Cornelia Funke im Porträt:
Die Drachensucherin
Wie fünfzig sieht sie nun wirklich nicht aus. Der dunkle Rock schmiegt sich an den tadellos schlanken Körper. Locker fallen ihr die blonden Haare auf die Schultern. Eine Frau mit Schminktäschchen überpudert einen Glanzpunkt auf der Nase, zieht die Begrenzung der Oberlippe nach. Eine Frau mit Klemmbrett kommt in den Raum und zeigt auf die Uhr.
Die Frau mit den Schminksachen wickelt einen Eisbeutel um den kranken rechten Fuß. Das Tuch darum ist schwarz, passend zur Kleidung . Wenn Cornelia Funke die Position im Stuhl verändert, werden ihre Züge für eine Sekunde starr. Sie ist gleich wieder freundlich, bereit zum Gespräch.
Cornelia Funke, die in Dorsten in Westfalen geboren ist, Sozialpädagogik studiert und zunächst auf einem Bauspielplatz gearbeitet hat, ist nicht so eine verträumte Person, wie es ihre schwingenden Röcke und die wallenden Haare vermuten lassen. Sie weiß, was sie will. Ein zweites Studium, an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg, brachte sie ihrem Ziel näher: Buchillustration. Als ihr die angebotenen Geschichten nicht mehr reichten, begann sie selbst zu schreiben.
Spätestens seit dem ersten «Tintenherz»-Band weiß sie auch, wie es sich anfühlt, die Bestsellerlisten anzuführen. Zunächst nur in den USA, weil sich der «Spiegel» noch zierte, ein deutsches Jugendbuch in seine Liste aufzunehmen. Als das Magazin seine Meinung änderte, stand Funke prompt mit allen drei Tintenherz-Romanen mehrere Monate lang unter den zwanzig bestverkauften Titeln. Ob ihr das alles nicht märchenhaft vorkomme? «Nein, in ein Märchen möchte ich bitte nicht versetzt werden. Die sind meistens so grausam.» Funke verkörpert vielmehr ein deutsches Sprichwort: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.
Sie hat nicht darauf gewartet, dass ihr ehrwürdiger Verlag, die Heimat von Erich Kästner und Astrid Lindgren, von Kirsten Boie und Paul Maar, irgendwann ihre Bücher dem englischen Markt anbieten würde. Cornelia Funke engagierte 2002 selbst ihren zweisprachig aufgewachsenen Cousin Oliver Latsch als Übersetzer und schickte ihn mit «Herr der Diebe» herum. Mit Erfolg. Barry Cunningham, der Entdecker von Joanne K. Rowling, erkannte auch die Funkeschen Fähigkeiten und nahm sie unter seine Fittiche.
«Ich liebe an L.A. vor allem, dass es mir ermöglicht, immer draußen zu sein, draußen zu leben. Ich liebe es, dass die Natur so dominant ist, auch mit dem Feuer oder drohenden Erdbeben. Man ist in einer halben Stunde am Meer.» Die Tradition des deutschen Exils mit Bertolt Brecht und Thomas Mann, die sei ihr bewusst, natürlich, sie lese auch mal im Goethe-Institut. «Aber ich bin ja nicht nach L.A. gekommen, um dort die deutsche Tradition zu pflegen, sondern um international zu leben.»
Das andere Sprachumfeld stellte sie vor Herausforderungen. Sie spricht mit ihren Kindern Deutsch, mit ihrem Cousin, mit der amerikanischen Presse-Agentin. Doch sagt sie: «Man muss in der anderen Umgebung wieder eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit seiner Sprache anfangen. Nur dadurch bleibt sie einem erhalten.» Das für nächsten Herbst angekündigte Buch «Reck-less», das in die Welt der Märchen führt, hat ihr genau diese Erfahrung beschert. Das hat sie auf Englisch zu schreiben begonnen, weil es so aufregend war, «eine ganze Schatzkiste neuer Worte zu haben», und ist dann reumütig zum Deutschen zurückgekehrt.
In Deutschland wird sie oft gefragt, ob sie eines Tages für Erwachsene schreiben wird. Im angelsächsischen Raum sieht man die Grenzen nicht so eng. Dennoch beschäftigt sie diese Frage: «Wie beeinflusst mich, dass meine Kinder jetzt fast erwachsen sind? Ich weiß es nicht.» Anna hat am selben Tag Geburtstag wie ihre Mutter. Sie wird heute neunzehn. Ben ist vierzehn Jahre alt. «Ich hoffe, dass ich weiter für Kinder schreiben kann. Die Kinder haben mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Und ich liebe diese Leidenschaft des Publikums.» Ihr Publikum stellt sich geduldig an, um ein Buch von Cornelia Funke signiert zu bekommen. Bei ihrer letzten Lesung in Berlin vor einem Jahr hatte sie im Theater des Westens erst nach anderthalb Stunden das letzte Autogramm geschrieben. Als sie sich in der Bambi-Stadt Offenburg ins Goldene Buch eintragen sollte, säumten Kinder ihren Weg wie bei einem Popstar. «Cornelia! Cornelia!» riefen sie.
Ihr ganzes Leben habe sich «vertintet» sagt die Autorin, wieder mit einem fröhlichen Lachen, als sie erzählen soll, was sich durch «Tintenherz» geändert habe. Sie müsse aufpassen, dass ihr nicht zu viel Schreibzeit verloren gehe. Durch den Film und die amerikanische Veröffentlichung von «Tintentod» häufen sich die Anfragen. Ihre Kinder gehen vor, sagt Cornelia Funke, sie mache nur Termine, die absolut wichtig sind: eine Woche Deutschland, eine Woche England, eine Woche Amerika. «Ich habe einfach keine Zeit, in der Welt herumzureisen.» Zur Filmpremiere sind die Kinder mit nach Berlin gekommen.
Eine Begegnung mit ihr ist heute so kompliziert zu erreichen wie mit dem Literaturnobelpreisträger Günter Grass oder einem Filmstar wie Nicole Kidman. Sie ist nicht die deutsche Version von jemand anderem. Sie ist Cornelia Funke.
Mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung» übernommen.

