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Das Philosophische Quartett: 

Philosophie in der Fabrik

21. Jan 2002 11:58
Gastgeber in der Auto-Manufaktur: Peter Sloterdijk
Am Sonntag konnte man im ZDF zum ersten Mal dem «Philosophischen Quartett» bei der Fertigung einer philosophischen Talkshow zusehen. Sie findet in der neuen Manufaktur von VW statt, wo das Luxusauto Phaëton gebaut wird.

Von Burkhardt Wolf

Als eine Art Gipfelstation des «Event-Bereichs» wurde in der «Gläsernen Manufaktur» von VW ein Studio eingerichtet, in das sich nun das ZDF aus Anlass seiner neuen Sendereihe eingemietet hat. Zu bestaunen war hier eine Runde, zu der mit Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski ein Gastgeberduo ausgewiesener Philosophen geladen hatte. Mit dem Theologen Friedrich Schorlemmer war zudem ein Exponent der redlichen und durchaus telegenen Bürgerrechtsbewegung zugegen, mit dem Extrembergsteiger Reinhold Messner schließlich einer, der zum Diskussionsthema «Angst» Konkretes beizutragen haben sollte.

Und tatsächlich war es Messner, der - «mehr Beobachter als Thesenannagler» (Messner) - nicht nur seine Redezeit ausgeschöpft, sondern auch vernehmlich zu denken gewagt hat. Gipfelte Sloterdijks wohlpräparierte Anmoderation über den Angstsport «Brückenspringen» in dem Slogan: «Wir wollen uns an sehr dehnbaren, aber reißfesten Begriffen festmachen, um uns mit ihrer Hilfe fallen zu lassen in die Befindlichkeiten unserer Zeit und unserer Gesellschaft», so kommentierte Messner unmetaphorisch, ein solches Unternehmen vermittle nicht mehr als einen «Kick» in einem «als-ob-Gefahrenraum».

Und beschwor Sloterdijk mit dem Pathos des philosophischen Gipfelstürmers den «moralischen Sachverhalt» eines Reinhold Messner an der Steilwand, jenes Zeugen eines «ununterdrückbaren Ausdehnungsrechtes», gestand dieser so freimütig wie nebenbei ein, er sei in erster Linie ein «Privilegierter», sobald er aus sozialen Zusammenhängen austrete und sich im unberührten Naturraum der Angst aussetze.

Phaëton und die Manufaktur des Denkens

Die Bühne dieses philosophischen Entertainments im Glashaus ist auch die Produktionsstätte des Privilegs. Für das Modell Phaëton, der neuen Speerspitze im Wolfsburger Fuhrpark, wurde die «Gläserne Manufaktur» errichtet, und mit ihm will VW nicht nur in die Luxusklasse der Automobilbranche vordringen, sondern auch ein neues Marketingmodell etablieren. Die Produktion, eine Art hochtechnisiert unterstützter Handarbeit, wird hier selbst als Teil des Produkts präsentiert.

Rüdiger Safranski
Zugleich entsteht hier ein Auto mit einer beträchtlich mythischen Hypothek. Denn nur im Wortlaut der Firmenphilosophie meint Phaëton «den Leuchtenden» oder gar den «Erleuchteten». In der griechischen Mythologie ist Phaëton der Sohn des Sonnengottes Helios, der den Sonnenwagen zum Absturz brachte, den privilegierten Wagenlenkern des mythischen Unfallautos also außer Stolz auch Angst einflößen dürfte.

Doch vielleicht hat bei VW neben der hochtechnologischen auch die altphilologische Präzision ein Zuhause gefunden, so dass man mit der ambivalenten Namensgebung umzugehen weiß. In diesem Sinne hätten die «Denker» in der «gläsernen Manufaktur» deren Produktionszusammenhang gezielt zur Hand zu gehen. Ihr Hantieren mit Begriffen wäre sozusagen die Endmontage zur Luxusklasse des Denkens, um so der «Philosophie» des Unternehmens VW die Hand zu reichen.

Schwebende Freidenker

Das über dem Montagesaal in aller Transparenz schwebende Sendestudio ist allerdings weniger der Ort, an dem regelrecht Gedachtes zu verkünden wäre. Es ist vielmehr der Schauplatz, von dem aus man seine gerade gedrechselten Metaphern oder auch nur seine vorpolierten rhetorischen Glanzstücke landesweit (und laut ZDF auch ohne Quotenvorgabe) zum Funkeln bringt.

Kreuz und quer fliegen die Stichworte durch das Glashaus: Auf das philosophische Staunen folgt die anthropologische Angst oder auch die theologische Dankbarkeit, und auf das so leichtfüßige Wort von der Kirche als «Sinnerfinder» folgt ein trotziges «Sinnstifter!» Die im Sendermarketing angekündigte Streitlust will nicht so recht aufkommen, es sei denn, es geht gegen die vom neuen Verbund Ausgeschlossenen: «die wirklichen Schädlinge», die «Facharbeiter für falschen Alarm». Wie Sloterdijk unlängst in einem Interview mit der taz geäußert hat, würde er seine philosophische «Arbeit als Aussteigerprogramm für Leute beschreiben, die im linken Ressentiment zu verkümmern drohen.»

Die Angst beim Projektemachen

Vielleicht ist dies auch schon die Pointe von Sloterdijks laut gedachter Angstphilosophie: In der Sprache des Innenministers die terroristischen Anhänger des (akademischen, theologischen, kritischen) «Ressentiments» beratend zur Räson und zugleich die metaphernselige Rhetorik des vitalistischen Dissidenten zu höchster Blüte zu bringen. Wohl nur so ist die für ihn selbst angsterregende Kluft zwischen Freidenker- und Unternehmensphilosophie zu überspringen.

«Unsere Zielgruppe sind Aufsteiger, Individualisten, selbstbewusste Menschen», verriet der Vertriebschef des Phaëton. Das Philosophieren in der Luxusakademie «Glashaus» hat hierzu wenigstens eine Lektion beigesteuert: Dass eine unabsehbare Fallhöhe des Denkens kein Anlass zur Beängstigung sein muss. Ist doch für das «geängstigte Subjekt», wie Sloterdijk sagt, die Angst eigentlich nur «die Unmöglichkeit, ein Projekt zu haben.»

 
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