«Nagelkünstler» Günther Uecker im Porträt:
«Ich mache Aggressionen sichtbar»
Vor drei Jahren hatte Uecker im Berliner Gropius-Bau einen Tschernobyl-Raum aufgebaut. In der Mitte kreiste in einem Aschehaufen ein Giftfass, die Ascheuhr hatte einen kahlen Ast als Zeiger, der drehte sich vergeblich: Der tödliche Dreck ist nicht aus der Welt zu schaffen. Die Dinge, so sieht es Üecker, der Künstler, der Philosoph, aber auch der Realist, sind aus dem Gleichgewicht geraten. Gewaltsam. Und Gott hat die Kriege und die Katastrophen nicht verhindert. Sein Bilderkosmos ist davon bestimmt. Seit bald fünfzig Jahren sucht und findet er sinnfällige Chiffren für eine Welt, in der die herkömmliche Ordnung gestört ist.
Sowjetarmisten trieben die Jugendlichen der Insel mit Gewehren zusammen, die verwesenden Toten zu verscharren. Der Junge begrub mit anderen Halbwüchsigen 175 Leichen. Das Trauma blieb. Bis heute. «Ich mache Aggressionen sichtbar, wandle sie poetisch um», erklärt er sein Tun. Die Quelle seiner Kunst, wie sie die Berliner Ikeda-Gallery jetzt ausstellt, sei «außerhalb der Kunst», womit er die Landschaften, die Gesellschaften der Erde meint. Und die Politik. Er braucht alltägliche Materialien als Kunstmittel: Holz und Asche, Nägel und Steine, Äste und Blätter, Bänder und Tücher, Farben und Sand.
Günther Uecker war 1953, weg vom Malerei-Studium in Wismar und Weißensee, nach West-Berlin geflohen. Er ging nach Düsseldorf, studierte an der Kunstakademie bei dem Antifaschisten Otto Pankok. Bald gehörte er zur Künstlergruppe Zero, die aus Alltagsmaterialien Bilder machte. Dann beengte ihn der Gruppengeist, er arbeitete zunehmend allein.
Kurz darauf durchsägte er Baumstämme und verschaffte ihnen in berserkerhaften Nagelaktionen Stahlhäupter. Verletzungen des Menschen durch den Menschen - das ist Ueckers Thema, das Triebmittel seiner Kunst. Was tut die moderne Menschheit für den Humanismus? In der Berliner Akira Ikeda Gallery, die ein japanische Sammler und Händler führt, antwortet Uecker sich selbst und uns. Er ist in Japan gewesen, nördlich von Tokio baute er Installationen auf, die daran erinnerten, dass die Erde gebebt hat, die Stadt Kobe unterging. Der Tisch, an dem Menschen gerade noch gegessen hatten, war Chaos, die Möbel geborsten, ineinander verkeilt.
Stühlen bandagierte Uecker die Beine, Sitzflächen machte er zu Nagelkissen, und in einen Kreis aus schwarzem Fluss-Sand schrieben Schnüre an einem sich drehenden Holzstab konzentrische Kreise. Üecker, der «Nagelkünstler» widerspricht nicht, wenn es heißt, er wolle mit seinen Vergänglichkeitsdarstellungen immer noch Verletzungen aufzeigen. Aber Heilung, tröstet er, sei nicht ausgeschlossen.
Eröffnung der Ausstellung am Montag, 17. November, ab 17 Uhr in der Akira Ikeda Gallery, Schönhauser Allee 176, im Pfefferberg, Berlin-Prenzlauer Berg, geöffnet bis 31. Januar 2009, Di Sa 1118 Uhr
Ingeborg Ruthe ist Redakteurin der «Berliner Zeitung»

