29.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Portzamparcs Plan für die Rue de la Loi in Brüssel
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der französische Star-Architekt Christian de Portzamparc hat einen Plan, wie die trostlose Hauptachse von Brüssel für das urbane Leben zu erobern ist. Doch die Operation Europaviertel wird langwierig und teuer.
Brüssels Europaviertel ist nicht eben eine Schönheit. Überall wird gebaut, und das ohne jeden Zusammenhang bislang. Immer wieder müssen historische Häuser mit Flair viele davon regelrechte Jugendstil-Perlen gesichtslosen Bürotürmen weichen. Kleine Gassen münden abrupt in mehrspurige Straßen und Untertunnelungen. Neuankömmlinge finden sich in dem Quartier ebenso wenig zurecht wie im Institutionen-Wirrwarr der Europäischen Union. Einen übergeordneten Bebauungsplan gibt es nicht und das Viertel, in dem Europaparlament, EU-Ministerrat und Europäischen Kommission ihren Sitz haben, platzt aus allen Nähten.
Jetzt soll der französische Stararchitekt Christian de Portzamparc Glanz, Leben und vor allem Sinn in das Durcheinander bringen. Er hat jüngst den Wettbewerb der regionalen Regierung von Brüssel und der EU-Kommission gewonnen. Portzamparc könnte der richtige Mann sein, lautet doch sein Credo: Häuser müssen immer auch eine Umgebung «mitschaffen». 390.000 Quadratmeter sollen unter Portzamparc entstehen, zusätzlich zu den 3,4 Millionen Quadratmeter Bürofläche, die die EU-Institutionen, Lobbyisten, Nichtregierungsorganisationen und Journalisten bereits beanspruchen.
International bekanntgeworden ist der 65-Jährige mit der futuristischen Konzert- und Museums-Anlage «Cité de la musique» im Norden von Paris oder dem New Yorker Hochhaus für den Luxuskonzern «LVMH Moët-Hennessy Louis Vuitton» in Form einer Champagnerflasche. In Berlin entwarf er den Neubau der französischen Botschaft am Pariser Platz. Unter Fachleuten gilt er als exzellenter, sympathischer sowie konservativer Urbanist. Den Belgiern ist er bekannt, hat er doch jüngst einer belgischen Ikone, Tim-und-Struppi-Schöpfer Hergé, vor den Toren der Hauptstadt ein Museum geschaffen.
Bausünden der 60er und 70er JahreIn Brüssel dürfte der Architekt nun einer ungleich schwierigeren Aufgabe gegenüber stehen. Das Europaviertel gilt als trauriges Beispiel für Bausünden aus den 1960ern und 1970ern. Im Zweiten Weltkrieg blieben die reich verzierten Brüsseler Häuschen verschont, aber als sich der EU-Apparat immer mehr aufblähte, musste eben mehr oder weniger spontan Platz geschaffen werden. Ein «Ghetto», schimpfen heute Leidtragende.
Vor allem um die Problemzone Nummer Eins wird sich Portzamparc kümmern: Die Rue de la Loi. Die historische Hauptachse Brüssels trennt das Europaviertel in zwei Hälften. Noch schieben sich hier unter der Woche Blechlawinen von Autos hindurch, flankiert von grauen Bürohäusern. Besonders zur Stoßzeit geht es im Schneckentempo voran. Für Fußgänger gibt es teilweise über mehrere hundert Meter hinweg keinen Übergang. Grüne Parks, Terrassen und Straßencafés zwischen den Gebäuden werden künftig diesen «langen Korridor» aufbrechen, heißt es in der Projektbeschreibung. Und für den Dauer-Stau soll eine Straßenbahn Abhilfe schaffen.
Er werde «in den Himmel bauen», kündigte der Architekt an. Weniger Gebäude sollen das Quartier dominieren aber dafür größere. Neben zahlreichen neuen Hochhäusern soll ein alles überragender Gebäudekomplex ein besonderes architektonisches Zeichen setzen: Drei nebeneinanderstehende, schlichte Vierkant-Türme sollen «zu Europa und der Welt sprechen», so Portzamparcs Vision. In Entwürfen sind sie etwa drei Mal so hoch wie das 130 Meter messende, sternförmige «Berlaymont»-Gebäude, der Sitz der EU-Kommission. Einziehen sollen einige Zweigstellen der Kommission, die schon jetzt aus dem Hauptgebäude ausgelagert sind und über das ganze Viertel verstreut sitzen.
Arbeiten dauern bis 2025Konkrete Pläne erster Ideen muss der in Paris lebende Architekt erst im Herbst vorlegen. Auch über die Kosten des gigantischen Projekts ist noch nichts bekannt, wie ein Sprecher sagte. Die Bauarbeiten für sollen 2011 beginnen und 2025 abgeschlossen werden. Auch neue Wohnungen und Geschäfte sollen entstehen damit das Leben im Stadtteil auch dann noch weitergehen kann, wenn die Lichter in den Bürotürmen erloschen sind. Und auch die Brüsseler selbst den von der EU vereinnahmten Stadtteil wieder schätzen. (Anna Pataczek, dpa)