«Dandy in der Unterwelt» von Sebastian Horsley: 

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«Dandy in der Unterwelt» von Sebastian Horsley 

Lupe «Ist jemand hier noch ohne Beleidigung?»

Jesus Christus war der «ultimative Dandy», kein Wunder also, dass sich sein Adept Sebastian Horsley einst ans Kreuz nageln ließ. Der exzentrische Londoner Millionärssohn stellte seine Autobiografie nun auch vor deutschem Publikum vor.

Bei sich zu Hause im Londoner Vergnügungsviertel Soho sorgt Sebastian Horsley mit seinem Äußeren nicht mehr für Aufsehen. In Mainz hingegen kann er sich irritierter Blicke sicher sein, zumindest außerhalb der Fastnachtssaison. Dort präsentierte der britische Exzentriker am Mittwoch seine soeben erschienenen Memoiren «Dandy in der Unterwelt» erstmals vor deutschem Publikum. Zur je nach Sichtweise - und je nach Kapitel - abstoßenden oder faszinierenden Lebensgeschichte des 46-Jährigen gehört auch, dass er sich für eine Kunstaktion freiwillig ans Kreuz nageln ließ. Die USA verweigerten ihm nicht nur deswegen die Einreise.

Solch werbewirksame Vorschuss-Lorbeeren versprachen einen kurzweiligen Abend in der kleinen Staatstheater-Außenspielstätte Tic. Der Gast aus London löste das Versprechen locker ein. Seine extravagante Erscheinung - überdimensionaler Zylinder, Gehrock und rot lackierte Fingernägel - war schon im Foyer zu bestaunen. Nur wenige Zeilen las er bei der als Lesung angekündigten Veranstaltung tatsächlich aus seinem erstmals übersetzten Buch.

Einstündige Performance
An dem bereitgestellten Tisch, an dem vorab der Schauspieler Thomas Prazak ein Kapitel der deutschen Fassung vorgetragen hatte, nahm er keine Sekunde Platz. Stattdessen stolzierte er unentwegt durch den Raum und lieferte eine gut einstündige Performance und Lehrstunde in Sachen Dandytum voller Weisheiten und Frechheiten.

Der Dandy, den der Millionärs- und Alkoholikersohn sowie selbst ernannte Nachfolger von Vorbildern wie Oscar Wilde und Arthur Rimbaud gibt, ist provokant, geistreich, witzig, arrogant, vulgär, pointiert, zynisch, selbstherrlich und vor allem niemals politisch korrekt. «Wenn ich irgendjemanden hier bis jetzt noch nicht beleidigt habe, tut es mir leid», meinte er nach seinem Eingangsmonolog, bei dem er schon mal die Zunge rausstreckte und den Mittelfinger zeigte. Natürlich beleidigt ein Dandy niemals so, dass man ihm ernsthaft böse sein könnte, sondern immer mit einem charmanten Augenzwinkern. «Diese Bastarde haben mein eigentliches Vorwort zensiert», schimpfte er und zeigte auf die ihn begleitende Pressesprecherin seines Verlags um dann genau jenes Vorwort vorzutragen.

«Drogen sind die Lösung«
Genüsslich schilderte Horsley seine Erlebnisse beim vergeblichen Einreiseversuch in die USA. Sein Vorschlag zur Terrorabwehr: Man sollte nur noch nackt fliegen dürfen. «Kein Araber würde in einem Flugzeug fliegen, in dem nur Nackte sitzen.» Der Gast aus Soho ließ sich über «Mein Kampf» aus und äußerte den Wunsch, so bedeutend wie die «Baader-Meinhof-Bande» zu werden. Er wolle das ganze Land verführen und habe deshalb schon zwei Wörter auf Deutsch gelernt: «Sebastian und Horsley». Religion verabscheut er, aber Jesus Christus sei der «ultimative Dandy» gewesen. Der Lebemann kokettierte, dass er gar nicht verstehe, warum Leute 20 Euro für sein Buch ausgeben, wo sie doch für weniger Geld Sex mit ihm haben könnten.

Auch mit so ziemlich allen Drogen inklusive Crack und Heroin kennt sich Horsley aus eigener, im Buch sehr drastisch geschilderter Erfahrung bestens aus, bereut aber nichts: «Nicht die Drogen sind das Problem, sondern das Leben. Drogen sind die Lösung.» Bei allen Provokationen und Unverschämtheiten ist der in manchen Momenten verletzlich erscheinende Akteur auch fähig zur Selbstironie. Auf über vierhundert Seiten, von Ex-Roxy Music-Sänger Bryan Ferry zum «schmutzigen Meisterwerk» geadelt, hat er seine Lebensgeschichte mit Stationen wie Punk, Callboy, Börsenspekulant und Künstler ausgebreitet: «Wenn Sie das Wort Ich aus dem Buch streichen, passt das, was übrig bleibt, auf die Rückseite einer Briefmarke».

«In Wirklichkeit bin ich gar kein Schriftsteller. Ich habe sogar ein Buch als Beweis», schloss Horsley seinen Auftritt und lüftete das Geheimnis, das längst keines mehr war: «In Wirklichkeit bin ich ein Performer.» Draußen vor der Tür zeigte sich ein junger Mann beeindruckt: «Das war auf jeden Fall bewusstseinserweiternd», befand er. «Selbstbewusstseinserweiternd», präzisierte sein Begleiter. (Von Max Blosche, dpa)

«Dandy in der Unterwelt» ist im Blumenbar Verlag erschienen. Am 18. und 20. Juli wird Horsley sein Buch in Berlin vorstellen.