NZ-Lyrik-Anthologie16. Mrz 2001 15:17, ergänzt 22. Okt 2003 14:25 Gedichte sprechen für sich. Sie sind sogar, meinte der Nobelpreisträger Joseph Brodsky, bessere Gesprächspartner als Freunde und Geliebte. Die Netzeitung stellt Gedichte vor, gegenwärtige oder altbekannte, und schildert, wie sie die Einflüsterung verstanden hat.
XXXIV Ein kybernetischer Romantiker
In Mirko Bonnés Lyrikband «Hibiskus Code» finden sich Gedichte, die beunruhigend perfekt mit dem Aneinanderketten von Bildern und Begriffen arbeiten.
XXXIII Der Schweif der Parabeln
Hendrik Rost hat in diesem Jahr den Dresdner Lyrikpreis erhalten. Für die Netzeitung fertigte Rost eine Skizze über das Paarungsverhalten der Dichter.
XXXII Über die Gefühle zum Sinn
Aus dem beachtlich großen Werk des walisischen Lyrikers R. S. Thomas ist bisher nur weniges in deutscher Sprache zugänglich. Die Gedichte des anglikanischen Priesters sind geprägt von einer emotionalen und konzentrierten Bildsprache.
XXXI Selbst den Fischen kommen die Tränen
Bei der Betrachtung dreier Haikus aus dem Reisebericht des klassischen japanischen Dichters Bashô stößt man nicht nur auf das Alltägliche in der Poesie. In Bashôs Lyrik haben Schmerz und Scherz ihren Platz.
XXX Die Biografie zum Kalauer
Günter Eichs Gedicht «Pfeffers Ernte» erweist sich bei näherem Hinsehen als biografische Skizze aus der Kriegszeit, entzieht sich aber mit Kalauern und Witzeleien dem Leser unerwartet.
XXIX Strophen vom Tejo
Mit «So könnte es sein» ist der neue Gedichtband des Niederländers Cees Nooteboom betitelt, der sich in Deutschland vor allem als Romancier – «Rituale», «Allerseelen» – einen Namen gemacht hat.
XXVIII Der Tod ist nicht poetisch
Der in Kärnten lebende Autor Janko Ferk schreibt seine Gedichte in zwei Sprachen: Slowenisch und Deutsch. Den großen Themen Liebe und Tod nähert er sich in «Psalmen und Zyklen» behutsam-fragend.
XXVII Nach dem Befreiungsschlag
Vor einigen Jahren zog sich Ulrich Schacht nach Schweden zurück. Der 1976 von der Bundesrepublik aus DDR-Haft freigekaufte Autor hat die Zeit genutzt, um sich neu zu orientieren. Die NZ stellt ein bislang unveröffentlichtes Gedicht Schachts vor.
XXVI Sehnsucht nach innen
Der dänische Dichter Henrik Nordbrandt ist ein schreibender Nomade. Seine Gedichte handeln von der Lust und der Last, immer wieder wegzugehen.
XXV Ein unterirdischer, flüssiger Pakt
Der in Deutschland noch wenig bekannte irische Lyriker Micheal O'Siadhail hat in seiner Heimat zehn Bücher veröffentlicht: Von Vertrauen und Lebenslust sprechen seine Gedichte.
XXIV Doppelte Anrede
«No ideas but in things» war der Kernsatz der Poetik des Amerikaners William Carlos Williams, dessen Dichtung sich durch gestalterische Klarheit auszeichnet. Über Williams Gedicht «Suzanne».
XXIII Die Heiterkeit unter dem Diskomond
Das Klingeln des Telefons schürt das Verlangen Hauke Hückstädts. Die lässig hingeworfenen Verse des Lyrikers verraten exakte Arbeit, seine Hingabe erinnert an Rilke.
XXII Sterben fürs Gedicht
Der Schweizer Lyriker Raphael Urweider collagierte Phrasen aus einem meteorologischen Handbuch zu einem Gedicht. Das Ergebnis löste in der Schweiz heftige Reaktionen, gar Morddrohungen aus.
XXI Debüt im Zwischenhimmel
Corinna Soria hat den zum zweiten Mal vergebenen Lyrikdebüt-Preis zugesprochen bekommen. Ihre Gedichte sind Protokolle eines Aufbruchs.
XX Finten, Beischlaf und Reflexe
Der Lyriker Michael Hofmann ist in Deutschland geboren worden und in England aufgewachsen. Die außerordentlichen Gedichte des Sohns von Romancier Gert Hofmann sind jetzt in einer zweisprachigen Ausgabe erschienen.
XIX Verbrannte Haut
Die polnische Lyrikern Marzanna Kielar hat jüngst ein Burda-Stipendium für osteuropäische Literatur erhalten. In ihren Gedichten werden Augenblicke des Alltagslebens als ferne Erinnerungen vergegenwärtigt.
XVIII Vers und Stachel
Ulrike Draesners Gedichte sind mit Haken versehen: Wer sich das Gedicht zur Lektüre wählt, darf auf Widerstand stoßen. Die Motive gehen nicht ohne Rest auf.
XVII Winterdialoge
Die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes von 1956 war für Tomas Venclova, stellvertretend für eine ganze Generation von Künstlern, von nachhaltiger Bedeutung – aber auch ein Gewinn. Von nun an setzte man seinen Weg in Abwesenheit potenzieller Illusionen fort.
XVI Tiefflug über Bermuda
Der Dichter Norbert Hummelt schreibt mit den Mitteln des ehemaligen Fernsehkritikers: Er sieht zu und verfasst dann die bessere Version des Gesehenen.
XV Unproduktive Triebe
«Die Zukunft ist leer», heißt es bei Joseph Brodsky – so leer wie ein beschriebenes Blatt. Der Nobelpreisträger von 1987 hielt, apodiktisch genug, die Poesie für die höchste und eleganteste Äußerungsform des Menschen.
XIV Schwarz behaarte Sprache
Friederike Mayröcker wird in diesem Jahr mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet. Experimentell ist an ihren Gedichten wenig. Nicht alles an ihnen ist verständlich. Immer liest man aber einen starken Zweifel an der Fortdauer von bruchlosen Bildern und Biografien, letztlich gar an der poetischen Schönheit heraus.
XIII Legaler Rausch
Alexander Nitzberg tritt mit einem Gedicht hervor, als ginge es darum, das kürzeste und best strukturierte Werk zu schreiben. Das Ergebnis ist in seiner handwerklichen Vollendung nicht zu überbieten.
XII Jahre und Sekunden
In einer deutschen Erstveröffentlichung präsentiert die NZ eine Handvoll «Sekunden» des griechischen Dichters Jannis Ritsos. Sie zeugen ohne Bitterkeit, doch mit selbstverständlicher Zuneigung zur Welt, vom Bewusstsein des nahenden Todes.
XI Der Rückweg durchs Nadelöhr
Am schwersten ist es mit der Lyrik, lautet eine oft kolportierte Äußerung. Als Genre steht sie für den Spätherbst der Sprache – alles geht auf seinen ästhetisch dichten Fluchtpunkt zu. Über Hans Faverey.
X Nach uns die Archäologen
Die Wissenschaft vermeldet, dass schwere Erdbeben auch in Deutschland möglich sind, Pompeji ist überall: Der Dichter Durs Grünbein fragt, was später unter dem Fallout des alten Jahrhunderts von uns zu finden sein wird.
IX Chinesisches über den Nachkrieg
Der Lyriker Bei Dao zählt zu den großen Autoren Chinas. In seiner Heimat kennt man von ihm jedoch nur Texte bis 1989. Die Ereignisse auf dem «Platz des Himmlischen Friedens» hat Dao in Berlin vor dem Fernseher verfolgt. Seitdem lebt er im Exil.
VIII Der freie Mund küsst eine Frau
Die Vollendung ist maximal, schwer zu übertreffen, das Scheitern minimal, kaum spürbar, und dadurch um so schmerzhafter. Was macht aus einem kurzen Text, wie einem Gedicht von Alfred Wolfenstein, das perfekte Gedicht?
VII Bernstein-Strand
In den Siebzigerjahren waren Schusswunden und blaue Flecken Motive der Lyrik und der Politik. Dann ließ die Kraft der Revolte nach, und die einen wurden Außenminister, während andere mit Oden und der Tradition experimentierten, wie der Dichter Jürgen Theobaldy.
VI Eine phallische Reise
Wer sich in der Literatur auf Reisen begibt, läuft kaum Gefahr, am Touristenklassensyndrom zu erkranken. Eher droht man, sich in der Weite der Andeutung zu verlieren. Raoul Schrott hält sich an fremden Orten an die Erinnerung und klassische Motive.
V Immer wieder: Sachliche Romanzen
Den Alltag in Schönheit zu verwandeln, ist eine Hoffnung, die mit Gedichten verbunden wird - und eine Forderung. Der junge Lyriker Jan Wagner hält einen Abschied fest, der mit der ersten heftigen Begegnung beginnt.
IV Väter der Klamotte
Aus Buchstaben ein Gedicht zusammenzusetzen, ist wie einen Sack Flöhe zu hüten: Keiner hört auf den anderen. Dennoch, schreibt der Lyriker Armin Senser, «kein Gedicht kommt am (lebenden) Dichter vorbei.»
III Schwierige Liebe
Man muss nicht gleich sterben, wenn man liebt. Die heftige Zuneigung zweier Menschen ist trotzdem schwierig: Sie vereinbart zwei unvereinbare Dinge, wie Heinrich Heine in seinem berühmten «Asra» schreibt.
II Der Terror kennt keine Regeln
Der Anfang vom Ende begann für Ossip Mandelstam 1934 - verhaftet wegen eines Epigramms gegen Stalin, den «Verderber der Seelen und Bauernabschlächter», und geistiger Freiheiten, die nicht ins sowjetische Imperium passten.
I Das echte neue Jahrhundert
Das 20. Jahrhundert begann für Anna Achmatowa, eine der großen Dichterinnen des Jahrhunderts, nicht 1900, sondern 1913. In jenem Winter konnten die besonders sensiblen unter den Zeitgenossen bereits ein fernes bedrohliches Rauschen vernehmen. Alexander Nitzberg übertrug und kommentierte für die NZ ein Gedicht der Autorin, das eine Wende nahen sieht.
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