Star Wars: 

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Kodiak Island: Idylle als Startrampe für die 'National Missile Defense' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Kodiak Island: Idylle als Startrampe für die 'National Missile Defense'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ronald Reagan wollte riesige Kriegsmaschinen ins Weltall schicken. Die Militärstrategen seines Nachfolgers George W. Bush setzen auf zeitgemäßere Ideen: Netzwerke schlafender Minisatelliten, die erst auf Kommando aufwachen.

Von Anjana Shrivastava

Der Krieg im Weltall beginnt in Alaska, in verschiedenen entlegenen Gebieten wird derzeit der Bau von Bodenstationen vorbereitet. Während Gerüchte einer möglichen Al-Qaeda-Bombe zirkulieren, sollen Test-Silos und gigantische Abschussrampen ihren Platz neben den monumentalen Säugetieren Alaskas einnehmen, den Bären von Kodiak Island und den Grauwalen der Pazifikküste.

Umweltschützer protestieren, doch die Bush-Regierung weigert sich, irgendeine Unverträglichkeit zwischen der Anwendung moderner Technologien zur Erlangung der Dominanz im All und dem Erhalt der natürlichen Ordnung zu registrieren.

Umsetzen, was machbar ist
Für die Öffentlichkeit begann «Star Wars» mit Ronald Reagans Idee, «Nuklearwaffen impotent und obsolet zu machen.» Von dort aus entwickelte sich das Programm hin zur Erwartung, eine «full-spectrum dominance» erlangen zu können, als Analytiker des Pentagon die revolutionären Auswirkungen der Informationstechnologien für das Militär erfassten. Spätestens aber nach dem 11. September hat die Erkenntnis, von wie viel Raum die USA umgeben sind, zu einer Agoraphobie geführt: Das volle Spektrum der Verwundbarkeit von Amerikas weitem Luftraum hat sich gezeigt.

In dieser aufgeladenen Stimmung versucht Amerika das gesamte Arsenal technischen Wissens auf die drängendsten Fragen der Verteidigung des Landes anzuwenden. Die Technologien der Raketenabwehr, die in Alaska bald getestet werden sollen, hätten die Tragödie von New York selbstverständlich nicht verhindern können. Trotzdem erzeugte das Ereignis ein so breites öffentliches Bedürfnis nach umfassender Verteidigung, dass die Bush-Regierung alles umzusetzen begann, was machbar erschien. Inzwischen macht Software es dem einzelnen Hausbesitzer möglich, die exakte statistische Bedrohung des eigenen Besitzes durch Raketen zu berechnen. Das Budget für die Raketenabwehr wurde im Vergleich zum letzten Jahr um 57 Prozent erhöht, für das Jahr 2002 beträgt es 8.3 Milliarden Dollar.
Schwachstelle Kommunikationssatellit
Der Aufstieg Amerikas als Nation gründete auf seiner großen Landmasse sowie auf den natürlichen Pufferzonen, die Atlantik und Pazifik bilden. Im Kontrast zu dieser historischen Erfahrung ist heute aber völlig klar, dass die militärische Dominanz des Raums sich als erheblich schwieriger darstellen wird. Dabei geht es nicht um den blinden Willen zur Macht.

Milliarden teure amerikanische Satelliten befinden sich im Orbit, auf ihnen basiert ein gewichtiger Teil der Telekommunikation des Landes. Obwohl ein ernsthafter Konkurrent im All zwar nicht in Sicht ist, sind die USA bereits jetzt eben dort angreifbar, so das Kalkül Chinas. Die Erfolge automatisierter Kriegsführung in Afghanistan haben die Bush-Regierung aber davon überzeugt, dass Computertechnologien auch Amerikas Informationsimperium beschützen können.

Der Vater von Ronald Reagans am Ende doch gescheiterter «Strategic Defense Initiative», der aus Ungarn stammende Edward Teller, schlug in ihrer Gigantomanie inzwischen schon mythisch klingende Projekte vor. Er wollte im Raum häusergroße Anti-Raketen-Einheiten installieren. Auf der Erde verfolgte er sein «Project Chariot», das darauf abzielte, auf Kodiak Island einen großen Seehafen zu schaffen. Zu diesem Zweck sollten unter der Meeresoberfläche sechs Atombomben gezündet werden.
Strahlende Kieselsteine
Tellers Maschinen wurden inzwischen durch ein Vorhaben mit dem Arbeitstitel «Brilliant Pebbles», strahlende Kieselsteine, ersetzt. Diese leichtgewichtigen und hoch manövrierfähigen Abfangmaschinen sollen strategische Raketen stoppen, indem sie auf Kollisionskurs gehen. Die Entwicklung solcher Technologien ist bis jetzt aufgrund des ABM-Vertrages verboten, den Präsident Bush aber im Juni einseitig aufkündigen will.

Dennoch wurden die entsprechenden Technologien bereits in der Clinton-Ära durch die kommerzielle Weltraumindustrie erforscht: Etwa durch die Entwicklung von Sensoren und Kameras für ein Projekt zur Kartografierung des Mondes, die auch für die «Strahlenden Kieselsteine» verwertet werden können.

Fortschreitende Weltraumverschmutzung
Die Dezentralisierung und Miniaturisierung der «Star Wars»-Technologien lässt sie ihren Befürwortern als weitaus «natürlicher» erscheinen als die gigantischen Maschinen Tellers. Das amerikanische Magazin Spectrum schreibt über die aktuelle Forschung zu in Netzwerken organisierten Minisatelliten: «Sie würden in Konstellationen von hundert oder mehr Exemplaren schlafend herumlungern und erst auf Kommando aufwachen. Erwacht könnten die kleinen Vögel ihre Augen öffnen – nämlich ihre infraroten und elektro-optischen Sensoren – um dann Überwachungsdaten nach unten zu senden. In manchen Fällen könnten sie offensiver genutzt werden, um feindliche Satelliten zu zerstören oder zu blenden.»

Umweltschützer und Weltraumforscher sind allerdings besorgt über die durch solche Technologien weiter fortschreitende Weltraumverschmutzung. Trümmer und Wracks aus Raketenabwehrtests, Teile ziviler Trägerraketen, Satelliten und Raumfahrzeuge – alles von Menschen gemachte Material kreist praktisch für immer im Orbit um die Erde.