Literaten entdecken Twitter :
«Twitteratur» auf 140 Zeichen
Über Twitter kann jeder auf einfache und schnelle Weise der ganzen Welt mitteilen, was er gerade macht - oder zumindest all jenen, die das interessiert. Der Dienst hat derzeit weltweit mehr als drei Millionen registrierte Teilnehmer. Diese können über eine Internetseite oder per SMS Kurzmeldungen absenden, sogenannte Tweets, die dann alle erreichen, die den Schreiber abonniert haben, seine «Follower».
Der Ablauf bei einer solchen Lesung: Twitterer lesen vor Publikum ihre eigenen Kurzmeldungen oder die anderer vor. Der Schwerpunkt liegt auf witzigen oder unterhaltsamen Texten. «Wir stellen die Tweets in einen Zusammenhang oder zeichnen einen Tagesablauf anhand von Tweets verschiedener Nutzer nach», sagt Krüger.
Zusammen mit fünf Bekannten startete er im vergangenen Mai auch die wohl einzige deutsche Webseite, die Twittermeldungen literaturkritisch betrachtet. Auch wenn die Betreiber das Ganze eher ironisch angehen, so ist die Idee durchaus ernst gemeint. «Bei vielen Tweets merkt der Leser, dass sich der Autor Gedanken gemacht hat, die über die 140 Zeichen hinausgehen», sagt Krüger.
Auch der britische Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry meint in seinem Blog: «Beschränkungen scheinen seltsamerweise das Beste an Esprit, Einblick und Beobachtung hervorzubringen.» Fry gehört zu den zahlenmäßig erfolgreichen Twitterern: Gut 250.000 Follower hatte er Anfang März. Follower nennt man auf Twitter die Abonnenten der Kurznachrichten.
Der brasilianische Bestseller-Autor Paulo Coelho («Der Alchemist») kam hingegen nur auf knapp 7.000. Aber während Coelho via Twitter lediglich auf neue Einträge in seinem Blog hinweist, finden sich bei Fry oft Tweets, die selbst eine literarische Qualität haben.
Der Aufwand hält sich dabei in Grenzen, urteilt er. «Würde Musil seinen Mann ohne Eigenschaften heute twittern, bräuchte er auch nur fünf Minuten pro Fortsetzung», scherzt der Wahlberliner. Bei seinen Kurzkapiteln lässt sich der Autor bisher ohne Planung durch eine absurde Krimihandlung treiben. Dabei baut er die Namen bekannter Blogger ein, etwa von «Handelsblatt»-Redakteur Thomas Knüwer. Dessen Namensvetter stirbt in Ankowitschs ironischem Roman einen gewaltsamen Tod.
