Anish Kapoor in der Deutschen Guggenheim: Ein sanftes Bollwerk gegen die Gewalt 28. Nov 2008 16:26  |  Anish Kapoors 'Memory' | Foto: Deutsche Guggenheim / Photo: Mathias Schormann |
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Ein Kunststück der Erinnerung, aber auch ein Traum in Zeiten des Terrors: Der indische Bildhauer und Turner-Preis-Träger Anish Kapoor zeigt seine Skulptur «Memory» in der Berliner Guggenheim. Von Ingeborg Ruthe.
Die Anspannung hat sich in den letzten Stunden potenziert. Anish Kapoor erlebt seine Berlin-Premiere. Der Ausstellungssaal der Deutschen Guggenheim Unter den Linden gehört ihm ganz. Das ist Aufregung genug. Aber nun wird der, wie er sagt, «beglückende Anlass» überschattet vom islamistischen Terror in seiner Heimatstadt Bombay. Schon Tags zuvor hat der Bildhauer von London aus und dann die ganze Nacht über aus Berlin mit Verwandten und Freunden telefoniert, immer wieder, bis er wusste, dass sie in Sicherheit sind. Der 54-Jährige mit der grauen Dirigentenmähne lebt seit Anfang der Siebziger in London.
Wie die Nautilus Man ehrte ihn dort 1991 gar mit dem Turner Preis. Im Herzen aber ist und bleibt er Inder. Und gleichnishaft ist seine Skulptur zu lesen. Als sanftes Bollwerk gegen die Gewalt. Nichts geht mehr, versperrt ist der Raum. Ein riesiger, elliptischer, rostroter Körper ist millimetergenau gestrandet zwischen Wand und Wand, Saaldecke und Boden, wie das U-Boot aus Jules Vernes Nautilus-Legende. Das Gebilde aus 24 Tonnen in einer Groningener Werft handgehämmerter Cor-ten-Stahlflächen mit Streben und mächtigen Nieten scheint im Ausstellungssaal der Guggenheim-Filiale festzustecken wie ein Ei in einem Flaschenhals. Und doch berührt diese ästhetische Form weder Wände noch Boden oder Decke. Geradezu sanft und leicht geneigt schmiegt sich der harte Stahl in den Raum.
Zwischen Schuld und Sühne
«Memory» nennt Kapoor sein Werk, und das vergibt einen Hauch von Unendlichkeit des Materials. Und der Unendlichkeit von Erinnerungen. Der warm-rote bauchige Stahl nimmt alles um sich herum in sich auf. Und mit der konkaven Oberfläche kann man nie genau sagen, wo oder was diese Oberfläche eigentlich ist. Drei Perspektiven hat man auf die Plastik. Schon drei Schritte nach dem Haupteingang versperrt sie uns den Rest des Zugangs. Das Gewicht der Vergangenheit, ihrer Erinnerungen drängt nach vorn, in unsere abermals erschütterte, doch rasch vergessende Gegenwart. Kapoors sanft bedrängende Form will Krieg und Frieden, Kolonialismus und Faschismus, Holocaust, Kalten Krieg, Globalisierung und Terror erinnern. Auch Schuld und Sühne der Menschen. Die zweite Sicht auf «Memory» ergibt sich dann über einen kurzen Umweg via Bürgersteig und einen zweiten, extra gebauten Zugang zum Ausstellungssaal. Von da aus gleicht das amorphe Gebilde einem förmlich aus der Wand wachsenden und zur anderen Seite hin eingerammten fossilen Organismus aus dem Buch der Erdgeschichte. Und schließlich stehen wir vor einem schwarzen Quadrat in der Wand. Die Augen gewöhnen sich ans Dunkel – und nun blickt man hinein in den Bauch der Skulptur. Dies also ist die dritte Perspektive: Wir sehen einem «Organismus» unter die Haut. Für den Bildhauer ist dies «die Untersuchung des Verhältnisses zwischen Masse und Nichtmasse».
Kein affirmativer Pathos
 |  Blick ins Innere - Kapoors 'Memory' | Foto: Deutsche Guggenheim / Photo: Mathias Schormann |
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Zugleich erlaubt sich die Kunst hier den Rückzug von der Sichtbarkeit: Raum, Oberfläche, Objekt überschneiden sich, behindern die Aufsicht, das Werk wird subjektlos. Kollektive oder subjektive Erinnerungen tauchen – ins Nichts. Kapoor, das wird an dieser Stelle überdeutlich, geht es in seinem Berliner Auftragswerk des Guggenheim-Museums um Sichtbares und Unsichtbares, ums Erkennen und Nicht-Erkennen, um einen Ort, an dem Amnesie und absichtliches Vergessen wieder «zu Formen des Erinnerns» werden. Vom affirmativen Pathos staatlicher Monumente und der Kunst am Bau ist solche Skulptur meilenweit entfernt. Kapoor will dem Betrachtern immer auch die subtile Ebene des persönlichen Erlebens geben. Zugleich schafft er einen geheimnisvollen Raum, in dem das Auge und das Objekt, das Subjekt und die äußere Welt neu zusammenkommen. Die Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter verwandelt sich in einen geheimnisvollen, transzendentalen Zwischenraum. Während man die Körperlichkeit von Kapoors Skulptur sinnlich erfährt, wird man sich der eigenen Körperlichkeit bewusst. Es ist eine Reise in eine andere Welt, die wie der säkularisierte Buddhist Anish Kapoor sagt, «kein Ersatz für religiöse Erfahrungen sein soll. Sie kann jedoch ästhetische Erfahrungen ermöglichen».
Bezug zu Caspar David Friedrich Etliche Wahlverwandtschaften lassen sich in Kapoors Skulptur zur Kunst der Klassiker der westlichen Moderne finden, von Duchamp über Mark Rothko bis Ad Reinhardt. Wichtigster Bezug, verrät er, sei ihm der deutsche Romantiker Caspar David Friedrich. Kapoor spricht bei ihm von einer «Malerei des Erhabenen», an deren fernen Horizonten sich die Grenze zum Symbolischen oder zum „Raum Gottes“ offenbarten. Es gibt nur wenige zeitgenössische Künstler, die so souverän Skulptur und malerische Oberfläche vereinen. Sein Ziel, erklärt Kapoor, seien Skulpturen, die aussähen, als kämen sie «aus einer anderen Welt». Formungen, die ein geheimes, transzendentales Leben weiterführen. Solche eigenartige Gebilde sind – wie gerade «Memory» – geradezu physisch gewordene sinnliche Ereignisse. Für Berlin wählte er erstmals Cor-ten-Stahl statt Kunststoffe, Wachs oder Edelstahl.
Er hat nichts dagegen, wenn es heißt, seine Kunst schreibe sich in die Tradition des Traumartigen ein. Kapoor macht das Museum allzugern zu einer Bühne, auf der die Akteure und die Objekte sich – wie in einem Theater der Langsamkeit oder in einem Klub zur Verzögerung der Zeit – gegenseitig in Schwingung versetzen. Und das Publikum wird zum Akteur. Längst zählt er damit zu den bekanntesten Vertretern der British Sculpture, bewiesen hat er das auf den Biennalen Venedig, auf der Documenta IX in Kassel, wo sich in der Mitte seines begehbaren Raumes, den er «Vorhölle» taufte – ein schwarzes Loch von unendlicher Tiefe im Erdboden – öffnete. In der Krypta der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche, wo man sich zu Andachten und ökumenischen Abendgebeten trifft, steht ein monumentaler Altarstein. Kapoor hat ihn für diesen Ort Mitte der Neunziger aus schwarzem irischem Kalkstein geformt. In seiner Kunst verwischen sich die Grenzen zwischen Malerei und Skulptur. Ein solcher Altar, ein an die Nautilus erinnerndes Stahlgebilde, das den öffentlichen Raum versperrt oder eine gigantische Skulptur, die der Inder «die Häutung des Marsyas» nennt und die vor wenigen Jahren in der Turbinenhalle der Tate Modern aufstellte, alls das vergegenwärtigt rinparabelhafte Spiritualität, Meditation. Innere Vorstellungen von Reinheit, erfüllter Leere und vollendeter Form. Sanfte Kraft. Schönheit eben. Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 1. Febraur., tgl. 10–20/Do bis 22 Uhr, Mo Eintritt frei. Katalog 25 Euro. Mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung»
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