Literaten entdecken Twitter : 

netzeitung.de«Twitteratur» auf 140 Zeichen

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Twitter-Profil des Schriftstellers Stephen Fry Screenshot: nz (Screenshot: nz<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Twitter-Profil des Schriftstellers Stephen Fry Screenshot: nz
Screenshot: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der britische Schriftsteller Stephen Fry tut es, auch Paulo Coelho ist dabei: Die Literatur lässt sich von der strikten Zeichenbeschränkung des Mikro-Blogging-Dienstes Twitter nicht abschrecken. Im Gegenteil.

Die Nachrichten des Online-Dienstes Twitter. Kurznachrichten dürfen nicht mehr als 140 Zeichen lang sein und doch sind sie dabei, eine neue Literaturform hervorzubringen. «Twitteratur» oder «Twiction» nennen die Nutzer solche Mini-Texte, in denen sie sich um literarische Qualität bemühen.

«In Anbetracht von Mäuschen, die eine kopflose Taube im Gleisbett ausweideten, erhielt der Nimbus der Nagerniedlichkeit einen herben Schlag», schreibt etwa jemand mit dem Benutzernamen hightatras. Inzwischen gibt es öffentliche Lesungen und sogar eine Internetseite, die Kurznachrichten einer Literaturkritik unterzieht.

Über Twitter kann jeder auf einfache und schnelle Weise der ganzen Welt mitteilen, was er gerade macht - oder zumindest all jenen, die das interessiert. Der Dienst hat derzeit weltweit mehr als drei Millionen registrierte Teilnehmer. Diese können über eine Internetseite oder per SMS Kurzmeldungen absenden, sogenannte Tweets, die dann alle erreichen, die den Schreiber abonniert haben, seine «Follower».

Twitter-Lesung
Zu den Verfechtern des literarischen Twitterns zählt der Hamburger Finanzberater André Krüger. Er war Mitveranstalter der bisher einzigen Twitter-Lesung in Deutschland. Zur ersten Veranstaltung in Berlin kamen im vergangenen Juli etwa 250 Zuschauer, um die 120 waren es Ende Januar dieses Jahres in Hamburg.

Der Ablauf bei einer solchen Lesung: Twitterer lesen vor Publikum ihre eigenen Kurzmeldungen oder die anderer vor. Der Schwerpunkt liegt auf witzigen oder unterhaltsamen Texten. «Wir stellen die Tweets in einen Zusammenhang oder zeichnen einen Tagesablauf anhand von Tweets verschiedener Nutzer nach», sagt Krüger.

Zusammen mit fünf Bekannten startete er im vergangenen Mai auch die wohl einzige deutsche Webseite, die Twittermeldungen literaturkritisch betrachtet. Auch wenn die Betreiber das Ganze eher ironisch angehen, so ist die Idee durchaus ernst gemeint. «Bei vielen Tweets merkt der Leser, dass sich der Autor Gedanken gemacht hat, die über die 140 Zeichen hinausgehen», sagt Krüger.

Twitkrit.de
Da diese «Perlen» sonst meist im Rauschen des nie versiegenden Twitter-Stroms untergingen, wollen die Macher von Twitkrit.de ihnen mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Den Zwang, sich kurzzufassen, sieht Krüger als Vorteil: «Nicht selten gewinnen die Texte dadurch an Originalität. Vor allem aber an Lakonie, Ironie und Treffsicherheit», schreibt er auf der Twitkrit-Seite.

Auch der britische Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry meint in seinem Blog: «Beschränkungen scheinen seltsamerweise das Beste an Esprit, Einblick und Beobachtung hervorzubringen.» Fry gehört zu den zahlenmäßig erfolgreichen Twitterern: Gut 250.000 Follower hatte er Anfang März. Follower nennt man auf Twitter die Abonnenten der Kurznachrichten.

Der brasilianische Bestseller-Autor Paulo Coelho («Der Alchemist») kam hingegen nur auf knapp 7.000. Aber während Coelho via Twitter lediglich auf neue Einträge in seinem Blog hinweist, finden sich bei Fry oft Tweets, die selbst eine literarische Qualität haben.

Twitter-Fortsetzungsroman
Den wahrscheinlich ersten Twitter-Fortsetzungsroman in deutscher Sprache schreibt seit Anfang Januar der Österreicher Christian Ankowitsch. «Das Paradoxe ist ja, dass das Internet unbegrenzt ist, Twitter aber quasi die Antithese zur Unendlichkeit darstellt», sagt der Autor und Journalist. Literarische Formen würden sich immer wieder neu erfinden; gute Twittertexte entsprächen den Aphorismen früherer Zeiten.

Der Aufwand hält sich dabei in Grenzen, urteilt er. «Würde Musil seinen Mann ohne Eigenschaften heute twittern, bräuchte er auch nur fünf Minuten pro Fortsetzung», scherzt der Wahlberliner. Bei seinen Kurzkapiteln lässt sich der Autor bisher ohne Planung durch eine absurde Krimihandlung treiben. Dabei baut er die Namen bekannter Blogger ein, etwa von «Handelsblatt»-Redakteur Thomas Knüwer. Dessen Namensvetter stirbt in Ankowitschs ironischem Roman einen gewaltsamen Tod.

Deutschsprachige Autoren fangen erst an, das Twittern zu entdecken. Ganz anders im technikbegeisterten Japan: Hier wurde schon 2007 die Hälfte der meistverkauften Romane auf dem Handy geschrieben. (Marcus Kirzynowski/epd)