Proteste im Iran:
Khomeinis Enkel fordern Demokratie
19. Dez 2002 23:33
 | Ayatollah Khomeini | Foto: Backround Historical Perspective |
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Nachdem im Iran ein kritischer Wissenschaftler zum Tode verurteilt wurde, der in einer Rede zu umfassenden Reformen aufgerufen hatte, gehen die Studenten auf die Barrikaden. Nun kritisieren sie auch die Reformer im Staatsapparat.
Von Daniel KilpertDer iranische Historiker Haschem Aghadscheri, Dozent an der Universität von Hamedan, hielt im Juni dieses Jahres eine Rede, in der er die Frage aufwarf, warum nur Geistliche das Recht haben sollen, den Koran zu interpretieren. Noch im selben Monat wurde er verhaftet, am 6. November wurde er für seine Ausführungen zum Tod verurteilt. Er habe sich, so seine Richter, der «Blasphemie» und der «Beleidigung des Propheten» schuldig gemacht. Dadurch geriet die Rede, die vor einem geschlossenen Kreis gehalten worden war, erst an die Öffentlichkeit. Aghadscheris Anwalt hat inzwischen gegen das Todesurteil Berufung eingelegt. Der Ausgang des Prozesses gilt als entscheidend für die weitere gesellschaftliche Entwicklung im Iran.
Aghadscheri, ein aktives Mitglied der reform-orientierten «Islamic Revolution's Mujahideen Organisation» (IRMO), hielt seine Rede zum 25. Todestag von Ali Shariati, einem der Ideologen der islamischen Revolution. Dabei stellte er seine eigene Sicht der notwendigen Reformen hin zu einem «islamischen Protestantismus» vor. Eine «Vermittlungsinstanz» zwischen Gott und den Gläubigen sei ein Widerspruch zum Islam: Die Geistlichen, die derzeit an der Macht sind, ständen für Konservatismus und Versteinerung. Korrupte religiöse Gelehrte blockierten den Zugang zum Koran und verhinderten eine Auseinandersetzung mit ihm. «Wir brauchen eine Religion, die die Rechte von jedermann respektiert – nicht eine Religion, die auf den Leuten herumtrampelt», so Aghadscheri.
Für einen Islam der Menschenrechte
Weiter unterschied er zwischen einem «Kern-Islam» und einem «traditionellen Islam», der verschiedene, über die Jahre durchgesetzte Ergänzungen des «Kern-Islam» bewirkt habe. Diese Ergänzungen seien schädlich. Es müsse ein neues Modell im Islam entwickelt werden, nach welchem die Beziehung zwischen den Gelehrten und den Gläubigen dem eines Lehrers und eines Schülers statt dem eines Meister und eines Sklaven gleiche. Grundlegend für den «Kern-Islam» sei ein «islamischer Humanismus», der Männern und Frauen ebenso wie Muslimen und Nicht-Muslimen gleiche Rechte gewähre und die Rechte aller respektiere. Dieser Islam sei auf der Grundlage der Prinzipien der Menschenrechte aufgebaut.Diese Forderungen Aghadscheris und seine anschließende Verhaftung setzten die Studentenunruhen in Gang. Die Studenten verlangen inzwischen nicht mehr nur seine Freilassung. Sie wollen ein laizistisches System und eine bürgerlich verfasste Gesellschaft. Es geht ihnen um Meinungs-, Rede-, und Pressefreiheit, aber auch um Arbeit und Perspektiven, über die in dem wirtschaftlich heruntergekommenen Land kaum noch jemand verfügt. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, die Arbeitslosenquote liegt bei 20 Prozent.
Nieder mit den Taliban, in Kabul und in Teheran
Tausende skandierten in den Großstädten des Landes: «Nieder mit den Taliban, in Kabul und in Teheran». Gefordert wird ein Referendum über die Einschränkung oder sogar die Beseitigung der politisch-religiösen Macht der Geistlichkeit. Die Studenten stellen in dem Land, in dem die unter 30-Jährigen inzwischen ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen, einen besonderen Machtfaktor dar. Der Scharia-Staat reagiert auf diese Bewegung repressiv. Hunderte Menschen wurden durch paramilitärische islamistische Schlägertrupps verhaftet und verschleppt, unter ihnen viele Journalisten. Zwei Parlamentsabgeordnete, die das Todesurteil gegen Aghadscheri kritisierten, wurden vor Gericht gestellt.
Im Zusammenhang mit dem Engagement für diese Ziele steht auch der Aufruf des Koordinationskomitees der Studentenbewegung für Demokratie im Iran zu einem Boykott des so genanten «al-Quds-Tages», an dem das Regime gegen Israel und die USA demonstrieren will: «Dieses Komitee ruft dazu auf, den Verfechtern des Antisemitismus und Terrorismus eine vernichtende Antwort zu geben, indem die schändliche obligatorische Demonstration des so genannten weltweiten 'al-Quds-Tages' boykottiert wird.» Kritisiert wird weiter, dass das Land seit seiner Gründung «permanent versucht, auf den Schatten eines ausländischen Feindes über der iranischen Nation zu verweisen».
Khatamis Schweigen ist Verrat
Die Wut unter den Studenten wächst – und trifft schon lange nicht mehr nur die geistliche Führung um den religiösen Führer Ali Khamenei, sondern auch die Reformer um Präsident Muhammad Khatami, der nach der Meinung vieler unter dem Motto «Zuckerbrot und Peitsche» der geistlichen Führung durch kleine Zugeständnisse an die Protestierenden den Rücken freizuhalten versucht. Die Studenten aber haben die Nase voll. «Khatami, Khatami, tritt zurück» und «Khatamis Schweigen ist Verrat» lauten ihre Parolen. Die vom Reformflügel propagierte «religiöse Demokratie» im Rahmen des heutigen Systems scheint seine Anhängerschaft in der iranischen Gesellschaft zu verlieren. «Religiöse Demokratie ist nichts außer religiöser Diktatur», skandieren die Demonstranten als Antwort auf die Reformer.Ob die Studentenproteste etwas erreichen, ob sie vielleicht sogar auf einen Sturz des Mullah-Regimes hinauslaufen können, ist noch völlig unklar. Aber im Nahen Osten scheint eine Entwicklung in Gang zu kommen. Auch für den Irak nehmen die Ideen für eine Ordnung des Landes nach einem Sturz Husseins Gestalt an. In London trafen sich kürzlich irakische Oppositionelle zu einer Konferenz, um ihre Pläne für einen demokratischen, säkularen und föderalen Staat zu diskutieren. Wenn es gelänge, in Iran und Irak eine demokratische Ordnung zu etablieren, kann man in Bezug auf die Demokratisierung der gesamten Region guter Hoffnung sein.