netzeitung.deDesign versus Nutzerfreundlichkeit?

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Kreatives Webdesign muss vom Diskurs der «Usability» unabhängig werden, schreibt Geert Lovink . Denn aktuell befindet sich das Webdesign in einer Krise. Von Geert Lovink Die gegenwärtige Situation des Internet ist paradox: Sein stetiges Wachstum ist von zunehmender konzeptioneller Stagnation begleitet. Dies lässt sich an der Entwicklung des Webdesigns illustrieren. Fiona Buffini etwa schreibt in der Australian Financial Review vom 8.4.2000: «Gerade jetzt, da die Designer die Technologie zur Verfügung haben, um interaktive Webseiten mit Klängen und Animationen zu entwickeln, erscheint die Zukunft eher monochrom.» Denn die Displays der Handys zwingen das Design, die Erwartungen bezüglich Farbe, Schrift und Ladegeschwindigkeit erneut drastisch zu reduzieren. Ebenso verhält es sich mit interaktivem Fernsehen. Zwei Schritte vorwärts - einer zurück? Oder: Ein Schritt vorwärts, zwei zurück? Das Webdesign hat nicht länger die Pionier-Aufgabe, das Publikum von den «interaktiven» Möglichkeiten des Netzes zu überzeugen. Inhalte, die überraschend vielschichtig miteinander verknüpft sind und damit das Surfen zu einer aufregenden Reise durch noch unerschlossenen Hyperraum machten, werden nun der blanken Funktionalität unterworfen. Design für 50 Millionen Webseiten wie Yahoo!, Excite und Amazon, Suchmaschinen wie Google, und nahezu alle Nachrichtenorganisationen - die zusammen die Mehrheit aller Klicks auf sich vereinen - stehen für den neuen Stil des Webdesign. Der gesamte Platz von Startseiten wird für die Maximierung der textbasierten Informationen genutzt: «Nutzerfreundlichkeit scheint zur Hauptanforderung großer kommerzieller Kunden an Webdesigner geworden zu sein,» so Buffini. «Mit der wachsenden Netzbevölkerung müssen Designer etwas entwerfen, das 50 Millionen Menschen bedienen können. Um dies zu leisten, müssen sie neutrale Lieferanten der Anpassung an die Kunden werden,» ergänzt Medienanalytiker Ian Webster. Die Aufgabe von Webdesign ist es damit nicht mehr, demonstrativ für das ganze Netz zu entwickeln - falls jener mythologische Raum der frühen Tage je existiert hat. Kreativem Netzdesign, das sich immer noch als Avantgarde versteht, in Wirklichkeit aber längst seinen Einfluss auf die Netzwirklichkeit verloren hat, droht die Gefahr unfreiwilliger Marginalisierung. Es muss Verständnis für ein sich rapide wandelndes ökonomisches Umfeld entwickeln. Die Gefahr, bloße Schaufenstergestaltung in einem sozialen und kulturellen Vakuum zu betreiben, war immanent immer ein Problem für Designer, und auch der Missbrauch von Design zum Zwecke der Profitmaximierung ist ein allseits bekanntes Dilemma. Ich spreche aber weder vom Niedergang noch vom Verrat am Webdesign. Ganz im Gegenteil hat Flash Technologie nach der ersten HTML-Welle der Mittneunziger eine Renaissance eingeleitet. Selbstisolation des Webdesign Beängstigender ist die unbewusste Selbstisolation des Webdesign, was auch von der Internetforschung als solcher gesagt werden kann. Die New Economy wird immer mehr von den Gesetzen des Aktienmarktes beherrscht. Die Suche nach technologischer Innovation ist keine Triebkraft mehr. Flashanwendungen, Streaming Media oder virtuelle 3D Umgebungen sind nicht mehr interessant. Der Diskurs über Nutzerfreundlichkeit erleidet ein ähnliches Schicksal allmählicher Regression. Untersuchungen über die «Haftung», also die Nutzerfreundlichkeit des Designs und die Besuchsfrequenz dienten einst der Erleichterung für die rapide wachsende Zahl an Nutzern, die nicht mehr so auf der Höhe der Technik waren wie die frühen Anwender. Dank solcher Formen von Nutzerfreundlichkeit ist die Frage der Navigation paradoxerweise selbst zu einem Unthema geworden. Der Tod der Aufmerksamkeitsökonomie Die Forschungen zur Usability haben sich seitdem gegen sich selbst gewendet. Sie helfen Unternehmen heute lediglich dabei, sich der herrschenden Monokultur einzugliedern. Die Internetabteilungen von Unternehmen stehen heute unter dem gewaltigen Druck, Umsatz zu machen. Niemand glaubt mehr dem Argument, dass mit erstaunlichen Experimenten Profil gewonnen werden kann: Die Aufmerksamkeitsökonomie ist tot. «Blicke auf sich ziehen, ist an sich noch kein Wirtschaftsmodell» schlussfolgerte das Magazin Fortune kürzlich. Deswegen plädiere ich entschieden dafür, die Entwicklung von Webdesign zu trennen vom Bestreben nach Nutzerfreundlichkeit und seinem unbeabsichtigten Ergebnis, das Netz stromlinienförmig zu machen - trotz der guten Absichten von Usability-Experten wie Jacob Nielsen, Brenda Laurel und anderer. Es ist an der Zeit, durch neue Allianzen andere Perspektiven für das Webdesign zu entwickeln. Der Medientheoretiker Geert Lovink hat mit der Agentur BILWET mehrere Bücher zu Medien und Internet veröffentlicht, zuletzt «Elektronische Einsamkeit». Sein bereits kontrovers diskutierter Text erschien zuerst auf der Mailingliste nettime, eine längere Version in deutscher Übersetzung auf www.mek-software.de. Mehr im Internet: Diskussion zum Lovink-Text (Mailingliste nettime) Usability-Streitgespräch "Wir sind eine Homepage" (Monatszeitung De:Bug)

Von Geert Lovink

Die gegenwärtige Situation des Internet ist paradox: Sein stetiges Wachstum ist von zunehmender konzeptioneller Stagnation begleitet. Dies lässt sich an der Entwicklung des Webdesigns illustrieren. Fiona Buffini etwa schreibt in der Australian Financial Review vom 8.4.2000: «Gerade jetzt, da die Designer die Technologie zur Verfügung haben, um interaktive Webseiten mit Klängen und Animationen zu entwickeln, erscheint die Zukunft eher monochrom.» Denn die Displays der Handys zwingen das Design, die Erwartungen bezüglich Farbe, Schrift und Ladegeschwindigkeit erneut drastisch zu reduzieren. Ebenso verhält es sich mit interaktivem Fernsehen. Zwei Schritte vorwärts - einer zurück? Oder: Ein Schritt vorwärts, zwei zurück?

Das Webdesign hat nicht länger die Pionier-Aufgabe, das Publikum von den «interaktiven» Möglichkeiten des Netzes zu überzeugen. Inhalte, die überraschend vielschichtig miteinander verknüpft sind und damit das Surfen zu einer aufregenden Reise durch noch unerschlossenen Hyperraum machten, werden nun der blanken Funktionalität unterworfen.

Design für 50 Millionen
Webseiten wie Yahoo!, Excite und Amazon, Suchmaschinen wie Google, und nahezu alle Nachrichtenorganisationen - die zusammen die Mehrheit aller Klicks auf sich vereinen - stehen für den neuen Stil des Webdesign. Der gesamte Platz von Startseiten wird für die Maximierung der textbasierten Informationen genutzt: «Nutzerfreundlichkeit scheint zur Hauptanforderung großer kommerzieller Kunden an Webdesigner geworden zu sein,» so Buffini. «Mit der wachsenden Netzbevölkerung müssen Designer etwas entwerfen, das 50 Millionen Menschen bedienen können. Um dies zu leisten, müssen sie neutrale Lieferanten der Anpassung an die Kunden werden,» ergänzt Medienanalytiker Ian Webster.

Die Aufgabe von Webdesign ist es damit nicht mehr, demonstrativ für das ganze Netz zu entwickeln - falls jener mythologische Raum der frühen Tage je existiert hat. Kreativem Netzdesign, das sich immer noch als Avantgarde versteht, in Wirklichkeit aber längst seinen Einfluss auf die Netzwirklichkeit verloren hat, droht die Gefahr unfreiwilliger Marginalisierung. Es muss Verständnis für ein sich rapide wandelndes ökonomisches Umfeld entwickeln. Die Gefahr, bloße Schaufenstergestaltung in einem sozialen und kulturellen Vakuum zu betreiben, war immanent immer ein Problem für Designer, und auch der Missbrauch von Design zum Zwecke der Profitmaximierung ist ein allseits bekanntes Dilemma. Ich spreche aber weder vom Niedergang noch vom Verrat am Webdesign. Ganz im Gegenteil hat Flash Technologie nach der ersten HTML-Welle der Mittneunziger eine Renaissance eingeleitet.

Selbstisolation des Webdesign
Beängstigender ist die unbewusste Selbstisolation des Webdesign, was auch von der Internetforschung als solcher gesagt werden kann. Die New Economy wird immer mehr von den Gesetzen des Aktienmarktes beherrscht. Die Suche nach technologischer Innovation ist keine Triebkraft mehr. Flashanwendungen, Streaming Media oder virtuelle 3D Umgebungen sind nicht mehr interessant.

Der Diskurs über Nutzerfreundlichkeit erleidet ein ähnliches Schicksal allmählicher Regression. Untersuchungen über die «Haftung», also die Nutzerfreundlichkeit des Designs und die Besuchsfrequenz dienten einst der Erleichterung für die rapide wachsende Zahl an Nutzern, die nicht mehr so auf der Höhe der Technik waren wie die frühen Anwender. Dank solcher Formen von Nutzerfreundlichkeit ist die Frage der Navigation paradoxerweise selbst zu einem Unthema geworden.

Der Tod der Aufmerksamkeitsökonomie
Die Forschungen zur Usability haben sich seitdem gegen sich selbst gewendet. Sie helfen Unternehmen heute lediglich dabei, sich der herrschenden Monokultur einzugliedern. Die Internetabteilungen von Unternehmen stehen heute unter dem gewaltigen Druck, Umsatz zu machen. Niemand glaubt mehr dem Argument, dass mit erstaunlichen Experimenten Profil gewonnen werden kann: Die Aufmerksamkeitsökonomie ist tot. «Blicke auf sich ziehen, ist an sich noch kein Wirtschaftsmodell» schlussfolgerte das Magazin Fortune kürzlich.

Deswegen plädiere ich entschieden dafür, die Entwicklung von Webdesign zu trennen vom Bestreben nach Nutzerfreundlichkeit und seinem unbeabsichtigten Ergebnis, das Netz stromlinienförmig zu machen - trotz der guten Absichten von Usability-Experten wie Jacob Nielsen, Brenda Laurel und anderer. Es ist an der Zeit, durch neue Allianzen andere Perspektiven für das Webdesign zu entwickeln.

Der Medientheoretiker Geert Lovink hat mit der Agentur BILWET mehrere Bücher zu Medien und Internet veröffentlicht, zuletzt «Elektronische Einsamkeit». Sein bereits kontrovers diskutierter Text erschien zuerst auf der Mailingliste nettime, eine längere Version in deutscher Übersetzung auf www.mek-software.de.