04. Aug 2001 07:30
Corinna Soria hat den zum zweiten Mal vergebenen Lyrikdebüt-Preis bekommen. Ihre Gedichte sind Protokolle eines Aufbruchs.
Von Hendrik RostWort
Wort
ausgesöhntestes Wort
mit Unantastbarkeiten verwandt
das ich in Fremde sende
Ungewiß
Ankunft und Wiederkehr
Hier Friede wie nirgendwo
Schatten
die sich berühren
wir aber
ferner
Zu sagen
wenn es finster ist und kalt:
Ich sehe mich gehen
über die Berge
meine Seiten sind leer
Wenn die Berge
überquert sein werden
wird der Hofhund
sich weich über meine Füße betten
Wärme wird sein
Im vergangenen Jahr erschien der Gedichtband «Briefe nach Welfare Island» in einem kleinen österreichischen Verlag. Über die Autorin ist abgesehen von ihrem Pseudonym nichts bekannt. Allein der knappe Zusatz «Gedichte 1985–1999» verrät, dass die Autorin bereits länger schreibt und zwischen einzelnen Gedichten bereits 14 Jahre liegen. Die hier veröffentlichten Gedichte sind das erste und das letzte des Bandes.
Nimmt man ihre Stellung im Buch einmal ernst, bilden sie seine Pole und sind zugleich Vademecum für kommende Etappen. Beide Male geht es um die Sprache selbst und ihre Verwendung. In «Wort» klingt einiges von der Hoffnung an, die in Sprache gesetzt wird. Im Gegensatz zu Menschen, die im Streit miteinander liegen, sind die Wörter auf eine Weise unschuldig, dass sie Trost zu spenden vermögen. Das Gedicht ist, einem Gebet ähnlich, die an einen Abwesenden gerichtete Bitte, wahrgenommen zu werden. Nicht unbedingt als Person, sondern in Form der Mitteilung selbst.
Die Zeile «Hier Friede wie nirgendwo» markiert, wie sehr die Sprache der Kunst von der Welt unterschieden ist. Darüber hinaus zeigt sie exemplarisch das poetische Verfahren der Autorin. «Wie nirgendwo» lässt sich zusammen mit dem ersten Teil des Verses lesen und zugleich mit dem folgenden: Hier Frieden wie nirgendwo; wie nirgendwo Schatten, die sich berühren. Der Lyriker Peter Maiwald schrieb in seinem wunderbaren Buch «Wortkino», dass Gedichte aus Versen bestehen, nicht aus Wörtern. Bei Soria gibt es tatsächlich keine Verse, die als metrisch strukturierte Einheit funktionieren. Das Gedicht ist auf sein Bild reduziert; in vielen gelungenen Fällen ist es ein Vexierbild, das zwischen möglichen und sich neu ergebenden Lesarten changiert.
Das zweite Gedicht ist ein vorausschauender Rückblick. Die Anrufung des großen Hofhundes verbirgt die Erkenntnis, dass die bereits zurückgelegte (Arbeits-)Strecke kaum eine Distanz vermisst. Funktionierte im ersten Gedicht die Sprache noch als Hort, während menschliches Verhalten unversöhnlich war, so ist sie im zweiten zum Medium geworden, den Zweifel am Wert der Sprache zu übertönen. Ein Pfeifen im Dunkeln. Die Seiten sind leer, trotz des Geschriebenen, und der Ort, an dem sich Halt finden ließe, ist zumindest in der Vorstellung ein realer geworden.
Diese Bewegung erfüllt den gesamten Band. Ständig wünscht sich jemand aufzubrechen, oder geht tatsächlich davon: «wo dein Namen liegt ... schmiegt deine Hand sich in mein Haar / bis die Zeit / zum Aufbruch gekommen ist». Corinna Soria beantwortet die selbstgestellte Frage, ob es möglich sei, irgendwo anzukommen, in ihren ersten Gedichten bereits selbst, aber anders als erwartet: «und ich gehe mir nicht verloren / da ich nirgendwo zugehörig bin».
Der Preis für das Lyrikdebüt wird zweijährlich vom