Digitales Kulturgut im Museum:
Vom Aussterben bedrohte Spiele
06. Sep 2002 07:53
 | Pong von Atari | Foto: pong-story.com |
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Kaum jemand kümmert sich um die dringend nötige Archivierung des digitalen Kulturguts. Immerhin widmeten sich zwei Ausstellungen in London und Rom nun der Geschichte des Computerspiels.
Von Tilman BaumgärtelPong? War das nicht dieses Computerspiel, bei dem man einen kleinen, rechteckigen weißen Ball zwischen zwei länglichen «Schlägern», oder genauer gesagt, Strichen, hin und her hopsen lassen musste? Genau. Und Pong war auch das Spiel, das aus dem Nichts einen vollkommen neuen Wirtschaftszweig entstehen ließ, in dem heute mehr Geld umgesetzt wird als in der Musikindustrie oder in Hollywood: die Computerspielbranche.
Trotzdem ist es gar nicht so leicht, heute noch ein funktionierendes Exemplar dieses Spieles aufzutreiben. Im Internet gibt es zwar inzwischen eine Reihe von Emulatoren: Software, mit der man alte Spiele auf dem PC zu neuem Leben erwecken kann. Aber nach der Originalkonsole aus den 70er Jahren muss man schon lange suchen: am besten auf Flohmärkten oder beim Internet-Auktionshaus Ebay. Und auch die Emulatoren funktionieren nur auf den heute gängigen Computern. Wenn die PCs und Macs der Gegenwart einmal von vollkommen neuen Rechnertypen abgelöst werden, wird man Emulatoren der heutigen Rechner benötigen, um die Emulatoren von einst auf ihnen laufen lassen zu können.
Game on – Game over
Es sind nicht nur die Spiele, sondern digitales Kulturgut jeder Art, das sich darum in der steten Gefahr befindet, spurlos zu verschwinden. Zwar hat digital gespeicherte Information den Vorteil, verlustfrei kopierbar zu sein und darum eigentlich besonders leicht erhalten werden zu können. Aber gleichzeitig sind alle diesen Daten auch von schnell verschleißender Hardware und von rasch unbrauchbarer Software abhängig. Bisher gibt es weltweit kaum Institutionen, die versuchen, den unaufhaltsamen Datenverlust durch Archivierung oder Musealisierung zu begegnen.
 | Donkey-Kong-Automat | Foto: Barbican Art Center |
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In diesem Sommer haben nun gleich zwei Ausstellungen den Versuch unternommen, wenigstens Computerspiele, und damit den populärsten Teil der digitalen Kultur, aufzuarbeiten und in einem Museum zu präsentieren. Die Ausstellung «Play» im Palazzo delle Espositioni in Rom und «Game On» im Londoner Barbican waren nach der amerikanischen Wanderausstellung «Videotopia» und «Game over» am Züricher Museums für Gestaltung erst der vierte Versuch, das Phänomen des Computerspiels in einer größeren Ausstellung zu präsentieren – und das, obwohl Computerspiele nicht nur unter Jugendlichen inzwischen zu den beliebtesten und prägendsten Freizeitbeschäftigungen gehören.
Auf historischen Konsolen hämmern
Beide Ausstellungen halten sich an die Geschichte des Videospiels, die durch diverse Veröffentlichungen langsam zum Kanon wird: Auf dem PDP-1, einem Computer von der Größe einer Wohnzimmerschrankwand, der in London sogar zu sehen ist, entwickelte der Student Steve Russell 1962 am Massachusettes Institute Of Technology (MIT) in Boston das Spiel «Space War!», das heute als erstes Computerspiel gilt. Gleich neben dem unförmigen Rechner steht im Barbican eine «Pong»-Konsole von Atari. Mit dem Spiel begann 1972 die Entwicklung kommerzieller Computerspiele, die in Bars und Spielhallen aufgestellt wurden. Es folgen die verschiedenen Konsolentypen von der Atari 2600 bis zur Xbox, neben denen ab den 90er Jahren auch der PC als Spielplattform immer wichtiger wird.
 | Lara Croft | Foto: Barbican Art Center |
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Beide Ausstellungen hätten jedoch in Konzeption und Ausrichtung nicht unterschiedlicher sein können: Während «Play» in Rom auf eine leicht distanzierende Präsentation der Spiele setzte und einen umfangreichen didaktischen Apparat anbot, ist «Game On» vor allem eine große Schießbude: «Play 150 Games for free», steht schon auf den Plakaten der Ausstellung, was sich die meisten Besucher nicht zweimal sagen lassen. Die vorwiegend männlichen Gäste hämmern auf Teufel komm raus auf die historischen Geräte ein - für viele von ihnen wohl die letzte Gelegenheit, noch einmal einen Klassiker wie «Space Invaders» oder «Donkey Kong» auf den Originalautomaten zu spielen.
Projizierte Spiel-Filme
Im Gegensatz dazu präsentierte sich «Play» viel mehr als Ausstellung im klassischen Sinn, die wenig Wert auf Interaktion und viel auf Darstellung legt. Die Wände waren in einer cleveren Ausstellungsarchitektur hinter halb-durchsichtigen Kunststoffen verborgen, auf die zum Teil von hinten durchgespielte Games projiziert wurden, zum Teil aber auch Bilder, Texttafeln und Diagramme von vorne appliziert waren. Wie ein Besucher in einer Gemäldeausstellung schritt der Besucher von einer Leinwand zur nächsten, um die von über 50 Video-Projektoren gezeigten Spiel-Filme zu betrachten.
 | Sonic the Hedgehog | Foto: Barbican Art Center |
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Ein besonderer Schwerpunkt bei «Game on» ist der Musik in Computerspielen gewidmet, und spätestens hier wird deutlich, wieso es zunehmend wichtiger wird, auch Games als Kulturgut zu erhalten. Denn gerade in der Musik zeigt sich die enge Verzahnung von Videospielen und anderen Bereichen populärer Kultur. Stammten die ersten Spiel-Soundtracks noch von Bastler-Komponisten, die mit raffinierten Programmiertricks die beschränkten Soundchips der ersten Homecomputer überlisteten, sind es heute Bands wie Orbital, Prodigy oder Chemical Brothers, die Stücke zur musikalischen Untermalung von erfolgreichen Spielen wie «Wipe Out» beitragen.
Digitale Kultur im Museum
Wie in der Filmbranche werden diese Soundtracks zum Teil auch als CDs veröffentlicht. Ähnliche Möglichkeiten zum Crossmarketing bietet die Verwendung von Spiel-Motiven als Vorlage für meist recht verunglückte Filme wie «Super Mario Brothers», «Resident Evil» oder «Final Fantasy». Umgekehrt werden bekannte Filme als Videospiele ausgeschlachtet, so zum Beispiel «Star Wars» oder «Tron» – letzterer übrigens einer der seltenen Fälle, bei denen das Spiel erfolgreicher war als der Film.
«Game on» wird demnächst auch im schottischen Nationalmuseum zu sehen sein. Dort sollen die Exponate, die für die Show angeschafft wurden, dann auch in einer Dauerausstellung gezeigt werden. In Großbritannien ist die digitale Kultur also museumsreif geworden, anders als in Deutschland: in Berlin musste das kleine, von einer privaten Initiative betriebene Computerspielmuseum vor zwei Jahren schließen, weil der Betrieb nicht mehr zu finanzieren war und sich die Stadt nicht an den Unkosten beteiligen wollte.Die Ausstellung «Game on» ist noch bis zum 15. September im Barbican Art Center in London zu sehen, ab dem 15. Oktober 2002 im Museum of Scotland in Edinburgh.