31.10.2009
Herausgeber: netzeitung.de
'Hallo, grüß Dich' - mehr gab es nicht zu sagen zwischen diesen beiden Herren.
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Die Anwälte» dokumentiert den Weg des Trios, das das einst die RAF verteidigte. Zur Film-Premiere kamen Ströbele und Schily, doch schon ein gemeinsames Foto wurde zum Problem. Beide aber rätselten über den Dritten im Bunde - den rechtsradikal gewordenen Mahler.
Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen. «Hallo, grüß dich», sagt Otto Schily zu Hans-Christian Ströbele. Es folgt ein kühler Händedruck. Es ist der Abend der Premiere des Films «Die Anwälte - eine deutsche Geschichte», eine Dokumentation über die früheren Freunde Schily, Ströbele und Horst Mahler, die gemeinsam Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) verteidigten und für einen gerechteren Staat kämpften. Dann trennten sich ihre Wege.
Ströbele ist bis heute das linke Gewissen der Grünen, Schily erarbeitete als SPD-Innenminister nach dem 11. September 2001 Sicherheitsgesetze, die ihn zum Feind der Linken machten und Mahler wurde zum Neonazi. Die einstigen Kumpel Schily und Ströbele haben sich entfremdet, das ist auch am Freitagabend im Delphi Filmpalast am Berliner Zoo zu spüren. Erst 20 Fotografen und Schilys Tochter Jenny bewegen den früheren Minister dazu, sich mit Ströbele ablichten zu lassen. Was beide eint: Mit dem Dritten im Bunde, Horst Mahler (73), hätten sie sich an diesem Abend niemals für ein Foto aufgestellt. Aber der fehlt entschuldigt. Der Holocaust-Leugner sitzt seit Mai eine zwölfjährige Haftstrafe ab.
Ohne Dienstwagen, aber mit RadWährend Schily (77) der Auflauf zur Filmpremiere zuwider ist, kommt Ströbele (70) entspannt mit seinem klapprigen Rad vorgefahren. Es ist Herbst, er hat seinen roten Schal aus dem Schrank geholt. Schily, gerade aus dem Bundestag ausgeschieden, soll hingegen Probleme haben, sich an ein Leben ohne Dienstwagen zu gewöhnen.
Die drei Protagonisten sind intelligente Köpfe, ihre Plädoyers in den RAF-Prozessen haben Geschichte geschrieben - die Frage ist, warum sich dann ihre Wege so auseinanderbewegten. Der Film (Kinostart 19. November) von Regisseurin Birgit Schulz gibt ein besonderes Zeugnis deutscher Zeitgeschichte. «Jeder der Drei würde sagen, dass sein Weg kontinuierlich und konsequent war», sagt Schulz, die drei Jahre an dem Film gearbeitet hat.
Schily wollte nicht mehr redenZu Beginn ist ein Schwarz-Weiß-Bild aus dem Amtsgericht Berlin-Moabit zu sehen. Horst Mahler beugt sich auf der Anklagebank zu Ströbele und Schily hinüber. Ströbele, der aus Solidarität Mahlers Robe trägt, und Schily verteidigen ihren Kollegen, der wegen einer versuchten Waffenbeschaffung für die RAF angeklagt ist. Mahler muss wegen seiner RAF-Mitgliedschaft später eine lange Haftstrafe absitzen.
Besonders Schily wollte eigentlich nicht mehr reden über seine Zeit als RAF-Anwalt. Zu oft wurde er mit Klischees wegen der Verteidigung von Terroristen wie Gudrun Ensslin und Andreas Baader überhäuft. Regisseurin Schulz musste lange Überzeugungsarbeit leisten.
Der Fall MahlerÜber Mahler sagt Schily: «Die Entwicklung von Horst Mahler in die rechte Szene ist eine Tragödie.» Und Mahler sagt über Schilys Wandel zum «Sicherheitsminister»: «Der Mann hat sich selbst zerstört.» Die Gespräche hätten aber gezeigt, dass auch Otto Schilys Weg eine Kontinuität aufweise, sagt Schulz. Für ihn sei das Entscheidende die Verteidigung des Rechtsstaats. Im Stammheim-Prozess gegen die Führung der RAF «hat er, wenn man so will, den Rechtsstaat gegen den Staat verteidigt, der Unrechtsgesetze erlässt.» Mit seinen Gesetzen als Minister wiederum habe er den Rechtsstaat gegen den Terrorismus verteidigen wollen. «Für ihn ist das in der Tat stimmig und wie er es begründet, wirkt es nicht konstruiert. Er glaubt da fest dran.»
Suche nach dem ExtremenUnd Mahler? Warum begibt sich einer der besten Anwälte im Berlin der 70er Jahre auf solche Irrwege? Der Film kann das nicht klar beantworten. Regisseurin Schulz sieht einen Grund darin, dass Mahler stets das Extreme und den Widerstand gegen den Staat sucht. In den 70ern hat er in konspirativen Treffen auf Friedhöfen versucht, mit Andreas Baader für die RAF Waffen zu beschaffen - 30 Jahre später grüßte er zum Beispiel den früheren Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, mit dem Hitler-Gruß. Ströbele, der für sich in Anspruch nimmt, als einziger links geblieben zu sein, ist die Enttäuschung über die chamäleonhafte Wandlung Mahlers anzumerken. «Da fehlen mir die Worte.» (Von Georg Ismar, dpa)