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Neue Schau in Wolfsburg: 

Die Kunst zu wohnen

01. Dez 2008 12:49
Sunroom Scene 1, von Eric Fischl, zu sehen im Kunstmuseum Wolfsburg
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Und das Wohnen in der Kunst: Carmen Böker über die Ausstellung «Interieur/Exterieur», Entscheidungen zwischen Ikea vs. Unikat, die Zukunft des Möbeldesigns sowie die zeitlose Sehnsucht, im Kosmos heimisch zu werden.

Wer wohnt, fühlt sich hoffentlich wohl dabei - und zwar auch dabei, berechenbar für Besucher zu werden. Ist man bei einem jüngeren Angehörigen des Kunstbetriebs eingeladen, kann man vorher Wetten darauf abschließen, dass dort etwas von Knoll oder, noch öfter, Mies van der Rohes «Barcelona Chair» herumsteht - in effektvoll leeren Lofts, die an das White-Cube-Ideal der Galerien erinnern.

Wer komplett in Ikea eingerichtet ist und den Geruch der Plastikverpackungen noch nicht vollständig weglüften konnte, hat vermutlich neulich fluchtartig seine alte Behausung verlassen müssen, er sieht seine Möbel aber wenigstens nicht anstrengend als Raumskulpturen mit Unikat-Charakter an. Ob nun dicke Vorhänge die Blicke von außen auf Haufen von Kuschelkissen abschirmen oder Passanten ungehindert durch deckenhohe Glasscheiben auf aufgeräumte Sofabänke spechten dürfen: Immer kann damit auch darauf geschlossen werden, ob die eigenen vier Wände als private Höhle oder halböffentliche Bühne inszeniert wurden. «Das Wohnen», schrieb Martin Heidegger 1954, «ist die Weise, wie die Sterblichen auf Erden sind».

Wohnen sei nicht nur «versinnlichte Kulturgeschichte», sondern seit den 1980er-Jahren auch Leitkultur des Lifestyles. Und schon von 1900 an ein Schauplatz für die Konflikte der Moderne. So formulieren es Annelie Lütgens und Markus Brüderlin, die beiden Kuratoren der neuen Wolfsburger Ausstellung «Interieur/Exterieur. Wohnen in der Kunst», die noch den Untertitel «Vom Interieurbild der Romantik zum Wohndesign der Zukunft» mit sich führt.

Cloud (Nuages), von Erwan und Ronan Bouroullec
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Damit wird die ganze Spannbreite des Unternehmens ausgewiesen: Die Sehnsucht, gewissermaßen im Kosmos heimisch zu werden, mit ihm zu verschmelzen, wird immer im Zaum gehalten werden von einem Bedürfnis nach Zurückgezogenheit und Privatsein; da das für unsere eilige Zeit zu passiv klingt, wurde dafür der chice Begriff «Cocooning» geprägt. Das Kunstmuseum hat zum Themenkomplex einen Parcours mit rund 140 Exponaten eingerichtet, unter den 70 beteiligten Künstlern und Designern befinden sich beispielsweise Henry van de Velde, Henri Matisse, Ronan & Erwan Bouroullec, Sylvie Fleury, Donald Judd, Jasper Morrison, Andrea Zittel und Tobias Rehberger. Eigens rekonstruiert - nach einer Fotografie von 1926 - wurde Piet Mondrians Atelier, dessen schmal emporstrebende Linien einen erhellenden Gegensatz zur Breitwand-Ausrichtung der kontemporären Lounge bilden.

Vom Museum jüngst angekauft und frisch mit grobem Wollstoff bezogen, wabert und flirrt Verner Pantons «Phantasy Landscape Visiona 2» (1970) - eine technicolorgrelle Wohnlandschaft, mit der alle Sitzdogmen gesprengt werden sollten, jedoch können darin eher nur sehr ursprüngliche Aufenthaltsposen im Mutterleib nachvollzogen werden. «Interieur/Exterieur» oszilliert, dramaturgisch geschickt und didaktisch zugleich, zwischen Gegensatzpaaren wie diesen.

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VON INNEN NACH AUSSEN

Die Böhmische Landschaft
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Ausgangspunkt des Ganzen ist ein Gemälde Caspar David Friedrichs, «Böhmische Landschaft mit dem Milleschauer» (1808). Denn, so die beiden Ausstellungsmacher, gerade die offenen und weiten Horizonte von Friedrichs Bildern umfassten ein «Inneres», man halte sich beim Betrachten gleichzeitig im Freien und innerhalb der eigenen Häuslichkeit auf. Dieses Gefühl, aus dem Umschlossensein herauszutreten, tritt gleich danach bei Georg Friedrich Kersting noch stärker zutage: «Am Stickrahmen» (1827) zeigt eine junge Frau am Fenster, als biedermeierliches Sinnbild vom Sehen und Gesehenwerden - und als Beispiel einer entstehenden bürgerlichen Repräsentationskultur.

«Es ist von unleugbarem Interesse, geliebte oder ausgezeichnete Personen in der ihnen eigentümlichen und ihrem Berufe angemessenen Umgebung zu sehen, die, wo sie sich auf charakteristische Weise gestaltet hat, keine Zufälligkeit mehr ist, so wenig als das Haus der Schnecke, das aus ihr selbst hervorgeht», befand seinerzeit der Maler Wilhelm von Kügelgen, den die Vielfalt unserer «Living»-Magazine in Print und TV gewiss erfreut hätte.

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VON AUSSEN NACH INNEN

Nach 1848 war es mit der zaghaften Entgrenzung allerdings schnell wieder vorbei - wie überhaupt jede Bewegung ihre Gegenbewegung zu erzeugen scheint, à la: vom Bauhaus zum Nierentisch und wieder zurück (demnächst soll endlich der Landhaus-Look überwunden werden). Oder: Von der postmodernen Opulenz zum Ethos der Einfachheit - wie es heute Jasper Morrison predigt; sein «Thinking Man's Chair» aus kargen Eisenbändern ist eine Abstraktion des Clubsessels.

In der Stilvielfalt des Historismus hingegen wucherten Plüsch und Pleureusen. Die Räume waren vollständig nach innen gekehrt und verdunkelt, jeder helle Strahl und alles Weiße wurden als störende Außeneinflüsse abgewehrt, für Sigmund Freud Ausdruck des abgründigen Unterbewussten hinter prachtvoller Fassade.

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VOM ANWESENDEN ZUM ABWESENDEN

Robert Longo fertigte 2002 eine Serie großformatiger Kohlezeichnungen an, die auf Fotografien von Freuds 1938 verlassener Wiener Wohnung zurückgreift. Sie sind Spurensuche eines Lebensstils, thematisieren aber zugleich den Abwesenden und suchen ihn so seinerseits zu analysieren. Sarah Jones hat 2007 ebenfalls die leere Couch eines Psychoanalytikers fotografiert, mitsamt der Körperabdrücke der Patienten.

Derart findet die Dokumentation des Wohnens aktuell auch in den Zeitschriften statt: je edler, desto weniger Menschen sind zu sehen. Besonders in den Möbelskulpturen der Minimal-Art, die bei Donald Judd oder Imi Knoebel so gut mit der geradlinigen Geräumigkeit von Lofts korrespondieren, würden sie nur stören. Andrea Zittel hat nicht unbedingt etwas gegen Bewohner - insofern diese bereit sind, sich der strikt ritualisierten Nutzung ihrer Kombüsen zu fügen.

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VON DER HÖHLE ZUM GLASKUBUS

Julius Shulmans Fotografien der «Case Study Houses», einem von 1945-66 in den USA realisierten Musterhaus-Programm, zeigen das von allen Schlacken befreite Wohnen. Die Hausbesitzer arrangieren sich auf den Fotos wie zur ewigen Cocktailparty, die Möbel sind auf das funktional Notwendige limitiert, mit weiten Glaswänden werden Begrenzungen unsichtbar. Als Schlusspunkt der Ausstellung spinnt Werner Sobeck diese luxuriös raumgreifende Idee derzeit noch ein wenig weiter: Die Glaskapsel «R 129» lässt Innen und Außen völlig ineinander aufgehen.

Das Interieur feiert das Architektenideal des leeren Raums, alle Möbelstücke können zum Verschwinden gebracht werden. Dazu bemerkt der Grafikdesigner Andreas M. Vitt im Katalog-Gespräch mit Markus Brüderlin: «Auf einer rein pragmatischen Ebene ist mir nicht klar, warum Möbel im Boden verschwinden sollten. Kann man dann besser staubsaugen? Ich jedenfalls möchte mir nicht jeden Tag aufs Neue meine Möbel ausklappen müssen.» Jede Wohnvision erregt also ihren Widerspruch. Bei «Interieur/Exterieur» steht er gleich nebenan - in Gestalt zweier «Panic Rooms» von Alexandra Ranner, denen die Erwartung zugrunde liegt, die Umgebung sei feindlich und bedrohlich. Andererseits: Wer das glaubt, der lebt im Bunker.

Bis zum 13. April 2009 im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1. Der Katalog erscheint im Hatje Cantz Verlag, Preis in der Ausstellung: 39 Euro.

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».


 
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