Gitta Serenys «Das deutsche Trauma»:
Alte Nazis steckten hinter Hitler-Tagebüchern
07.05.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Gitta Sereny: Ich habe den Fall damals 10 Monate lang untersucht und kam mit der Zeit darauf, dass es vier Männer waren, die sehr rechts-national waren, um nicht zu sagen nationalsozialistisch. Ihre Absicht, die ja immer noch von manchen Leuten verfolgt wird, war es, Hitler rein zu waschen. Vor allem ging es dabei um den Mord an den Juden, denn das ist ja das Thema, mit dem der Nationalsozialismus und die Person Hitlers in erster Linie identifiziert werden. Sie wollten es so darstellen, als hätte Hitler nichts mit dem Mord an den Juden zu tun gehabt, und noch nicht einmal etwas davon gewusst.
Netzeitung: Diese vier Männer wollten also vor allem Hitler in ein besseres Licht rücken, ihn als wohlwollenden Staatsmann porträtieren.
Netzeitung: Um Ihre These zu untermauern sagen Sie nicht nur, dass es physisch unmöglich gewesen wäre, so viele Tagebücher in so kurzer Zeit zu fälschen, wie Kujau später behauptet hat. Ihre These ist auch, dass Kujau gar nicht das Wissen und auch nicht die intellektuellen Fähigkeiten besaß, die Tagebücher allein zu fälschen.
Sereny: Dazu war Kujau außerstande. Allerdings kam ich bei meinen Recherchen ohnehin von Anfang an aus einer anderen Richtung. Ich wusste bereits, dass Klapper und der ehemalige General Wilhelm Mohnke involviert waren, die anderen beiden konnte ich nicht mehr herausfinden, Kujau hat sie nicht verraten. Mohnke kam aus einer alten Offiziersfamilie, er war ein Herr. Klapper, den ich durch den Stern-Reporter Heidemann kennen gelernt habe, war absolut kein Herr, er war ein Schuft. Er war natürlich extrem national eingestellt und er war ein ausgezeichneter Organisator.
Das hat sich daran gezeigt, wie geschickt er Heidemann in die Sache hereingebracht und mehr und mehr verwickelt hat, indem er ihm vollkommen irrsinnige Geschichten erzählt hat. Etwa, dass Martin Bormann noch lebe und er ein Treffen mit ihm organisieren könne. Klapper wusste genau, wenn er Heidemann und damit den Stern gewinnen würde, dann könnte er seine Version der Geschichte an ein sehr großes Publikum bringen. Es ging diesen vier Leuten darum, ihre Thesen zu verbreiten, und der Stern war dafür natürlich ideal.
Netzeitung: Woran liegt es, dass diese Geschichte in der deutschen Öffentlichkeit nie diskutiert wurde, und auch nicht weiter recherchiert wurde?
Sereny: Ich weiß es nicht. Für mich war das ein vollkommenes Rätsel, ich war fassungslos. Die Geschichte, die ich da entdeckt hatte, war doch die eigentlich viel interessantere: Wie kam es, dass kein einziger deutscher Journalist sich dieser Sache widmete? Auch damals gab es in Deutschland die Tradition, es Journalisten zu ermöglichen, monatelange an einer solchen Geschichte zu recherchieren. Der Stern etwa hätte das tun können, aber auch andere. Es ist wirklich merkwürdig. Ich glaube, es war eher Trägheit, eher Faulheit.
Netzeitung: Warum wurde von den Verantwortlichen beim Stern und im Verlag völlig unkritisch ein Hitlerbild hingenommen, das vielem widersprach, was die Wissenschaft damals längst belegt hatte?
Sereny: Vielleicht ist die Psychologie einfacher als man denkt. Ich hatte das Gefühl, die Leute wurden von ihrem Enthusiasmus für diese Sensation völlig überwältigt, das raubt einem das Denken. Die Gefahr solcher Sensationsgeschichten ist eben, dass man ihnen schnell verfällt.
Netzeitung: Leute, die vom Verstand her alarmiert sein müssten, verhalten sich in so einer Situation irrational?
Sereny: Sie werden lachen, der Heidemann war alarmiert. Er war es ja, der immer gebremst hat, aber um ihn herum waren alle völlig von dieser Sache eingenommen. Heidemann hatte anfangs immer noch gesagt, wir müssen warten, das darf noch nicht veröffentlicht werden. Das ist ihm nie zugute gehalten worden.
Netzeitung: Die offizielle Lesart des Stern war immer eine andere: Heidemann war alleine schuld.
Netzeitung: Glauben Sie, Heidemann selbst hätte zusätzliche Expertisen eingeholt?
Sereny: Davon bin ich vollkommen überzeugt, aber ihm ist diese Sache dann auch entglitten. Es war allerdings entsetzlich, dass die ganze Schuld am Ende ihm zugesprochen worden ist, er war ja sogar länger im Gefängnis als Kujau.
Netzeitung: Wie haben die beiden Männer hinter den Tagebüchern reagiert, mit denen sie danach gesprochen haben?
Sereny: Die fanden das alles sehr traurig! Dass ihr Plan fehlgeschlagen ist. Sie beschuldigten den Kujau. Mohnke etwa war sehr merkwürdig. Er hat gar nicht verstehen wollen, dass er selbst bereits eine Fälschung geplant hatte. Er beschuldigte den Kujau, Fälschungen hergestellt zu haben. Es kam ihm aber gar nicht in den Sinn, dass die Tagebücher, die er und seine Partner in Auftrag gegeben hatten, auch eine Fälschung gewesen wären. Mohnke fand, das sei keine Fälschung, weil es sozusagen aus dem Richtigen kam.
Gitta Serenys Buch «Das deutsche Trauma» ist eben erschienen. Es enthält 20 Aufsätze aus den letzten 35 Jahren, die sich vor allem mit der Nachkriegsgeschichte beschäftigen. Neben kurzen Porträts von Albert Speer und dem Treblinka-Kommandanten Franz Stangl geht es unter anderem um die Filme von Fest und Syberberg sowie um die Hitler-Tagebücher.
Gitta Sereny: Das deutsche Trauma. Eine heilende Wunde, C. Bertelsmann 2002, 448 Seiten, Euro 24,90.
Mit Gitta Sereny sprachen Michael Maier und Ulrich Gutmair.

