14.02.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Alexander Kluge: Autor, Filmemacher, Fernsehproduzent
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Alexander Kluge gilt als der letzte Modernist. Anlässlich seines 70. Geburtstags erschien vor kurzem erneut «Öffentlichkeit und Erfahrung», eine klassische Analyse der ideologischen Wirksamkeit der Medien.
Von Martin ConradsAls die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren vor zweieinhalb Wochen starb, lief das in solchen Fällen zu erwartende Komplettprogramm ab: Im Fernsehen wurden die alten Filme, allen voran jene aus der Pippi-Langstrumpf-Serie gezeigt, in der Presse wurden die Leistungen der Grande Dame des europäischen Kinderbuchs gewürdigt, und im Netz wurde darüber diskutiert, ob Lindgren den Literaturnobelpreis posthum verliehen bekommen sollte.
Es dürfte sich um reinen Zufall handeln, dass die schärfste Kritik, die sich die Pippi-Langstrumpf-Serie je eingehandelt hat, vor kurzem wieder veröffentlicht wurde. Der publizistische Grund hierfür ist der 70. Geburtstag des Autoren, Filmemachers und Fernsehproduzenten Alexander Kluge am 14. Februar.
Identifikation mit dem Aggressor Die Kritik an Pippi Langstrumpf wurde in dem 1972 in der edition suhrkamp erschienenen und lange vergriffenen Klassiker «Öffentlichkeit und Erfahrung» formuliert. Diese von Kluge gemeinsam mit seinem Freund, dem Soziologen Oskar Negt, geschriebene Analyse war Theodor W. Adorno gewidmet. Gemeinsam mit dem «Strukturwandel der Öffentlichkeit» von Jürgen Habermas und dem Aufsatz «Baukasten zu einer Theorie der Medien» von Hans-Magnus Enzensberger bildete sie für die ideologiekritische deutsche Linke bis in die Achtzigerjahre die adäquate intellektuelle Waffe im Kampf gegen die «Bewusstseinsindustrie» (Enzensberger) der Medien und ihre «Verblendungszusammenhänge».
Diese erkannten Kluge und Negt auch in Pippi Langstrumpf: Auch hier gelte das «Grundschema, dass die Serien nur die abstrakte Kehrseite der totalen Verdinglichung nochmals reproduzieren. Während es das Ziel einer aktiven und auf Eigentätigkeit beruhenden Kinderöffentlichkeit wäre, gemeinsame Ich-Ideale der Kinder auszubilden, füttert die Pippi-Langstrumpf-Serie die Kinder mit Über-Ich-Verstärkungen. Wichtigster Mechanismus, der Pippis Aggressivität und ihren schnellen 'Siegen' zugrunde liegt ... ist die Identifikation mit dem Aggressor, d.h. die Nachahmung des Verhaltens der ohnehin übermächtigen Erwachsenen. Das mag psychisch entlasten, trainiert jedoch die ohnehin in der Kleinfamilie erlernten Verhaltensmuster.»
Die gemeinsame ArbeitWiederzufinden ist diese mit zeitlichem Abstand gleichermaßen befremdlich erscheinende wie nicht zu unterschätzende Analyse nun in dem bei Zweitausendeins publizierten Band I des knapp 2.300 Seiten starken Werks «Der unterschätzte Mensch. Gemeinsame Philosophie in zwei Bänden», einer Sammlung der Bücher, die Kluge und Negt in den letzten Jahrzehnten zusammen geschrieben haben, sowie der Gespräche, die die beiden miteinander geführt haben.
Bereits wenn man die ersten Seiten des vielfältig und geradezu in einer subversiven Poplogik illustrierten Werkes aufschlägt, wird noch einmal vor Augen geführt, dass man es hier mit einem besonderen Verhältnis zweier Autoren zu tun hat, die seit über 28 Jahren im Sinn der Kritischen Theorie zusammenarbeiten: «Wir essen im Wienerwald Ecke Zeppelin-Allee und Bockenheimer Landstraße Hähnchen und trinken dazu Jägermeister; Oskar Negt zieht sich zu einem Mittagsschläfchen zurück; wir schwatzen; Oskar richtet sich in einem Sessel ein, sortiert Pfeife und Zubehör, legt Schallplatte auf; er kommt zur Wohnung herein mit Aktentasche, packt bedächtig aus; die Bücher mit den großen Papierlaschen an den angekreuzten Zitatstellen, sie werden zu Türmen geschichtet; unter einer gemeinsamen Lampe am gemeinsamen Arbeitstisch werden wir fotografiert.»
Auf allen LeitungenDas so entstandene Foto ist tatsächlich in dem Buch zu finden, und es entspricht der Atmosphäre, die ein dieser Tage bei der Berlinale vorgestellter Film der Regisseurin Angelika Wittlich über Kluge wiedergibt: «Alle Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang» zeigt den Arbeitsalltag eines Intellektuellen, den der im Film interviewte Jürgen Habermas als «einzigen Projektmacher großen Formats» bezeichnet, «den wir haben.»
Er gibt aber ebenso Einblicke in Kluges Biographie vom promovierten Juristen, dem Adorno ein Praktikum bei Fritz Lang verschafft, über die Aktivitäten als Filmemacher des Neuen Deutschen Kinos seit den Sechzigerjahren, den Tätigkeiten als Schriftsteller und Autor, bis hin zur Leitung seiner Fernsehproduktionsgesellschaft dctp. Dazwischen immer wieder Bilder, die bei anderen banal wirken würden, bei Kluge aber auf dessen Sorge um das Lebensweltliche hinweisen: Kluge fährt nach Elmau, Kluge telefoniert auf allen Leitungen gleichzeitig, Kluge kocht Kaffee, Negt holt Kluge zum Spaziergang ab, Kluge kommt mit dem Fahrrad vom Einkaufen.
Das Gefühl als MotorWenn Kluge freimütig aus seinem Leben erzählt, wird eines bald bewusst: Das Interesse, dass ihn bei all seinen Tätigkeiten antreibt, ist nur aufgrund einer ganz persönlichen, nach Kluge aber möglichst zu verallgemeinernden Verbindung von «Verstand» und «Gefühl» möglich. Dieses Zusammentreffen blitzt in Kluges Arbeiten und Produktionen immer wieder hervor; sei es in den materialistischen Analysen der mit Oskar Negt verfassten Schriften, sei es, wenn er es sich nicht nehmen lässt, den Detroiter Technoproduzenten Jeff Mills aus dem für ihn typischen «Off» zu befragen, wie vor wenigen Jahren geschehen.
Nach der Premiere des Filmes erklärte Kluge, er habe gar nicht gewusst, dass er so komisch sein könne. Dass Kluge sich mit 70 Jahren immer noch selbst unterschätzt, zeichnet ihn sympathischerweise als jemanden aus, der den Unterschied zwischen bloßem Stil und bewusster Haltung genau kennt.
Oskar Negt / Alexander Kluge: Der unterschätzte Mensch. Gemeinsame Philosophie in zwei Bänden. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2001, 50 .
Der Film «Alle Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang» von Angelika Wittlich wird am Montag, den 18. Februar 2002 um 23.00 Uhr auf 3sat gesendet. Am 21. Februar, 20.15 Uhr wird dort Kluges Spielfilm «Abschied von gestern» von 1966 zu sehen sein.
Martin Conrads ist Redakteur der Zeitschrift «Texte zur Kunst».