14.11.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Das antike Äquivalent zum Groupie: Tanzende Mänaden auf einer Weinkanne
Foto: Johann Laurentius /SMB
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Berlins Antikensammlung widmet dem antiken Dionysos eine sinnliche, lehrreiche Schau. Ingeborg Ruthe hat darin pure Lebenslust entdeckt, aber auch die Angst vor Ekstase - und das antike Pendant zum Groupie.
Ganz sicher ist Dionysos, den die antiken Römer zum einfältigen Bacchus verharmlosten, kein gewöhnlicher Liebesgott. Die alten Griechen liebten ihn, obwohl nur ein Halbgott, von allen Olympiern am meisten. Und auch die Moderne ist von Dionysos mehr fasziniert als von jeder anderen antike Gottheit. Der Wiener Orgien-Mysterien-Aktionist Hermann Nitsch gar erkor ihn sich als Alter Ego.
Verwandlung und Ekstase, oft verbunden mit Weingelagen, genannt Symposien, Musik, Tanz und ausgelassener Sexualität, aber auch mit der Maske als wichtigstem Kult- und Theater-Requisit, sind für Dionysos Tun und Lassen typisch. In seiner Person wie in seinen Wirkkräften vermischen sich Menschliches und Göttliches ebenso wie Lust und Leid, Gut und Böse. Davon erzählt jetzt eine Ausstellung der Antikensammlung und des Instituts für Religionswissenschaften der Freien Universität Berlin im Pergamonmuseum.
Sinnlichkeit trifft auf GefahrUnd allem voran von einem nachhaltigen Missverständnis, mit dem die Legende um Dionysos beginnt: Wein und Tod. Er hatte, so die alte Mythe, Kretern den Weinanbau beigebracht. Als ahnungslose Bauern den Rebensaft tranken, lagen sie im Vollrausch da wie tot. Ihre Verwandten sahen in den Spendern des Tranks vermeintliche Mörder und erschlugen die Winzer. Fortan wurde in der Antike zwar der Wein mit Wasser gemischt. Dennoch klebt an der Gestalt des Dionysos neben seiner Sinnlichkeit auch Gefahrvolles wie Gewalt, Exzess, Kontrollverlust. Die Schau «Dionysos Verwandlung und Ekstase» hat zig kunstvolle Erscheinungsformen des Gottes parat. Auf antiken Amphoren und steinernen Reliefs, in marmornen Figuren, als bronzene Miniatur-Statuetten, als Trinkschalen-Grund hat er seinen Auftritt. Die Werke gehören zum Bestand der Antikensammlung und verließen für die Schau zum Teil nach langem Dornröschenschlaf einmal ihr Depot. Andere sind Leihgaben des Kunstgewerbemuseums.
Groupies der AntikeIn der Nachkriegsgeschichte der Antikensammlung ist dies die erste Schau zu dem Thema, und es geht darin ausgesprochen freizügig zu. Auf einer braun-schwarzen attischen Trinkschale um 480 v. Chr. etwa umtanzen verführerische Mänaden heute würden wir die Mädchen Groupies nennen ekstatisch das Kultbild und den Altar des «Weingottes». Auf einer bauchigen Weinkanne, 460 v. Chr., rüstet sich ein unübersehbar sexuell erregter Satyr zum Fackellauf. Dionysos gibt ihm letzte Anweisungen. Und in der nächsten Vitrine verfolgt ein Widderkopf der als Stiel eines 2500 Jahre alten Trinkbechers dient lüstern (allerdings unsichtbare) weibliche Sagenwesen.
Das Verhältnis des Gottes samt männlichem Gefolge zu den Frauen zeigt sich in den Kunstwerken als ein Besonderes. Entweder ist es ein devot verehrendes, wie zur Mutter, der Mondgöttin Selene, die alle Ausschweifungen ihres Sohnes Dionysos toleriert. Oder ein nachlässiges, wie zu seiner Gattin Ariadne, laut Sage jener kretischen Königstochter, die Theseus mit ihrem Faden aus dem Labyrinth des Minotaurus heraushalf. Mit offensichtlicher Wollust stellten die antiken Künstler die Bildhauer, Maler und Keramiker den göttlichen Dionysos als bocks-geiles animalisches Wesen dar, das Mänaden umschwirren. Dionysos hat viele Gestalten und Wesenszüge in dieser so sinnlichen wie lehrreichen Schau. Mal ist er, hinter seiner Maske, selber ein trunksüchtiger, geiler Typ. Mal ist er ein fast unschuldig anmutiger Jüngling, den Wein und Weiber noch kein bisschen zugerichtet haben.
Achtung, KlischeeAuf jeden Fall verfügt er, ob allein auf seinem Göttersockel oder inmitten seiner triebhaften Entourage, über göttliche Kräfte. Solche, die sich in positiven wie negativen Folgen zeigen und all die Grenzen aufheben, die in ihrem weinseligen Diesseits immer auch ins Jenseits weisen. Und so erscheint Dionysos in den uralten Kunstgegenständen als Hirte des Mysteriums Leben, Sterbens und Wiederauferstehens und des Ur-Ritus animalischer Lebensregeneration: Frauen werden zurückverwandelt in nymphische, Männer in zeugungsbereite Naturwesen. Wählte ein Künstler von heute solche Bildsprache, man würde ihn der Klischeehaftigkeit schelten. Die Antike indes sah das ewig-typisch Weibliche und ewig-typisch Männliche weniger emanzipiert, dafür völlig unverklemmt.
Überzeitliche Wahrheiten birgt die alte Dionysos-Mythe freilich nicht; auch sie unterliegt der Konjunktur. Leben sucht den Rausch, weil es weiß, dass es sterben muss. Als Urgestalt des sterbenden, aber ständig auferstehenden und befruchtenden Lebens, des Sich-Verschwendens und der entfesselten Hingabe jedenfalls ist Dionysos Symbol jenes Urdrangs des Lebens, alle Grenzen aufzuheben, es ekstatisch zu feiern. Und entgegen den meist parodierten und verballhornten «bacchantischen» Momenten des Kultes, ist er wohl der elementare , auch rätselhafteste der Götter. Dionysos verkörpert jene ebenso paradoxe wie souveräne Lebensenergie selbst, in der die Lust zu Vergehen und zu Werden in eins verschmelzen.
Antikensammlung, Nordflügel des Pergamonmuseums, Eingang Kupfergraben, bis 21. 6. 2009, FrMi 1018/ Do bis 22 Uhr. Katalog (Schnell & Steiner), 24,90 Euro. Die Schau ist Prolog der ab dem 27. 11. daselbst beginnenden Ausstellung «Die Rückkehr der Götter Berlins verborgener Olymp».Übernommen mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung»