Film über ein Jahrhundert Max Bill: Bauhaus-Künstler mit Augenmaß04. Dez 2008 12:31  |  1951 - Max Bill mit dem Modell des Schweizer Pavillons von Venedig. | Foto: PR |
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Pünktlich zum 100. Geburtstag von Max Bill kommt nun ein Film über den Schweizer Designer in die Kinos. Ingeborg Ruthe findet, dass vor allem die Szenen des Scheiterns die Qualität dieses Filmes ausmachen.
Max Bill liebte Steinbrüche. Im Norden Italiens, im Tessin und in Südfrankreich fand er seinen farbigen Granit, den der Erde abgebettelten Stoff für jene «informellen» - nie sagte er «abstrakten»- harmonischen Schlaufen-Formen. Für seine runden, sinnlichen, mit sanften Durchbrüchen versehenen Gebilde, die, wiewohl aus härtestem Gestein, doch so weich und sanft und erotisch wirken und viele große Plätze der Welt zieren.
Mit einem Steinbruch beginnt Erich Schmids Film über den Bildhauer, Designer, Typografen, Architekten, Maler, Hochschullehrer, den Antifaschisten und einstigen Bauhausschüler Max Bill, geboren am 22.12.1908 in Winterthur, gestorben am 9.12.1994 auf dem Flughafen Tegel, kurz vor dem Heimflug nach Zürich, nach einer Sitzung der Akademie der Künste.«Erotik», pflegte Bill zu sagen, ist «Grundlage des künstlerischen Schaffens». Darauf lässt der Film sich ein und verzichtet dafür auf jedes Pathos. Er setzt auf Genauigkeit der Sequenzen: Originalaufnahmen mit dem Künstler an den Orten seines Wirkens, seiner Schönheits- und Harmoniesuche durch «Konkrete Kunst» - ob Atelier oder Natur, ob Schul-Aula oder Rednerpult im Schweizer Nationalrat 1967. Es gibt viele Stationen und Gespräche mit Zeitzeugen. Zu Bills treuesten Weggefährten gehören etwa der Schweizer Künstler Gottfried Honegger und der Freund aus dem antifaschistischen Widerstand, Ignazio Silone, sein Sohn Jakob Bill, aus der langen Ehe mit der 1988 verstorbenen Fotografin Binia Spoerri. Und Bills zweite Ehefrau seit 1990, Angela Thomas.
 |  Der Studentenausweis des Künstlers aus der Kunst-, Design- und Architekturschule Bauhaus in Dessau. | Foto: PR |
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Der Film erzählt anschaulich aus einem langen, reichen, wechselhaften Leben. Nicht die Chronologie liefert den Faden, sondern diesen Film prägt das Verknüpfen gerade der inneren, auf mehreren Ebenen miteinander verschränkten Zusammenhänge. Immer wieder - ob in Atelierszenen, auf Ausstellungen, auf Biennalen, beim Arbeiten für die von Bill 1950/51 gegründeten Ulmer Hochschule für Gestaltung - geht es um Bills absolutes Augenmaß und eine das 20. Jahrhundert als widersprüchlichste Spanne fassende Kunst.
Kein leichter Lebensweg
Die stärksten Szenen, originale und nacherzählte, sind nicht nur die des großen Erfolgs. Es sind auch die des Scheiterns. In Zürich flog Bill mit 17 von der Kunstschule wegen Aufsässigkeit. Der gestrenge Vater, ein Bahnbeamter, übte ökonomischen Druck aus. Bill war mittellos, musste sich fügen - und ging doch seinen Weg: erst ans Bauhaus, dann in den antifaschistischen Widerstand. Es gibt im Film tiefe Erschütterungen, etwa wenn Bill in einer Archivaufnahme erzählt, wie die aus Paris vor den Nazis geflohene Dadaistin Sophie Taeubner-Arp sich in Bills Gartenhaus mit Kohlenmonoxid vergiftete - weil sie es nicht verstand, den Ofen richtig zu heizen. Oder die stumme Szene, als Bill 1956 Ulm verlässt, weil ausgerechnet Altnazi Filbinger ihn, den «Linken», vertreibt. Und dann ist da jene Szene, als Bill 1977 wegen eines Tumors ein Auge verliert. Am Tag nach der OP zeichnet er im Bett die Grafikserie «Seven Twins». Bill, das erzählt dieser schnörkellose Film, war ein Ausnahmekünstler. Noch in jener Szene, in der man miterlebt, wie er 1993, körperlich schon schwach, in Tokio für sein Lebenswerk den Premium Imperiale erhält. Bescheiden steht er da, einfach, zugänglich und menschenfreundlich. Der Hochanspruchsvolle war er in der Kunst. Kunst und Leben sollten - ganz dem Bauhausideal verpflichtet, eins werden, damit das Leben der Menschen besser würde. Max Bill glaubte daran, dass dann auch die Menschen sich bessern würden. Max Bill - Das absolute Augenmaß, Schweiz 2008. Bundesstart 04.12.2008. Regie und Buch: Erich Schmid, Kamera: Ueli Nüesch. 85 Minuten, Farbe. Mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung»
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