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Maus-Jubiläum: 

Die Menschwerdung der Mickey Mouse

18. Nov 2008 09:21
Immer hinter Minnie her: Mickey
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Vor 80 Jahren wurde der erste Mickey-Mouse-Film «Steamboat Willie» uraufgeführt. Wie sich der Kinomäuserich von einem sexbesessenen Nager zum Kleinbürger mausert, zeichnet Jens Balzer nach.

Binnenschiffer ist sein erster Berufswunsch gewesen: Nichts Schöneres kann sich der junge Mäuserich denken, als Kapitän auf seinem eigenen Kutter zu sein. Doch wer nach oben will, muss ganz unten anfangen: Mickey verbringt seine Lehrjahre als Kombüsenjunge auf einem Viehfrachter, sein Vorgesetzter ist ein brutaler Kater mit einem Holzbein. Unablässig kommandiert der haarige Schuft seinen einzigen Angestellten zum Schrubbdienst aufs Unterdeck ab - bis es Mickey doch noch gelingt, die Knechtschaft zu überwinden und das Kommando zu übernehmen.

Wie er das schafft und welche Rolle seine halbnackt am Ufer herumtanzende Freundin Minnie Mouse dabei spielt - davon handelt Ub Iwerks' und Walter E. Disneys Trickfilm «Steamboat Willie», der heute vor 80 Jahren, am 18. November 1928, im New Yorker «Colony»-Theater uraufgeführt wurde.

Tellergroße Augen

Es war der bislang größte Erfolg der beiden Zeichner, die 1922 in Kansas City ein Trickstudio gegründet hatten. Dort drehten sie Werbe- und Märchenfilme, aber auch eine Trick- und Realsequenzen mischende «Alice in Wonderland»-Serie. Die Rechte an ihrer erfolgreichsten Figur, dem Hasen Oswald, hatten sie Anfang des Jahres an einen gerissenen Geschäftspartner verloren. Mit «Steamboat Willie» stellen sie nun erstmals ihre neuen Tricktiere vor - wobei Mickey mit Stupsnase, tellergroßen Augen und kurzem Höschen eigentlich genauso aussieht wie ihr Vorgänger Oswald; lediglich die langen Ohren hat der Zeichner Iwerks gekappt.

Neben Mickey debütiert auch seine Freundin Minnie. Am Zipfel ihres Unterhöschens zieht er sie an Bord, um mit der Liebsten ein fröhliches Volkslied zu quieken: «Turkey in the straw». Mangels anderer Instrumente müssen sie ihre Musik freilich auf dem Resonanzkörper der Tierfracht erklingen lassen. Den Schwanz einer melodisch aufmaunzenden Katze zupfen sie wie eine Gitarrensaite; den Refrain des Stücks melkt Mickey einer Kuh aus dem Euter, während Minnie auf ihren Zähnen klimpert, als wären sie ein Xylophon.

Skurrile Metamorphosen der Tierkörper

Der unerhörte Erfolg, den «Steamboat Willie» bei seiner Premiere erringt, verdankt sich vor allem diesem finalen Auftritt. Nicht nur ist dies der erste durchgehend vertonte Zeichentrickfilm überhaupt; er schöpft seinen ganzen Witz aus dem Kontrast von Geräuschen und Bildern. So werden die musikalischen Mäuse zu Stars, und Disney und Iwerks, die gerade noch kurz vor dem Ruin gestanden haben, können ihre Filme fortan am laufenden Band produzieren.

Damit begeistern sie nicht nur das amerikanische Massenpublikum, sondern auch die europäischen Zuschauer - und Avantgardisten wie den sowjetischen Regisseur Sergej Eisenstein, der dem inzwischen nach Los Angeles umgesiedelten Disney-Studio 1930 einen Besuch abstattet und darüber unter anderem in einem begeisterten Brief an Sigmund Freud berichtet. Bei Disney, so Eisenstein, sei nichts anderes als eine utopische Kunstsprache am Werk, die den «bürgerlichen Illusionismus» sprenge. In den skurrilen Metamorphosen der Tierkörper sei das «Werden» der Dinge über das «Sein» erhoben - denn «die vorgeblich objektiv darstellenden Formen» würden «immer wieder dazu gezwungen, sich als immaterielles Spiel freier Linien und Oberflächen» zu gebärden. So erkennt Eisenstein in den Mickey-Mouse-Filmen antikapitalistische Subversion: «In einem Gesellschaftssystem mit derart gnadenlos standardisierten, maschinenhaft vorgeformten Existenzbedingungen muss dieses Schauspiel der Omnipotenz zwangsläufig ein äußerstes Maß an Attraktivität besitzen.»

Geheimagent oder rasender Reporter

Omnipotent erscheint zu Beginn seiner Karriere vor allem der Mäuserich selbst. Nicht nur unterwirft Mickey sich seine Mitgeschöpfe, indem er sie als Instrumente benutzt. Auch die Zuneigung zu seiner Freundin Minnie weiß er zunächst nur in Form brutaler Zudringlichkeiten zu äußern: In dem 1929 veröffentlichten «Plane Crazy»-Film versucht er bei einer Flugzeugfahrt sogar, sie über den Wolken zu vergewaltigen; Minnie kann sich nur dadurch retten, dass sie aus dem Flugzeug springt und mit ihrem Unterhöschen als Fallschirm auf die Erde segelt.

Als «sexbesessenen Nager» hat Harpo Marx den jungen Mickey zutreffend bezeichnet. Doch mausert er sich schon in den folgenden Filmen zur familientauglichen Allerweltsfigur - um zeitgleich, ab dem Jahr 1930, eine zweite Karriere jenseits des Kinos zu beginnen. In den täglichen Comic-Strips, die der geniale Floyd Gottfredson für amerikanische Zeitungen zeichnet, wird der Mäuserich zum vielgestaltigen Abenteuerhelden: Er kämpft als Geheimagent, reüssiert als Society-Maus oder versucht sich mit seinen Freunden Goofy und Donald Duck als rasender Reporter.

Gottfredsons Fortsetzungs-Comics, die bis 1955 erscheinen, sind der Höhepunkt in Mickeys Menschwerdung: Während der Kinomäuserich erst zum Kleinbürger wird und in den 40er-Jahren in der Versenkung verschwindet, gewährt Gottfredson ihm das Glück des dauernden Maskenwechsels. Mickeys Wesen hat niemand so verstanden wie er: die Freiheit des Tiers, dem menschliche Identität immer wieder neu angedichtet werden muss.

Übernommen mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».


 
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