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Freie Software: 

Das Netz kennt keinen Mangel

19. Jul 2002 08:48
Volker Grassmuck
Im Zeitalter digitaler Informationsverarbeitung wird Wissen zunehmend privatisiert. Volker Grassmucks Buch «Freie Software» zeigt Modelle, die Information dennoch vor künstlicher Verknappung schützen.

Von Volker Hummel

Klassikfans können sich freuen: Wer dieser Tage aus dem Hamburger Hauptbahnhof heraustritt, wird vielleicht mit Prokofieffs «Vier Jahreszeiten» empfangen. Entspannte Shopper in der Wandelhalle freuen sich über Mozarts «Kleine Nachtmusik», die Verkäufer können Schuberts «Unvollendete» schon mitpfeifen, die aus den neu installierten Lautsprechern klingt.

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Nur Junkies und Obdachlose, bis vor kurzem noch die treuesten Gäste des Bahnhofsgeländes, haben nichts mehr von der Berieselung. Schließlich trübt nichts die «Freude, schöner Götterfunken» des Einkäufers so sehr wie der Anblick von Elend und Geldmangel. Also hat die Polizei den Auftrag, zerlumpte Subjekte dahin zu verjagen, wo sie keiner sieht.

Wissensraum Internet

Die Regulierung öffentlichen Raums durch juristische, architektonische oder akustische Eingriffe gehört zur täglichen Erfahrung in deutschen Städten. Weniger nachvollziehbar ist die zunehmende Kontrolle des Cyberspace durch staatliche Gesetze und privatwirtschaftliche Technologien. Um die daraus entstehenden Bedrohungen für den Wissensraum Internet geht es Volker Grassmuck in seinem Buch «Freie Software», das von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben worden ist.

Aufteilung der Allmende in der westfälischen Gemeinde Mönninghausen im Jahr 1848
Die Analogien und Unterschiede zwischen den Eigentumsverhältnissen im materiellen und im immateriellen Raum sind zentral für Grassmucks Argumentation. Sie kreist vor allem um den Begriff der «Allmende», nach dem dtv-Lexikon ein «Teil der Gemeindeflur, in der Regel Weide und Wald, der der Gemeinde gehört und gemeinsam genutzt wird». Von diesem aus dem mittelalterlichen Bodenrecht stammenden Begriff legt Grassmuck eine interessante historische Fährte zur «Wissens-Allmende».

Das Ende des kommunalen Raums

Analog zum historischen Vorgänger sieht er darin einen kollektiv verwalteten, von allen nutzbaren immateriellen Wissensraum, der durch das Internet technisch machbar geworden sei. Wie Grassmuck im ersten Teil seines Buches erläutert, sind Allmenden nicht etwa natürliche Ressourcen, sondern juristische Konstrukte, in denen unterschiedliche Interessen in eine fragile Balance gebracht werden. Max Weber bezeichnete schon die ursprüngliche Allmende als das Ergebnis einer «Schließung» nach außen. Die von einer Gemeinschaft gerodete Weide ist für alle anderen Gemeinschaften, die Fremden, ab sofort nicht mehr zugänglich.

Dieser Initial-Schließung folgen weitere: die Aufteilung der Allmende in private Grundstücke, die Verstaatlichung von Grund und Boden. Privates Eigentum bedeutete das Ende vom kommunalen Raum, wie es sich am Hamburger Hauptbahnhof in seiner ganzen Pracht zeigt, aber auch den Anfang proprietären Wertschöpfungsdenkens.

Kollektiver Wissensaustausch

Dieser Rekapitulation der Schließungen des materiellen Raumes lässt Grassmuck zu Beginn des zweiten Teiles eine ähnliche, allerdings noch offene Geschichte folgen: die des Internets. Am Anfang der Entwicklung standen auch hier nicht proprietäre Interessen, sondern der kollektive Wissensaustausch amerikanischer Universitäten.

Microsoft 1978, unten links der junge Bill Gates
Oberste Gestaltungsprinzipien waren Freiheit und flache Hierarchien bei der Entwicklung von Programmen und Protokollen, die bis heute die noch weitgehend offene Architektur des Netzes bestimmen: HTML, TCP/IP, Netscape etc. Erst Mitte der Neunzigerjahre begann die Schließung dieses immateriellen Raumes durch Firmen, allen voran Microsoft, die ihn ihm ihre Claims abzustecken begannen.

Die Wissens-Allmende ist unerschöpflich

Hier nun kommt der zentrale Unterschied ins Spiel, den Grassmuck zwischen der klassischen und der Wissens-Allmende ausmacht. Während kommunale Wälder und Wiesen durch Übernutzung im Wert geschmälert werden, ist die Wissens-Allmende des Cyberspace unerschöpflich.

«Markt braucht Mangel. Die immer wieder benannten Kennzeichen der Ware Wissen sind jedoch ihr nicht ausschließlicher und ihr nicht erschöpflicher Konsum. [...] Solange Wissen an physische Verbreitungsstücke gebunden ist, beruht der Mangel auf der Verfügbarkeit der Produktionsmittel für solche Datenträger. Wird es jedoch von körperlichen Medien freigesetzt, so tritt es in eine Wissensumwelt ein, die ihrer 'Natur' nach keinen Mangel kennt.»

Digitale Zweitverwertung

«Freie Software» ist voll von Beispielen, wie Unternehmen versuchen, die ihrem technischen Potenzial nach offene Wissens-Allmende des Internets durch Erzeugung künstlichen Mangels in einen regulierten Raum des Konsums zu verwandeln. Allen voran agieren hier die großen Rechteindustrien, die als «Gatekeeper» des von ihnen eingekauften «Content» (Texte, Bilder, Musik, Filme, Grafiken, Logos etc.) an digitaler Zweitverwertung mit enormen Gewinnspannen interessiert sind.

Grassmucks größtes Verdienst ist es, all diese privatwirtschaftlichen Anstrengungen, die immer häufiger durch juristische Maßnahmen flankiert werden, unter dem Aspekt eines «informationellen Umweltschutzes» in einen kritikfähigen Zusammenhang zu bringen. Und er formuliert eine Alternative, einen dritten Weg zwischen staatlicher Regulierung und der «unsichtbaren Hand des Marktes».

Optimale Wissensverbreitung

Die kollektive Weiterentwicklung von nicht-proprietärer Software wie Linux ist für ihn ein Modell kollektiver Zusammenarbeit, die nicht an kurzfristigen Mehrwertsteigerungen, sondern an gegenseitiger Anerkennung und optimaler Wissensverbreitung interessiert ist.

Letztlich geht es dem Autor jedoch nicht um Software, sondern in Anlehnung an das Motto des Gurus der Freien Software, Richard Stallman, «um die Gesellschaft, in der wir leben wollen.» Volker Grassmucks «Freie Software» ist eine gelungene Orientierungshilfe auf dem Weg in diese Gesellschaft.

Volker Grassmuck: «Freie Software. Zwischen Privat- und Gemeineigentum», Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2002. Auf der Website zum Buch kann «Freie Software» als PDF herunter geladen oder kostenlos bestellt werden (Porto: 1,50 Euro).

 
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