24.04.2001
Herausgeber: netzeitung.de
Mit niedrigen Kosten sichern sich Autokonzerne Gewinne. Hersteller, die «Pfusch ab Werk» ausliefern, kalkulieren Millionen für blamable Rückrufe. Der Kunde bleibt rechtlos.
FRANKFURT/MAIN. Der Airbag fliegt dem Fahrer um die Ohren, die Klimaanlage schmort und Bremsen versagen: Das ist gang und gäbe bei fabrikneuen Autos. Immer wieder müssen die Konzerne tausende Autos zurückrufen. Was aber nicht unbedingt heißt, dass die Probleme damit erledigt sind. Eine Nachfrage der Netzeitung ergab: Die Rechte des Verbrauchers sind sehr begrenzt.
Neuwagenkäufer als Testfahrer «Der Rückruf ist salonfähig geworden», meint Ulrich May, Leiter der ADAC-Verbraucherschutzabteilung. Der Konkurrenzkampf zwingt die Hersteller dazu, wo immer möglich Kosten zu sparen und in immer kürzeren Intervallen neue Modelle zu präsentieren. Die Testphasen werden aus Kostengründen kürzer, dafür spielt der Kunde Testfahrer. Außerdem werden die Fahrzeuge immer komplexer, und bei viel Technik kann auch viel Technik kaputt gehen.
Tendenz bei Rückrufen: Stark steigendDas Kraftfahrt-Bundesamt zählte 1992, dem Beginn der Statistik, insgesamt 52 Rückrufe in Deutschland. Im vergangenen Jahr waren es bereits 94 - Tendenz steigend. Weltweit müssen jedes Jahr Millionen Autos zur Nachbesserung in die Werkstätten. Auch hochklassige Marken wie BMW und Mercedes-Benz sind nicht vor der öffentlichen Blamage gefeit.
«Die sind alle mal dran», sagt Hans-Klaus Strupp, der Leiter der Abteilung Technik des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg. Bei seiner Behörde melden sich die Hersteller, wenn sie die Adressen der Autobesitzer brauchen, um sie anzuschreiben. Seit 1997 ist das Bundesamt laut Produktsicherheitsgesetz verpflichtet, die Sicherheit der Produkte im Straßenverkehr zu überwachen und im Ernstfall eine Warnung auszusprechen.
«Pfusch ab Werk»Doch die Hersteller lassen es nicht so weit kommen. Sie ziehen es vor, ihren Kunden einen netten Brief zu schreiben. Das zeugt zwar von Verantwortungsbewusstsein, für größtmögliche Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen, andererseits klingt jeder Rückruf nach «Pfusch ab Werk», wie es das Fachblatt «Auto/Straßenverkehr» formulierte.
Nur eine Warnung vor GefahrenRechtlich bedeutet der Rückruf nur eine Warnung vor möglichen Gefahren. Der Hersteller ist nicht einmal zur Übernahme der Reparaturkosten verpflichtet, übernimmt diese aber normalerweise freiwillig. Der Imageschaden wäre zu groß.
Die Kulanz endet beim Service: Abholung des Autos beim Halter, ein kostenloser Ersatzwagen für die Zeit der Reparatur - Fehlanzeige, zumindest in Deutschland ist das nicht üblich. Zwar muss der Käufer beim Rückruf keine Kosten fürchten, wohl aber einige Mühe. Gesetzlich verpflichtet ist der Halter nicht, diese auf sich zu nehmen. Doch die meisten fahren in die Werkstatt im Interesse der eigenen Sicherheit.
Reparatur unmöglichParadox wird das Ganze, wenn die Warnung zwar erfolgt, die Reparatur aber nicht möglich ist. Jüngst geschehen beim Renault-Minivan Kangoo: Rund 250.000 der Transporter müssen weltweit nachgebessert werden, davon 46.000 in Deutschland. Im Bordrechner arbeitet ein Steuergerät nicht richtig. Die Folge: Sowohl der Airbag als auch der Gurtstraffer können plötzlich auslösen. In 60 Fällen ist dies laut Renault passiert.
Eine schnelle Abhilfe ist jedoch nicht möglich: «Es stehen im Moment nicht genügend Steuergeräte zur Verfügung», sagt Renault-Vorstand Reinhard Zirpel. Der Zulieferer kommt mit der Herstellung nicht nach, viele Händler führen schon Wartelisten.
Ersatzwagen zu teuer «Ich möchte die Sache nicht bagatellisieren», sagt Zirpel, aber «kostenlose Ersatzfahrzeuge wären zu teuer.» Erst wenn etwas passiert, muss Renault haften: «Damit müssen wir leben», sagt Zirpel. Erst bei einem Schaden liegt die Verantwortung beim Verursacher. «Das ist das traurige System der Produkthaftung in Deutschland», sagte ADAC-Experte May. Für den Autofahrer könnte das schon zu spät sein.