Künstliche Intelligenz:
Bauen an der Kind-Maschine
28. Sep 2001 08:56
Von Steven Spielbergs intelligenten Robotern sind wir zwar noch weit entfernt. Der israelischen Firma Ai ist es nun aber gelungen, der Entwicklung künstlicher Intelligenz einen neuen Weg zu eröffnen: Ihre Software verhält sich wie ein Baby.
Von Ingo SchrammIrgendwann in den Achtzigern sprach ich auf dem Terminal eines Bekannten mit Eliza, der 1966 in der Programmiersprache LISP geschriebenen «Psychoanalytikerin» von Joseph Weizenbaum. Eliza antwortete auf meine Bemerkungen meist mit einer durchaus sinnvollen Frage. Die erste Session faszinierte mich, bei der zweiten wollte ich das Programm nur noch austricksen, was viel zu schnell gelang. Möglicherweise war die treffende Simulation einer therapeutischen Sitzung gelungen, eine gute Gesprächssimulation jedoch nicht.
Bis heute beißen sich Forscher und Programmierer an dem Problem die Zähne aus, Computern die autonome Kommunikation mit natürlicher Sprache beizubringen. Auch Alice, der jüngste Sprössling aus der Familie parlierender Programme, sogenannter Chatbots, ist kaum schlagfertiger als Eliza.
Wer gewinnt den Turing-Test?
Das bisher übliche Verfahren, feste Sprachregeln zu implementieren, gerät daher seit einigen Jahren zunehmend ins Abseits. Statt weiter dem Sprachphilosophen Chomsky und seiner These von der generalisierten Grammatik zu folgen, konzentrieren sich Forscher auf den behavioristischen Ansatz von Skinner und setzen auf Lernen durch Try and Error.Alan Turing, einer der Väter des Computers, formulierte schon 1950 einen Intelligenztest für Software. «Intelligenz existiert nur in den Augen des Beobachters», behauptete Turing. Demnach sollte ein Programm als intelligent gelten, wenn ein Gesprächspartner nicht mehr unterscheiden kann, ob er mit einer Maschine oder mit einem Menschen spricht. Seit 1991 wird dieser Test jährlich als «Loebner Contest» veranstaltet. Dem Sieger winkt ein Preisgeld von 100.000 Dollar.
Lernfähige Software statt erwachsener Intelligenz
Eine weitere Idee Turings wird jetzt von der in Israel ansässigen Firma Ai umgesetzt. Wenn es sich als unmöglich erweist, eine erwachsene Intelligenz nachzubauen, warum dann nicht ein Kind modellieren, das lernfähig ist und von einem Lehrer im Sprechen unterrichtet wird? Nach Angaben der Firma konnte «Hal», wie der Childbot in Anlehnung an den sprechenden Supercomputer aus Stanley Kubriks «2001» genannt wurde, bereits einen Kinderpsychologen täuschen. Der glaubte, es mit den Äußerungen eines 15 Monate alten Babys zu tun zu haben.
Die Konversation der Forscher mit Hal ist nicht so tiefschürfend, wie die eines Stadtneurotikers mit Eliza, wirkt aber tatsächlich verblüffend echt. Trainer: «Ba.» Hal: «Ba Ba... Baba.» Trainer: «Give bunny the ball.» Hal: «All all ball. Bunny.»
Ein neues Verständnis von uns selbst
Neuerdings agiert Hal auf dem Niveau eines Kindes von 18 Monaten und hat gute Chancen, den entsprechenden Turing-Test ebenfalls zu bestehen. Trainer: «Daddy is at work.» Hal: «Daddy work bye bye.» Trainer: «Do you want to go to the park?» Hal: «Yes bye bye. Take car bye bye.»Das alles wirkt lange nicht so perfekt wie in Spielbergs sentimentaler Kinovision. Trotzdem sind die Konsequenzen noch gar nicht abzusehen, wenn Hal tatsächlich so autonom funktionieren sollte, wie Ai behauptet. Einerseits könnten wir endlich Computerinterfaces bekommen, die die Bezeichnung «intuitiv» auch verdienen. Andererseits – und das geht viel tiefer – wären wir auf ein vollständig neues Verständnis von Intelligenz und damit auch von uns selbst gestoßen. Wir wären wieder ein Stück weiter entzaubert – und hätten zugleich etwas ganz und gar Zauberhaftes geschaffen.
Der Schriftsteller
Ingo Schramm
lebt in Berlin. Er veröffentlichte u.a. den Roman «Fitchers Blau», 446 S., Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1999, DM 19,90.