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NZ-Anthologie XXII: 

Sterben fürs Gedicht

25. Aug 2001 07:00
'Nix is fix': Urweider
Der Schweizer Lyriker Raphael Urweider collagierte Phrasen aus einem meteorologischen Handbuch zu einem Gedicht. Das Ergebnis löste in der Schweiz heftige Reaktionen aus.

Von Hendrik Rost

Raphael Urweider:

die vier hauptwinde sind
der nordwind der südwind
der ostwind der westwind

seit heute morgen hat der wind
sich mehrmals geändert der
regen hat den staub gelöscht

es war ungeheuer staubig
der barometer ist gefallen
der barometer ist gestiegen

die sonne wirft ihre strahlen
senkrecht herunter man muss
bei diesem wetter nicht ausgehen


Urweider veröffentlichte dieses Gedicht vor einiger Zeit in der Neuen Zürcher Zeitung. Die NZZ-Literaturredaktion erhielt daraufhin unflätige Briefe von Lesern, die durch die Lektüre derart in Rage geraten waren, dass sie Urweider beschimpften.

Das ist eine ungewöhnliche Reaktion, zumal in Zeiten, von denen es heißt, sie seien keine guten für die Literatur, geschweige denn für die Lyrik. Auch wenn die Zahl ihrer Leser klein ist, scheint die Poesie noch heftig emotionale Bedürfnisse anzusprechen und ebensolche Regungen hervorzurufen.

Urweider ist in der Schweiz ein Star. Als Rapper in Berner Mundart ist er nicht nur wegen seiner Lyrik bekannt. Eher noch: Als er 1999 den renommierten Wettbewerb zum Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt gewann, war er ein gänzlich unbekannter Autor.

Der überraschende Erfolg hatte einige Erwartungen geweckt, die nicht in jedem Fall, wie die Anekdote aus der Literaturredaktion zeigt, bedient werden konnten. Vielleicht trifft das Gedicht zu deutlich auf einen schweizerischen Nerv, indem es den Verlauf der Tage einfach nur protokolliert.

Bei einer Lesung in Berlin trug der Autor kürzlich Gedichte aus einer Serie mit dem Titel «Schweizartikel» vor. Die erste Konnotation «Scherz-» ließ sich allerdings nicht lange halten, war doch die Auseinandersetzung der Texte mit landestypischen Phänomenen wie dem Alphornblasen nie wohlfeil oder denunzierend.

Auch das obige Gedicht ist mehr als ein bloßes Repetieren schweizerischer Präzision bei der Wetterbeobachtung. Es ist eine Collage mit Selbstbestätigungen, die in der Erkenntnis münden, dass über die aus ihnen gewonnenen Daten hinaus keine Erwartungen lohnten.

Es wird hier wie dort Menschen geben, die unter dieser Feststellung leiden.

Von Raphael Urweider erschien: Lichter in Menlo Park, Gedichte, DuMont-Buchverlag, Köln 1999, gebunden, im Schuber, 117 S., DM 34.-


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