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Verhaltensforschung: 

Planet der Affen

24. Sep 2002 07:58
Frans de Waal
Dass Tiere über Kultur verfügen könnten, klingt für Menschenohren skandalös. Die neuere Verhaltensforschung behauptet eben dies, und widmet sich den Spiegelungen zwischen den Kulturen.

Von Manuel Karasek

Unter dem Begriff Kultur verstehen die meisten Menschen ein geistiges Gesamtgebiet, in dem sich Kunst, Kulinarisches, außerirdische Phänomene und Alltägliches tummeln. Außerdem ist man im Allgemeinen davon überzeugt, dass die einzige lebende Spezies, die über Kultur verfügt, der Mensch ist.

Verhaltensforscher wie der Ethologe Frans de Waal, dessen Buch «Der Affe und der Sushimeister» eben in deutscher Sprache erschienen ist, sind da anderer Meinung: Auch Tiere sind kulturelle Wesen. Kultur bedeutet hier in erster Linie, dass unabhängig vom Menschen Kenntnisse und Gewohnheiten tradiert werden. Die Verhaltensforschung steht allerdings erst am Anfang ihrer Untersuchungen zum Sozialverhalten der Tiere.

Instinkte oder soziales Handeln?

Der holländische Primatologe de Waal, der seit geraumer Zeit an der nordamerikanischen Emory University bei Atlanta lehrt, beschreibt in seinem jüngsten Werk, das den treffenden Untertitel «Das kulturelle Leben der Tiere» trägt, daher auch die zum Teil harschen Auseinandersetzungen zwischen Behavioristen und Ethologen, die in den letzten 50 Jahren geführt wurden. Die erste Gruppe von Gelehrten vertritt die Meinung, dass Tiere, auch hochentwickelte Arten wie zum Beispiel Schimpansen, lediglich über Reizmuster und Instinktveranlagungen dazu kommen, Nahrung zu organisieren oder Nistplätze auszumachen.

Der Fotgraf Frans Lanting hat das (Sex-)Leben der Bonobos beobachtet
Dagegen betonen die Ethologen, dass die meisten Arten, seien es Vögel oder Gorillas, selbstverständlich in der Lage sind, von ihren jeweiligen Artgenossen zu lernen, was bedeutet, dass Tiere nicht allein über Reize oder Instinkte zu ihrem Ziel gelangen. Aber nicht nur das. Die Ethologen können belegen, dass Schimpansen und andere Menschenaffen individuelle Wesen sind, die sich über eigenes Tun und über ihre Gruppe definieren. Einzelne Schimpansengruppen, die miteinander verfeindet sind, führen erbitterte Kriege. Bonobos dagegen lösen ihre Konflikte durch friedensstiftende sexuelle Handlungen, kennen Oralverkehr, gehen homosexuelle Beziehungen ein.

Kultur ist relativ

Menschenaffen kulturelle Leistungen zu attestieren scheint wie Darwins Evolutionstheorie wie ein Direktangriff auf das menschliche Ego zu wirken. Selbst die berühmten Fabelgeschichten, die Märchen und die Zeichentrickfilme, die sprechende Tiere in ihrem Mittelpunkt stellen, sind größtenteils von einer Sichtweise geprägt, die menschliches Verhalten ohne Einschränkung auf Pferde, Katzen oder Hunde überträgt.

Doch wenn es, so de Waals Argumentation, Menschen gibt, zu deren Errungenschaft das Essen mit Messer und Gabel gehört, so ist diese Technik für Schimpansen, ihr Zusammenleben sowie ihr individuelles Überleben völlig uninteressant. Dagegen lernen einige Menschenaffen eine komplizierte Technik zum Knacken von Palmnüssen, oder benutzen Zweige, um in Termitennester zu stochern.

Die eigene kulturelle Brille ablegen

Dass andererseits ein «reiner Blick», der ausschließlich die animalische Perspektive beansprucht, selbst für professionelle Tierforscher Science-Fiction bleibt, hängt für de Waal damit zusammen, dass der Mensch nicht in der Lage ist, seine eigene «kulturelle Brille» abzulegen. Seine Beobachtungen bleiben von Vermutungen gefärbt und seine Erkenntnisse im Bezug auf die tierische Kultur spiegeln notgedrungen immer die eigene wieder.

Erst im Spiegel der Veränderungen der menschlichen Kultur verändert sich daher der Blick auf die Kultur der Tiere. Zum Teil wirken die von de Waal beschriebenen Auseinandersetzungen zwischen Behavioristen und Ethologen dabei wie eine Inszenierung des Autors. Dennoch demonstriert gerade die Beschreibung dieser Streitigkeiten, wie die Biologie in den letzten Dekaden immer stärker die Erkenntnisse der Soziologie beanspruchte.

Tierkultur im Spiegel der Menschenkultur

Auch in de Waals Buch lässt sich nachverfolgen, wie sich nach dem Ende des zweiten Weltkrieges viele Bereiche der Verhaltensforschung von dogmatischen Schemen hin zu liberalen Erkenntnisprozessen wandeln. Statt Details über Maß zu akzentuieren, werden diese zunehmend einem sozialen Netz zugeordnet. Ebenfalls spürt man in diesem Werk die ökologische Entwicklung der letzten zwanzig Jahre, die das gesellschaftliche Bewusstsein in vielen Ländern prägte. Der Holländer verfolgt zahlreiche Forschungsstränge, bettet sie in den historischen wie sozialen Kontext ein.

Bonobos
Er bezieht sich dabei auf die seiner Meinung nach bedeutendsten Verhaltensforscher, den Österreicher Konrad Lorenz und den Japaner Kinji Imanishi. Letzterer erklärte, dass das soziale Verhalten der Tiere nicht unbedingt vom Konkurrenzkampf geprägt sei, wie es Charles Darwin im 19. Jahrhundert beschrieben hatte, sondern im Gegenteil eher von gegenseitiger Fürsorge und dem Streben nach Gruppenharmonie. Interessant daran ist, dass Darwins Theorie vom Überleben des Stärkeren noch durch die herbe Industrialisierung Europas gemustert war, während Imanishi einen Gesellschaftsvertrag mit Werteinhalten für das Zusammenleben der Tiere konstruierte.

Individuen mit Tradition

De Waals Hauptaussage geht auch darüber hinaus. Er glaubt, dass Tiere, vor allem die Primaten, über eine Individualität verfügen, die ihr soziales Verhalten prägt. Bonobos etwa kennen den Handel, Ware für Sex einzutauschen; japanische Makaken waschen gemeinschaftlich sowie gebissvorsorgend Kartoffeln von Erde frei, um sie besser zu verfuttern. Einzelne Gruppen von Primaten kennen Riten und Traditionen, die sie von Generation zu Generation weitertragen. Eben dieser Umstand macht es notwendig, den Begriff der Kultur zu bemühen.

Solcher Erfahrungsaustausch im klassischen Sinne – ein jüngeres Lebewesen beobachtet ein älteres und ahmt dessen Verhalten nach – ist auch verantwortlich für den kuriosen Titel des Buches, «Der Affe und der Sushimeister». Er bezieht sich auf einen Lehrling in der japanischen Kochkunst, der jahrelang seinen Meister beobachtet, und erst dann, nach einer unendlich anmutenden Geduldsstrecke, sein erstes Sushi vorbereitet.

Ähnliche Muster des Trainings kann man bei den Menschenaffen beobachten. Markantestes Beispiel hierfür ist das Knacken der Palmnüsse, wofür ein Schimpanse eine ausgefeilte Technik mit zwei Steinen erst nach Jahren und zahllosen Fehlversuchen erlernt. Auch hier spielt das Beobachten und das Nachahmen eine bedeutende Rolle.

Bei Sex abschalten

Dass dieses Buch auf verschiedenen Ebenen immer wieder Teilaspekte der Sozialgeschichte des Menschen erzählt, ist nicht verwunderlich, hier zeigt sich der Spiegeleffekt von seiner anderen Seite. Dass Bonobos als Tiere gelten, die ihre Konflikte vor allem durch sexuelle Handlungen lösen, ist inzwischen durchaus bekannt. Interessant dabei ist, wie schwer sich amerikanische Zeitschriften, ja auch Kamerateams aus den USA mit dieser Tatsache abzufinden scheinen. So kommt es immer wieder vor, dass amerikanische Dokumentaristen ihre Kameras ausschalten, wenn die Bonobos Sex haben.

Allerdings spricht de Waal in diesem Zusammenhang von einem Missverhältnis zwischen öffentlicher Moral und privaten Ansichten. Der offene Umgang der Zwergschimpansen mit ihrer Sexualität bereitet den Medien in den USA zwar Unbehagen, bei der Mehrheit der Zuschauer stoßen die Primaten jedoch auf vollstes Verständnis.

Frans de Waal: Der Affe und der Sushimeister. Das kulturelle Leben der Tiere. Carl Hanser Verlag, München, 2002. 392 Seiten. 24,90 Euro.

 
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