Cornelia Funke im Porträt: 

netzeitung.deDie Drachensucherin

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Cornelia Funke (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Cornelia Funke
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Für die Autorin von «Tintenherz» ist mit dem Umzug nach Kalifornien ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. Als zielstrebige Unternehmerin hat sie ihre Firma voll im Griff, wie Cornelia Geissler beobachten konnte.

Der Weg zu ihr führt an zwei Damen mit Laptops vorbei. Auf ihrer Liste haben die beiden vierundachtzig Journalisten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern. Alle wollen ein Gespräch mit Cornelia Funke. Sie kommen mit Mikrofonen, Kameras und Fotoapparaten. Sie sind laut, rücken Stühle, bauen Stative auf, halten Scheinwerfer hoch. Wer die Kinder- und Jugendbuchautorin in der Vergangenheit treffen wollte, wurde in das Haus ihres Verlages am Rande von Hamburg eingeladen. Dort erzählte Funke gemütlich bei Keksen und Tee von ihrer Arbeit. Doch diese Zeiten sind erstmal vorbei.

In dem schicken Hotel in Berlin-Mitte sitzt Cornelia Funke nun als eine Repräsentantin der Glitzerwelt von Hollywood. Dienstag Abend erlebte der Film «Tintenherz» seine Weltpremiere in Berlin. Am Mittwoch schon ziehen die Autorin und die Schauspieler des Filmes weiter. Sie feiern dann den Film noch einmal in London, nebenbei auch Cornelia Funkes 50. Geburtstag. Der deutsche Kulturstaatsminister ließ am Dienstag schon seine Glückwünsche via Pressemitteilung verbreiten.

Wie fünfzig sieht sie nun wirklich nicht aus. Der dunkle Rock schmiegt sich an den tadellos schlanken Körper. Locker fallen ihr die blonden Haare auf die Schultern. Eine Frau mit Schminktäschchen überpudert einen Glanzpunkt auf der Nase, zieht die Begrenzung der Oberlippe nach. Eine Frau mit Klemmbrett kommt in den Raum und zeigt auf die Uhr.

Eine Woche Zwangspause zum Schreiben genutzt
Es sind die Tage des größten Triumphs für Cornelia Funke. Die Filmpremiere sollte der abschließende Höhepunkt sein. Vor drei Wochen bekam sie das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht. Dann den Burda-Preis Bambi. Nach der großen Show in Offenburg wollte sie eigentlich wieder nach Hause fahren. Doch sie ist mit dem goldenen Reh in der Hand von der Bühne gestürzt. Gebrochen ist der Fuß nicht. Belastbar allerdings ebenfalls nicht. Cornelia Funke änderte ihr Programm, haderte nicht. «Das ist überhaupt das Beste, was mir passieren konnte!», sagt sie. «Ich hatte in meinem Londoner Hotel eine ganze Woche Zeit zum Schreiben.»

Die Frau mit den Schminksachen wickelt einen Eisbeutel um den kranken rechten Fuß. Das Tuch darum ist schwarz, passend zur Kleidung . Wenn Cornelia Funke die Position im Stuhl verändert, werden ihre Züge für eine Sekunde starr. Sie ist gleich wieder freundlich, bereit zum Gespräch.

Cornelia Funke, die in Dorsten in Westfalen geboren ist, Sozialpädagogik studiert und zunächst auf einem Bauspielplatz gearbeitet hat, ist nicht so eine verträumte Person, wie es ihre schwingenden Röcke und die wallenden Haare vermuten lassen. Sie weiß, was sie will. Ein zweites Studium, an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg, brachte sie ihrem Ziel näher: Buchillustration. Als ihr die angebotenen Geschichten nicht mehr reichten, begann sie selbst zu schreiben.

«Das schreibt man mir auf den Grabstein»
Niemand hat auf ihre Texte gewartet. Aber sie war damals beharrlich genug, sich mit ihren eigenen Geschichten durchzusetzen. 1988 hielt sie mit «Die große Drachensuche» das erste eigene Buch in den Händen. Im Jahr darauf folgte «Hinter verzauberten Fenstern» über das wundersame Leben hinter den Türchen von Adventskalendern. Durch die Serie «Die wilden Hühner» verfielen ihr ab 1993 die Mädchen scharenweise. Als ihr «Drachenreiter» 1997 erschien, waren dicke Bücher für Kinder noch nicht üblich in Deutschland. Damals war gerade, noch kaum beachtet, in England der erste «Harry Potter»-Band herausgekommen. Wer Cornelia Funke heute «die deutsche Joanne K. Rowling» nennt, meint es in der Regel gut und will ihren Rang in der Kinderliteratur betonen. «Das schreiben sie mir noch auf den Grabstein», sagt Funke und schickt ein glucksendes Lachen hinterher. Sie weiß, sie war schon eher da.

Spätestens seit dem ersten «Tintenherz»-Band weiß sie auch, wie es sich anfühlt, die Bestsellerlisten anzuführen. Zunächst nur in den USA, weil sich der «Spiegel» noch zierte, ein deutsches Jugendbuch in seine Liste aufzunehmen. Als das Magazin seine Meinung änderte, stand Funke prompt mit allen drei Tintenherz-Romanen mehrere Monate lang unter den zwanzig bestverkauften Titeln. Ob ihr das alles nicht märchenhaft vorkomme? «Nein, in ein Märchen möchte ich bitte nicht versetzt werden. Die sind meistens so grausam.» Funke verkörpert vielmehr ein deutsches Sprichwort: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.

Sie hat nicht darauf gewartet, dass ihr ehrwürdiger Verlag, die Heimat von Erich Kästner und Astrid Lindgren, von Kirsten Boie und Paul Maar, irgendwann ihre Bücher dem englischen Markt anbieten würde. Cornelia Funke engagierte 2002 selbst ihren zweisprachig aufgewachsenen Cousin Oliver Latsch als Übersetzer und schickte ihn mit «Herr der Diebe» herum. Mit Erfolg. Barry Cunningham, der Entdecker von Joanne K. Rowling, erkannte auch die Funkeschen Fähigkeiten und nahm sie unter seine Fittiche.

«In L.A. kann ich immer draußen leben»
Mittlerweile sind etliche ihrer 47 Bücher in 43 Ländern erschienen. Oliver Latsch ist inzwischen ihr Literaturagent und lebt in Los Angeles, wie sie auch. Mit Los Angeles hat sich Cornelia Funke einen Traum verwirklicht. Sie träumte ihn zusammen mit ihrem Mann, der im März 2006, nicht einmal ein Jahr nach dem Umzug, an Krebs starb. «Für Rolf, immer», steht als Widmung vorn im «Tintentod», dem 2007 erschienenen dritten «Tintenherz»-Roman. Wenn Cornelia Funke von Los Angeles spricht und ihrem Leben dort, strahlt sie so, dass man sie mit ihrem kranken Fuß wegtragen will aus dem grauen Berlin an ihren Sehnsuchtsort.

«Ich liebe an L.A. vor allem, dass es mir ermöglicht, immer draußen zu sein, draußen zu leben. Ich liebe es, dass die Natur so dominant ist, auch mit dem Feuer oder drohenden Erdbeben. Man ist in einer halben Stunde am Meer.» Die Tradition des deutschen Exils mit Bertolt Brecht und Thomas Mann, die sei ihr bewusst, natürlich, sie lese auch mal im Goethe-Institut. «Aber ich bin ja nicht nach L.A. gekommen, um dort die deutsche Tradition zu pflegen, sondern um international zu leben.»

Das andere Sprachumfeld stellte sie vor Herausforderungen. Sie spricht mit ihren Kindern Deutsch, mit ihrem Cousin, mit der amerikanischen Presse-Agentin. Doch sagt sie: «Man muss in der anderen Umgebung wieder eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit seiner Sprache anfangen. Nur dadurch bleibt sie einem erhalten.» Das für nächsten Herbst angekündigte Buch «Reck-less», das in die Welt der Märchen führt, hat ihr genau diese Erfahrung beschert. Das hat sie auf Englisch zu schreiben begonnen, weil es so aufregend war, «eine ganze Schatzkiste neuer Worte zu haben», und ist dann reumütig zum Deutschen zurückgekehrt.

Mit den Sätzen spielen
Während sie spricht, wuseln immer noch Leute durchs Zimmer. Man hört, wie die Tür kurz aufgeht und wieder geschlossen wird. Cornelia Funke bleibt konzentriert: «Im Deutschen weiß ich, wie ich mit einem Satz spielen, wie ich seine grammatikalische Struktur verändern kann. Wenn es auch nicht immer so ist, wie wir es in der Schule gelernt haben, weiß ich, dass es funktioniert, interessant klingt vielleicht. Im Englischen weiß ich das nicht so genau. Diese Sicherheit aber braucht man als Schriftsteller. Sonst ist man verloren.»

In Deutschland wird sie oft gefragt, ob sie eines Tages für Erwachsene schreiben wird. Im angelsächsischen Raum sieht man die Grenzen nicht so eng. Dennoch beschäftigt sie diese Frage: «Wie beeinflusst mich, dass meine Kinder jetzt fast erwachsen sind? Ich weiß es nicht.» Anna hat am selben Tag Geburtstag wie ihre Mutter. Sie wird heute neunzehn. Ben ist vierzehn Jahre alt. «Ich hoffe, dass ich weiter für Kinder schreiben kann. Die Kinder haben mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Und ich liebe diese Leidenschaft des Publikums.» Ihr Publikum stellt sich geduldig an, um ein Buch von Cornelia Funke signiert zu bekommen. Bei ihrer letzten Lesung in Berlin vor einem Jahr hatte sie im Theater des Westens erst nach anderthalb Stunden das letzte Autogramm geschrieben. Als sie sich in der Bambi-Stadt Offenburg ins Goldene Buch eintragen sollte, säumten Kinder ihren Weg wie bei einem Popstar. «Cornelia! Cornelia!» riefen sie.

Ihr ganzes Leben habe sich «vertintet» sagt die Autorin, wieder mit einem fröhlichen Lachen, als sie erzählen soll, was sich durch «Tintenherz» geändert habe. Sie müsse aufpassen, dass ihr nicht zu viel Schreibzeit verloren gehe. Durch den Film und die amerikanische Veröffentlichung von «Tintentod» häufen sich die Anfragen. Ihre Kinder gehen vor, sagt Cornelia Funke, sie mache nur Termine, die absolut wichtig sind: eine Woche Deutschland, eine Woche England, eine Woche Amerika. «Ich habe einfach keine Zeit, in der Welt herumzureisen.» Zur Filmpremiere sind die Kinder mit nach Berlin gekommen.

Haushälterin, Assistentin und Agenten
Früher hat ihr Mann für die Familie gekocht und seine Frau durch die Gegend gefahren. Er gab seinen Beruf als Architekt für ihre Arbeit auf. Seit dem Tod ihres Mannes hat sie eine Haushälterin und eine persönliche Assistentin, «einen Haufen Agenten und Anwälte», die ihr etwas abnehmen. «Das ist kein Ersatz. Aber die Arbeit ist wenigstens wieder organisiert», sagt sie und schickt flapsig hinterher: «Ich bin ein Unternehmen.» Mehr als 15 Millionen Bücher hat sie auf diese Weise verkauft. Sie hat sich als Co-Produzentin ein Mitspracherecht bei der «Tintenherz»-Verfilmung gesichert.

Eine Begegnung mit ihr ist heute so kompliziert zu erreichen wie mit dem Literaturnobelpreisträger Günter Grass oder einem Filmstar wie Nicole Kidman. Sie ist nicht die deutsche Version von jemand anderem. Sie ist Cornelia Funke.

Mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung» übernommen.