Counterstrike:
Bauen an der neuen Stadt
21. Aug 2002 08:04
 | Schlechtes Image: Screenshot aus Counterstrike | Foto: ddp |
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Nach dem Massaker von Erfurt bekam Counterstrike eine denkbar schlechte Presse. Dabei steht für die Fans Teamgeist im Vordergrund: Beim Spielen wie beim Konstruieren eigener Szenarien.
Von Tilman BaumgärtelÜber das Computerspiel Counterstrike ist in den deutschen Medien in den letzten Monaten viel geschrieben worden – leider auch viel Unsinn. Nachdem im Zimmer des Erfurter Schülers Robert Steinhäuser, der in seinem Gymnasium Amok gelaufen war, das Spiel gefunden worden war, wurde es von der Presse schnell als mitverantwortlich für die Bluttat dargestellt. In flüchtig recherchierten Artikeln voller sachlicher Fehler, die oft mit blutrünstigen Screenshots von anderen Spielen illustriert waren, wurde Counterstrike als Ballerspiel dargestellt, bei dem es vor allem darum geht, so viele virtuelle Gegner wie möglich umzubringen.
Diese Darstellung verkennt nicht nur die Natur dieses Mannschaftsspiels, in dem wildes Herumballern wenig und zielgerichtetes Teamplay viel bringt, sondern auch seine erstaunliche Erstehungsgeschichte. In vieler Hinsicht erinnert die Entwicklung von Counterstrike an die des alternativen Betriebssystems Linux. Zwar ist Counterstrike – anders als Linux – kein Open-Source-Programm, sondern durch konventionelles Urheberrecht geschützt. Dass Counterstrike aber überhaupt existiert und zum populärsten Game der letzten Jahre geworden sind, verdankt sich nur der Freigabe des Codes des kommerziellen Ballerspiels Half-Life.
Spiel für die vernetzte Gruppe
Half-Life ist – anders als Counterstrike – tatsächlich ein Ego-Shooter der alten Schule: der Spieler hastet durch ein unterirdisches Labor und muss auf Monster aus dem Weltall ballern. Im Gegensatz zu diesem Science-Fiction-Szenario spielt Counterstrike in fast fotorealistischen Szenarios, in denen eine Gruppe von «Counter-Terrorists» den Terroristen Geiseln abjagen oder sie davon abhalten muss, eine Bombe zu legen. Counterstrike ist darum eines der ersten Computerspiele, das nur in der Gruppe, an vernetzten Computern sinnvoll zu spielen ist.
 | GSG-9-Figur | Foto: Web |
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Counterstrike basiert auf der selben «Game Engine» wie Half-Life, also der Software, mit der die verschiedenen Spielszenarios und die Spielfiguren auf dem Bildschirm erzeugt werden. Nachdem das Spiel kommerziell ausgewertet war, wurde dieses Programm von den Lizenzinhabern freigegeben. Counterstrike ist also eine «Modification» von Half-Life, kurz Mod genannt: Es hat sich durch den Einsatz von einigen Hobby-Programmierern zu einem neuen Spiel entwickelt, dessen Grafik und Spieleigenschaften das Original bei weitem übertreffen.
Kooperation übers Internet
Die «Erfinder» von Counterstrike sind im Internet bis heute vorwiegend unter ihren Netz-Pseudonymen Gooseman und Cliffe bekannt. Gemeinsam haben sie als Collegestudenten 1999 damit begonnen, in zäher Kleinarbeit an ihrer Version von Half-Life zu arbeiten, die nun schon seit über zwei Jahren zu den beliebtesten Computerspielen überhaupt gehört. An der Weiterentwicklung des Spiels arbeitet eine Reihe weiterer Fans mit, zum Teil von Europa und Kanada aus. Sie kooperieren ausschließlich über das Internet. Auch für das neue Spiel haben Fans bereits wieder eigene Maps entworfen. Maps sind die «Szenarios», in denen gespielt wird: ein Labor, ein Flur, eine Treppenflucht. Das Original-Counterstrike wird zwar mit 18 eigenen Maps ausgeliefert, doch die selbstgebauten Spielfelder der Amateure sind oft kreativer, oder besser zu spielen, wie manche Fans meinen. Ein beträchtlicher Teil der Maps stammt von Teenagern, die zwar in ihren jeweiligen Heimatländern noch nicht wahlberechtigt sind, aber für Counterstrike dreidimensionale Raum-Simulationen bauen, die erwachsene Profis verblüffen.
Mitarbeit der User
Die Parallelen zu Linux sind augenfällig: Ähnlich wie das alternative Betriebssystem, das von Tausenden von Programmierern in der ganzen Welt ehrenamtlich weiterentwickelt wird und inzwischen sogar Microsofts Windows Konkurrenz macht, lebt auch Counterstrike von der Mitarbeit seiner User. Ähnlich wie bei Linux kann man auch bei Counterstrike die neuesten Versionen des Spiels gratis aus dem Internet herunterladen, obwohl es auch kommerzielle Versionen für PC und die Playstation zu kaufen gibt.
 | Das Museum als Szenario | Foto: Web |
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Die Konstrukteure der Maps haben keine Gewinnabsichten, sondern wollen sich in der Szene profilieren. Der deutsche Mapper Bruder D spricht sogar von «künstlerischer Selbstverwirklichung», auch wenn er einschränkt, dass er «schon etwas desillusioniert» sei, weil in der Counterstrike-Szene oft «die Standard-Maps gespielt werden, ohne sich die Mühe zu machen, auch andere, oft qualitativ bessere Maps zu testen.»
Traumarchitekturen verwirklichen
Trotzdem ist um die Counterstrike-Maps eine eigene Subkultur entstanden. Neue Maps werden nicht nur nach Spielbarkeit, sondern auch nach Kategorien wie «Atmosphäre» oder «Ästhetik» beurteilt. So heißt es auf einer Counterstrike-Fansite über eine Map mit dem Namen «de_terminal22»: «Das einzige Problem bei dieser Map ist, dass die kalte und graue sibirische Atmosphäre so gut getroffen ist, dass es viele Leute schnell in wärmere Gefilde ziehen könnte.» Zum Beispiel nach «cs_ephyra2», geschaffen von einem Mapper namens 3DPunk. Über dessen südeuropäisches Städtchen heißt es in einer Rezension: «Guter Einsatz von Vegetation – Topfpflanzen, Unkraut, das aus den gepflasterten Strassen wächst, und ein kleiner, stiller Garten, der eine ganz eigene Atmosphäre hat.»
 | Selbstgebaute Map | Foto: Web |
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Beliebte Szenarios sind unter anderem frei stehende Häuser, Ruinen, öffentliche Gebäude, aber auch eine ägyptische Pyramide ist schon als Counterstrike-Map wieder erstanden. «Meistens kommen mir die Ideen im Traum und am nächsten Tag versuche ich diese dann umzusetzen oder an Hand von grafischen Skizzen festzuhalten», sagt der Berliner Mapper The Doener King, der mit bürgerlichem Namen Benni Stingl heißt, 19 Jahre alt ist und eine Ausbildung als kaufmännischer Assistent macht.
Die Welt als Map
Man kann diese Aktivitäten als eine Art Modell-Eisenbahnbau mit dem Computer oder ein digitales Malen-nach-Zahlen abtun. Aber damit unterschätzt man nicht nur die technischen Fertigkeiten, die das Mapping erfordert, sondern auch den erforderlichen Ideenreichtum und Arbeitsaufwand. Je nach Erfahrung und Fleiß ist man zwischen einer Woche und mehreren Monaten mit einer guten Map beschäftigt. Wer dann noch Energie übrig hat, veröffentlicht auf seiner Website Mapping-Bauanleitungen für andere Counterstriker. Denn die Konstruktion der Maps ist eine komplexe Sache, bei der zahlreiche Beschränkungen zu berücksichtigen sind: Die Räume, die in dem Spiel zu sehen sind, können aus technischen Gründen eine bestimmte Größe nicht überschreiten. Die Counterstrike-Szenarios bestehen darum aus hintereinandergeschachtelten Räumen, Gängen, Kellern, Treppenfluchten. Denn jede Counterstrike-Map ist ein errechnetes Bild, und bei großen Hallen oder langen Straßenfluchten müsste der Computer zu viele Polygone verarbeiten. Auch die Außenräume, die der beschränkten Technologie mit minutiöser Detailarbeit abgerungen werden, müssen in kleinere Einheiten unterteilt werden.
Fast könnte man diese Maps als eine Art animierter Landschaftsmalerei betrachten. So hat sich um das angeblich geistlose Ballerspiel eine erfinderische, vollkommen selbstorganisierte Szene entwickelt, in der Teenager aus der ganzen Welt an ihrem eigenen Privatkosmos bauen, bis der ganze Erdball als Counterstrike-Map im Rechner auferstanden ist.