Reinhold Messner als Philosoph:
Der kletternde Mensch
06. Jun 2002 08:58
 | Reinhold Messner, Bergsteiger und Philosoph | Foto: osb2000.com |
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Bekannt wurde Reinhold Messner als Bergsteiger. Doch offenbar hat gerade seine zweite Karriere begonnen: Er wird - scheinbar widerwillig - Philosoph.
Von Ronald DükerVor beinahe zehn Jahren begann der Philosoph Peter Sloterdijk sein Buch «Weltfremdheit» mit einer Betrachtung über Findlinge: «Wer einen Findling vor sich hat, steht einem Objekt gegenüber, in dessen Natur oder Vorkommensweise es liegt, aufzufallen. Auffällig ist, was sich aus seiner Umgebung her nicht versteht.» Auf den Spuren von Ovid, der das Menschengeschlecht in der Abstammung von den Steinen sieht, versucht sich Sloterdijk an einer Anthropologie, die sich auf dem unverständlichen, auffälligen und nackten Sein gründen soll.
Sloterdijk beruft sich auf Heidegger, der unter Anthropologie «jene Deutung des Menschen» verstand, «die im Grunde schon weiß, was der Mensch ist und daher nie fragen kann, wer er sei.» Vielleicht ist es nicht zuviel behauptet, dass Sloterdijk sich dieser Bestimmung des Menschen erinnert hat, als es kürzlich darum ging, einen Gast für die erste Ausgabe seiner philosophischen Talkshow ausfindig zu machen.
Versteinerte Philosophen
Die Wahl fiel auf Reinhold Messner, und der schickte sich an, die vermeintliche Lücke zwischen Stein und Mensch zur Beglaubigung von Ovid, Heidegger und Sloterdijk zu schließen. Aus Sicht des Gastgebers machte Messner seine Sache vielleicht sogar ein wenig zu gut. Unter den Bedingungen des Fernsehens genügte er der Definition des Findlings in punkto Auffälligkeit. Was viele hingegen verblüfft haben mochte: dieser Stein konnte sogar sprechen. Angesichts der beinahe leichtfüßigen Eloquenz des Bergsteigers wirkten die gelernten Philosophen selbst wie versteinert.Dieser Effekt stellt sich auch und gerade deshalb ein, da Messner bei solchen Gelegenheiten nicht müde wird zu betonen, dass er gerade kein Philosoph, kein Intellektueller sei. Dies aber ist nicht zu verstehen als Eingeständnis eines gedanklichen Defizits, sondern eher als Gestus einer sokratischen Selbstbescheidung, die ja jedem philosophischen Höhenflug gleichsam qua definitionem vorgeordnet ist. Messner aber überschreitet die Disziplin des Denkens, indem er sie um eine entscheidende Kategorie erweitert.
Erfahrung als letzte Instanz
Wenn er, wie in Sloterdijks Philosophischem Quartett, über Angst redet, erscheint das glaubwürdig, weil er es offenbar nicht nötig hat, irgendwem zu glauben, außer seiner eigenen Erfahrung. Wie jeder Zuschauer weiß, hat Reinhold Messner alle Zustände, die die menschliche Psyche gerade noch erdulden kann, durchlebt und sogar dem Tod schon ins Auge gesehen. Messner hat Dinge gesehen, von denen Berufsphilosophen nur träumen können.
 | Sloterdijk denkt | Foto: goethe.de |
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Der Erfahrungsmensch Messner ist von jeglicher philosophischen Last und Verantwortung suspendiert, weshalb sich offenbar gerade Philosophen ihn als einen der ihren wünschen. Bei Suhrkamp, wo auch Sloterdijk sein verlegerisches Zuhause hat, erschien nun ein Band, der Messner in dieser Hinsicht in aller Ernsthaftigkeit legitimiert: «Reinhold Messners Philosophie. Hg. von Volker Caysa und Wilhelm Schmid».
Durchbruch des Animalischen
In einem einleitenden sogenannten «philosophischen Gespräch» stellt Messner ein für allemal fest: «Ich habe keine Philosophie anzubieten. Ich bin kein Philosoph oder philosophisch gebildeter Mensch. (...) Aber ich habe eine klare Lebenshaltung, ich habe meine Erfahrungen gemacht, und auf meinen Erfahrungen beruht im Großen und Ganzen mein Selbstbild.»Reinhold Messner, der im Himalaja dem Yeti begegnet sein will, ist Subjekt und Objekt seines Sprechens zugleich, das lang gesuchte Missing Link zwischen Tier und Mensch: «Das Animalische, die Instinkte sehe ich positiv. Je mehr Animalisches, Reflexe, Instinkte für Notsituationen durchbrechen, umso eher komme ich durch. Der Mensch könnte am Ende den Affen, der ihm auch genetisch relativ nahe steht, auch als Vorbild nehmen. Wenigstens der kletternde Mensch.»
Der kletternde Mensch
Er, der kletternde Mensch, klettert also die Stufenleiter der Evolution auf und ab. Seine Philosophie ist eine Philosophie der Tat («Ich bin, was ich tue») und mit dem kletternden Mensch ist keinesfalls nur der Bergsteiger gemeint. Wenn Messner über die Diretissima, also die Gipfelfalllinie schreibt, so geht es nicht nur um das alpinistische Problem, das darin besteht, einen Berg auf der kürzesten Linie zu bezwingen oder stattdessen den horizontal verlaufenden Rissen im Felsen zu folgen.Messner predigt einen respektvollen Umgang mit der Natur, um nicht zu sagen eine Anverwandlung an diese. «Man nagelt zu viel und klettert zu wenig» ist ein Satz, der auch für jede Managerschulung, die der Bergsteiger nebenbei sowieso betreibt, anschlussfähig ist. Ein Satz wie «Der Weg ist das Ziel» in einem psychologischem Ratgeber transportiert in etwa denselben Erkenntniswert.
Biographische Legitimation
Doch Messners Technik besteht darin, den Eindruck gedanklicher Tiefe durch biographische Belege zu erwecken. In seinem ebenfalls gerade erschienenen Buch «Der nackte Berg. Nanga Parbat - Bruder, Tod und Einsamkeit», schildert er eine Himalaja-Expedition, die seinem Bruder Günther das Leben kostete. Gerade die aus diesem Verlust geschöpfte Erfahrung schenkt dem Kletterer Messner einen Gang auf der Stufenleiter des Bewusstseins.
«Als wäre ich durch mehrere Stufen meines Bewusstseins gegangen, bleibt das Überleben am Nanga Parbat in mir lebendig wie ein intimes Wechselspiel von Dabei-Sein und Weit-weg-Sein. Und genauso wie ich diese Nanga-Parbat-Expedition erlebt habe, als Wechselspiel von reiner Wahrnehmung und erlebter Geschichte, will ich sie weitererzählen: eine Tragödie, die am Anfang meiner Identität als Grenzgänger steht. (...) Ohne bewusst interpretieren zu wollen, wie was geschah, berichte ich von meinem Zerrissensein.»
Ein Findling für die Anthropologie
Sein nicht «bewusst interpretiertes» also katastrophisches Erleben und sein Wachsen daran, kurzum Reinhold Messner als Ganzes stellen den exemplarischen Fall für eine neue Anthropologie heideggerscher wenn nicht gar nietzscheanischer Prägung dar. Gerade für den Philosophen Sloterdijk dürfte Messner damit ein geeigneter Findling sein. Denn eine Philosophie, die sich liebend gerne mit den harten Daten der Naturwissenschaft kurzschließen möchte, um endlich Anschluss an entscheidende Debatten der Gegenwart zu finden, braucht eine Erdung in vermeintlicher Realität, um sich gegen das ewige Geschwätz der Philosophie abzugrenzen.Insbesondere Sloterdijks Versuch, in der Elmauer Menschenpark-Rede einen Codex der menschlichen Züchtungstechniken vor dem Hintergrund des Genom-Projekts zu entwerfen, griff auf vermeintlich längst verstaubte anthropologische Argumentationsmuster zurück.
Zugleich benahm sich Sloterdijk in dieser Debatte als felsengleicher Verkünder unhintergehbarer Wahrheiten. Vor diesem Hintergrund war für jede Form der Kritik der Spaß zu Ende. Sloterdijk vernahm lediglich überflüssiges Geschnatter und führte gleichsam zoologische Kategorien in die Debatte ein. Thomas Assheuer von der «Zeit» musste sich für seine Replik auf Sloterdijks Rede als «Problemgans», die sich übertrieben aufrege, beschimpfen lassen.
Reinhold Messners Philosophie. Herausgegeben von Volker Caysa und Wilhelm Schmid, edition suhrkamp, 2002, 10,- Euro
Reinhold Messner: Der Nackte Berg. Nanga Parbat – Bruder, Tod und Einsamkeit, Malik, 2002, 19,90 Euro