23.08.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Laut Untersuchungen das beliebteste Bild auf Pro-Ana-Sites
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Im Netz proklamieren Magersüchtige ihre Krankheit offensiv als Lebensstil. Die Bilder superdünner Models werden hier zu Werkzeugen sprachloser Erhabenheit. Zehn Prozent der Patienten sterben an der Krankheit.
Von Anjana ShrivastavaMagersucht gehört zu den Krankheiten, die besonders aufwühlen. Zum einen, weil sie in zehn bis fünfzehn Prozent der Fälle tödlich endet, und weil man zum anderen davon ausgeht, dass die Krankheit willentlich beeinflussbar ist, es sich bei der Magersucht also um Freitod auf Raten handelt. Lange Zeit waren nur die Familien und engen Freunde der vor allem weiblichen Opfer der Krankheit von dem Schrecken und der Angst betroffen, die von der Krankheit ausgeht.
Inzwischen haben aber von den USA ausgehend Frauen und Mädchen mit Magersucht, die oft keine Krankheitseinsicht zeigen, damit begonnen, das Internet auf eine Art und Weise zu nutzen, die der gesamten Gesellschaft Unbehagen bereitet. Auf sogenannten «Pro-Ana»-Websites beschreiben sie ihren eigenen Zustand nicht als Krankheit, sondern als bewusst gewählte Entscheidung, als Lebensstil.
Netzwerke des HungernsAuf diesen Sites veröffentlichen anorektische Frauen nicht nur Tagebücher, sondern tauschen sich darüber aus, wie man am besten Gewicht verlieren kann. Die von ihnen mit wissenschaftlicher Genauigkeit ausgetüftelten Methoden dienen immer demselben Zweck: den eigenen Stoffwechsel zu überlisten. In ihrer «verkehrten Welt» versuchen sie ihr persönliches «Idealgewicht» noch zu unterschreiten, um Phasen mit relativ normaler Nahrungsaufnahme schon vorab auszugleichen, genauso wie ihre Vorfahren Fettreserven für kommende Hungertage anlegten.
Sie beschreiben ihre oft monatelangen Klinikaufenthalte, als wären es Gefängnisaufenthalte, während derer sie zur Gewichtszunahme gezwungen wurden. Patientinnen tauschen sich aber nicht nur über die Härte des Klinikregimes aus, sie schreiben auch über die Netzwerke, die sie mit anderen knüpften, und darüber, welche neue Techniken der Gewichtsabnahme sie von ihnen lernten.
Stolze AuslöserVor allem die Fotos auf den «Pro-Ana»-Sites haben die Öffentlichkeit schockiert. Typischerweise sind auf den Startseiten Bilder von Stars zu sehen, die den Geist von «Ana» transportieren. Im Sprachgebrauch der Sites erscheint «Ana», die Kurzform der lateinischen Bezeichnung für Magersucht, Anorexia nervosa, beinahe als personifizierte Schutzheiligenfigur. Immer wieder finden sich Fotos von Audrey Hepburn, Prinzessin Diana und die ultra-dünne Kate Moss. Je tiefer man sich durch die Sites klickt, desto dünner werden die Models. Schließlich sieht sich der Besucher mit Gestalten konfrontiert, die wie Opfer von Konzentrationslagern aussehen, dabei aber junge Gesichter haben, schöne Frisuren und Lippenstift tragen.
In den USA wird bereits über das Verbot solcher Websites diskutiert. Mit ihrer aggressiv formulierten Ästhetik eines langsamen Schwindens aus der Welt kann man sie durchaus als Aufrufe zum Massenselbstmord betrachten. Selbsttötungen werden oftmals durch Suggestion von außen verursacht, die Sites selbst sprechen nicht ohne Stolz von ihren Eigenschaften als Auslöser, ihren «triggering qualities», und verweisen darauf, ihr Besuch geschehe auf eigene Gefahr.
Soziale Ursachen und freier WilleVor dem Hintergrund dieses provokanten Verhaltens erscheinen diese Sites beinahe als postmoderner «Hexenkonvent»: Auf verführerische Weise zeigen sie, wie die weiße Magie der Schönheitsgöttinnen unvermeidlich in der schwarzen Magie anorektischer Models mündet, die dem Tod nahe sind. Das verbreitete Phänomen der Magersucht scheint so spezifisch zur Moderne zu gehören und gleichzeitig soviel über ihre Zeit auszusagen wie die sozialen Umbrüche, die in der frühen Neuzeit dazu führten, dass in ganz Europa ungefähr 60.000 Frauen durch Hexenrichter zum Tod verurteilt wurden, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Während damals die Gesellschaft Frauen im Namen von Ordnung und Religion auf den Scheiterhaufen zwang, führen sich anorektische Frauen heute selbst aufs Schafott, während die Gesellschaft schockiert zusieht.
Moderne Ärzte, die daran glauben, dass die Magersucht soziale Ursachen hat und größtenteils ein Produkt des «freien Willens» ist, sehen sich mit Problem konfrontiert, in der Sorge um das Leben ihrer Patientinnen die Position des Richters einnehmen zu müssen. In Großbritanniens wichtigster Anorexie-Klinik, St George's Eating Disorders Unit in London, wird jeder Patient einmal wöchentlich zu einer Art «Verhör» vor ein Gremium von 17 Ärzten, vom Chefarzt bis zum Ernährungsexperten, geladen, um über das eigene Verhalten in der letzten Woche Auskunft zu geben.
Während die Ärzte dabei den drohenden lebensbedrohlichen physischen Zusammenbruch ihrer Patientinnen im Blick haben, erklären diese oft, sich noch nie besser gefühlt zu haben. Aus diesem Grund müssen die Therapeuten noch auf die kleinsten Hinweise achten in ihrem oft verzweifelten Bemühen, die Patienten vom Selbstmord abzuhalten.
Macht über die UmweltDennoch gelingt es weiblichen Patienten immer wieder, manches zu verstecken. Sie verstecken etwa die Zeichen von Selbstverstümmelung, die unter dem Begriff «cutting» bekannt sind. Während sie mit Fitnessübungen gegen Kalorien vorgehen, postieren sie Wachtposten, die vor Krankenschwestern und Ärzten warnen sollen. Sie verstecken außerdem schwere Batterien im Haar, um beim täglichen Gang zur Waage, der modernen Form des «Geständnisses», nicht vorhandenes Gewicht vorzuspiegeln. Selbst die Aufnahme der wenigen Nahrung, die sie zu sich nehmen, verpacken die Patientinnen in Rituale.
Die verkehrte Welt dieser Krankheit entsteht dabei dadurch, dass Magersuchtspatienten von sich glauben, nach Idealen zu streben, die in der westlichen Welt traditionell als rational angesehen werden. Dazu gehören der Vorrang des Intellekts vor dem Körper, die Tilgung als böse interpretierter Wünsche, und schließlich eine Form des Willens zur Macht über die Umwelt und sich selbst. Sie versuchen diese Ideale allerdings auf eine Weise zu verwirklichen, die eher in die Welt primitiver Magie zu gehören scheint. Freud hat den Glauben an die Magie als den Glauben an die «Allmacht des Gedankens» interpretiert.
Leer, sprachlos und erhabenAnorektische Frauen scheinen zu glauben, dass sie durch die Kontrolle über ihre Gedanken und Wünsche auch die Kontrolle über ihre weitere Umwelt ausüben können. In vielen Fällen wird diese Umwelt durch strenge und sozialen Konventionen verpflichtete Eltern reglementiert. Die Konsequenz ihrer Pseudoautarkie, nämlich des Erreichens zivilisatorischer Ideale mit den Mitteln der Magie, ist am Ende oft ihr Tod.
Aus diesem Grund sind die allgegenwärtigen Fotos dünner Models so gefährlich für anorektische Frauen: Sie scheinen all ihre «geballten Wünsche» zu personifizieren. Das Bild des «perfekten Körpers», aus dem alle Substanz, alle Spuren der Zeit, und damit alles Natürliche getilgt ist, ist das «Ding an sich», in das sich anorektische Frauen verwandeln wollen. Darüber hinaus suggerieren diese Ikonen magische Kräfte. Die üben sie zwar über manchen Betrachter, niemals aber über die Realität aus.
So locken die entrückten Blicke der Models leer, sprachlos und erhaben offenbar gerade die stummen Mädchen, die die Sprache des Konflikts der Erwachsenen so gut wie nicht beherrschen. Für sie kann der Anblick der Aufnahmen von Models tatsächlich als Auslöser wirken: als freiwilliger erster Schritt auf den Scheiterhaufen, den man früher Autodafé Glaubensakt nannte.