChina» unterhält. Er ahnt nicht, dass sich hinter ihm in der Dämmerung zwei Attentäter, in Jacken gehüllt und bepackt mit Sprengstoff, anzünden werden. Minuten später sind 23 Menschen tot. Nicht Metall, sondern die Energie der Explosion hat Herr Chens Rückrat gebrochen. Er überlebt, die Al-Aksa-Brigade «übernimmt die Verantwortung». Nicht nur ist ein Opfer wie Herr Chen nicht gewarnt, er ist nicht einmal gemeint: Er geht in die eigene Lähmung wie ein Statist eines Werbespots für globale Zuschauer.
Wie unter einem Bann
Herr Chen trägt das Gesicht des globalisierten Terrors. Er ist Fliesenleger, einer von bis jetzt Dutzender betroffener chinesischer Arbeiter aus der ländlichen chinesischen Provinz Fujian. Chen ging wegen 20.000 Dollar Schulden, entstanden aus nicht bezahlten Aufträgen, nach Israel. Er ist verantwortlich für sieben Menschen, darunter einen geistig behinderten Jungen, zwei kleine Kinder, seine Mutter und seinen blinden Vater. Bis Januar hatte Chen 5000 Dollar zurückgezahlt und war auf dem Weg Privatunternehmer zu werden, wie das Wall Street Journal berichtet. Als er loszog, dachte er nur an das Geld, vom Konflikt im Nahen Osten und seiner Rolle als Ersatzarbeiter wusste er nichts, vielleicht wollte er mit der Verzweifelung des Schuldners aber auch nichts davon wissen.Die globale Kommunikation funktionierte am Tag nach seiner Lähmung, als die Freunde, die ihn im Krankenhaus vorfanden, seine Frau in einem Dorf namens Kunhu angerufen haben. Sie erinnert sich, wie sie Wochen später der chinesisch sprechenden Wall-Street-Journal- Reporterin in Tel Aviv am Krankenhausbett Bericht erstattet. An diesen Moment, in dem sich vom Telefon aus die explodierende Wahrheit über die ganze zuhörende Familie ausbreitete. Sie erinnert sich, dass das traditionelle Frühstück aus Reis und Gemüse auf dem Tisch lag wie unter einem Bann. Keiner rührte es an.