«Nagelkünstler» Günther Uecker im Porträt: 

netzeitung.de«Ich mache Aggressionen sichtbar»

 Herausgeber: netzeitung.de

Günther Uecker (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Günther Uecker
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

«Aschebilder» für Christa Wolfs «Störfall», dazu eine neue Schau in Berlin: Günther Uecker ist mit 78 Jahren produktiv wie nie. Ingeborg Ruthe über Bildsprache, Antrieb und das geheime Trauma eines Berserkers der Kunst.

Wie Graspilze oder Dornenkränze sehen diese Bildhauer-Gebilde aus. Und der Kontrast von organischer Substanz und technischer Materialität wirkt befremdlich, beunruhigend. Günther Ueckers «Wald» ist eines der wichtigsten Schaustücke deutscher Gegenwartskunst, die Skulpturengruppe gehört der Neuen Nationalgalerie. Aber der aus Mecklenburg stammende Wahl-Nordrhein-Westfale und Weltbürger hat noch viele Versionen davon gemacht. Eine steht jetzt in der Akira Ikeda-Gallery im Pfefferberg, dazu Bilder, auf denen sich Ölfarbe mit Geäst und Grasbüscheln vereint. Es sind Vergänglichkeits-Symbole oder Menetekel - für die Vergewaltigung der Natur durch den fortschrittswütigen Menschen.
Projekt mit Christa Wolf
Der in Düsseldorf lebende Günther Uecker, 78, ist kein Bildhauer und Maler, der in Konventionen oder hochästhetischen Traditionen arbietet. Er ist eher ein Berserker der Kunst, vollführt Nageltänze, zerschlägt Klaviere, formt Sandspiralen. Wo immer er gerade ist, verwandelt er heftige Emotionen in poetische Störfaktoren. Gerade plant er mit dem Berliner Schriftstellerpaar Christa Wolf und Gerhard Wolf ein Kunst-Buch-Projekt: Seine «Aschebilder» zur Atomreaktor-Katastrophe von Tschernobyl, 26. April 1986, im Dialog mit Christa Wolfs Text «Störfall». Zwei Jahrzehnte nach dem schrecklichen Ereignis daran in Text und Kunst-Bild zu erinnern, das beschäftigt ihn. Die ukrainische Tragödie führte den Bildhauer und die Dichterin Christa Wolf nach 1989 zusammen; es wurde eine späte, tiefe Wahlverwandtschaft.

Vor drei Jahren hatte Uecker im Berliner Gropius-Bau einen Tschernobyl-Raum aufgebaut. In der Mitte kreiste in einem Aschehaufen ein Giftfass, die Ascheuhr hatte einen kahlen Ast als Zeiger, der drehte sich vergeblich: Der tödliche Dreck ist nicht aus der Welt zu schaffen. Die Dinge, so sieht es Üecker, der Künstler, der Philosoph, aber auch der Realist, sind aus dem Gleichgewicht geraten. Gewaltsam. Und Gott hat die Kriege und die Katastrophen nicht verhindert. Sein Bilderkosmos ist davon bestimmt. Seit bald fünfzig Jahren sucht und findet er sinnfällige Chiffren für eine Welt, in der die herkömmliche Ordnung gestört ist.

Als 15-Jähriger auf Leichenschau
Seine eigene war 1945 dahin; er war gerade mal 15 Jahre alt. Diese brutale Tatsache ist verantwortlich für ein Aggressionspotenzial, das Uecker in Kunst zu wandeln vermag, in erschütternde, auf Besserung zielende Zeichen. Der Bauernjunge von der Ostseehalbinsel Wustrow hat von klein auf groben Umgang mit Tier, Mensch und Natur erlebt. Dann nahm ihm der endende Krieg seine Jugend. Vor der Küste waren Schiffe gesunken, mit KZ-Häftlingen an Bord. Das Meer hatte die Leichen der Frauen, Kinder, Männer angespült.

Sowjetarmisten trieben die Jugendlichen der Insel mit Gewehren zusammen, die verwesenden Toten zu verscharren. Der Junge begrub mit anderen Halbwüchsigen 175 Leichen. Das Trauma blieb. Bis heute. «Ich mache Aggressionen sichtbar, wandle sie poetisch um», erklärt er sein Tun. Die Quelle seiner Kunst, wie sie die Berliner Ikeda-Gallery jetzt ausstellt, sei «außerhalb der Kunst», womit er die Landschaften, die Gesellschaften der Erde meint. Und die Politik. Er braucht alltägliche Materialien als Kunstmittel: Holz und Asche, Nägel und Steine, Äste und Blätter, Bänder und Tücher, Farben und Sand.

Verletzung des Menschen durch den Menschen
Die Dinge mahnen. Für den Bildhauer sind die im rhythmischem Wirbel zu weißen oder schwarzen Spiralen, zu dunklen Feldern, gefährlichen Furchen, stachligen Fellen und Baumstümpfen geformten Nagelbilder elementare Möglichkeit, starke Emotionen auszudrücken. Die überdimensionalen Stahlstifte, sagt er sachlich, übernähmen bei ihm die Funktion der Pinsel – bis die Fläche dreidimensional werde. Es seien, bekennt Uecker, wilde Energien in ihm, die zu diesen Schutzschilden und Fakirbrettern geführt hätten.

Günther Uecker war 1953, weg vom Malerei-Studium in Wismar und Weißensee, nach West-Berlin geflohen. Er ging nach Düsseldorf, studierte an der Kunstakademie bei dem Antifaschisten Otto Pankok. Bald gehörte er zur Künstlergruppe Zero, die aus Alltagsmaterialien Bilder machte. Dann beengte ihn der Gruppengeist, er arbeitete zunehmend allein.

Ende der Fünfziger schlug er in einen gefällten Baum Nägel ein.

Kurz darauf durchsägte er Baumstämme und verschaffte ihnen in berserkerhaften Nagelaktionen Stahlhäupter. Verletzungen des Menschen durch den Menschen - das ist Ueckers Thema, das Triebmittel seiner Kunst. Was tut die moderne Menschheit für den Humanismus? In der Berliner Akira Ikeda Gallery, die ein japanische Sammler und Händler führt, antwortet Uecker sich selbst und uns. Er ist in Japan gewesen, nördlich von Tokio baute er Installationen auf, die daran erinnerten, dass die Erde gebebt hat, die Stadt Kobe unterging. Der Tisch, an dem Menschen gerade noch gegessen hatten, war Chaos, die Möbel geborsten, ineinander verkeilt.

Stühlen bandagierte Uecker die Beine, Sitzflächen machte er zu Nagelkissen, und in einen Kreis aus schwarzem Fluss-Sand schrieben Schnüre an einem sich drehenden Holzstab konzentrische Kreise. Üecker, der «Nagelkünstler» widerspricht nicht, wenn es heißt, er wolle mit seinen Vergänglichkeitsdarstellungen immer noch Verletzungen aufzeigen. Aber Heilung, tröstet er, sei nicht ausgeschlossen.

Eröffnung der Ausstellung am Montag, 17. November, ab 17 Uhr in der Akira Ikeda Gallery, Schönhauser Allee 176, im Pfefferberg, Berlin-Prenzlauer Berg, geöffnet bis 31. Januar 2009, Di– Sa 11–18 Uhr

Ingeborg Ruthe ist Redakteurin der «Berliner Zeitung»