Würdigung Loriots zum 85. Geburtstag: 

netzeitung.deDas Absurde interessiert ihn nicht

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Feiert seinen 85.: Loriot (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Feiert seinen 85.: Loriot
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Sein Humor speist sich aus dem Alltäglichen. «Aus dem, was wirklich passiert. Ich versuche, nur einen kleinen Schritt daneben zu sein», sagt Loriot. Birgit Walter über den 85 Jahre alten Aristokraten unter den Komikern.

Ein Herr verheddert sich mit seinem Anzug zwischen Parkettsitzen und hängt fest. Er kann sich nicht setzen, steht halb aufrecht, halb gebeugt, schwankt – direkt über einer Dame vor ihm. Sie trägt ein schulterfreies Kleid. Das Konzert beginnt. Die Dame zischt, der Dirigent guckt. Der Herr windet sich zunehmend verzweifelt, versucht seine unbehagliche Situation zu erklären, im Mund ein Bonbon, «mit Vitamin C!», wie er leise hinzufügt. Da fällt das Bonbon aus seinem Mund und trifft ihre nackte Schulter. Dort bleibt es kleben. «Machen Sie das sofort weg!» giftet die Dame unter strenger Wahrung ihrer Contenance. Der Herr ist Loriot, die Dame Evelyn Hamann – es ist einer dieser Sketche zum Schlapplachen.

Er ist alt und funktioniert noch immer, weil er sich ähnlich tausendfach ereignet: Beim Programmheft-im- Fallen-Wiedereinfangen, beim Bonbonpapier-Geknister-Vermeiden, beim Kontaktlinsen-auf- dem-Boden-Aufspüren, wenn eigentlich Konzentration auf die Kunst geboten ist. Nur die Pointen fehlen im richtigen Leben, die hat Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow, Loriot, dazu erfunden. Sein Humor speist sich aus dem Alltäglichen. «Aus dem, was wirklich passiert. Ich versuche, nur einen kleinen Schritt daneben zu sein», sagt er. Das wirklich Absurde dagegen habe ihn nie interessiert. Mit dieser Haltung wurde er in Deutschland weltberühmt.
Genial, nobel, geistreich
Für seine Knollennasen-Karikaturen, die Wum- und Wendelin-Cartoons, die Fernsehsketche und Kinofilme, für den Humor von Loriot waren immer nur huldvolle Vokabeln reserviert: genial, nobel, geistreich, stil- und würdevoll – ach, dieser Mann ist so entsetzlich beliebt, dass es fast nicht auszuhalten ist. Von niemandem, keinem trashigen Comedian, keinem ignoranten Intellektuellen, keinem lumpigen Bildungsverweigerer ist Despektierliches überliefert.

Nicht mal ein kleines West-Ost-Gefälle lässt sich ausmachen, im Gegenteil: «Ödipussi» (1988) war der einzige Spielfilm, der zu Mauerzeiten am selben Tag in Ost- und West-Berlin Premiere hatte. Zuerst, am Nachmittag, im Osten. Da sagte der Autor: «Es sind über 1000 Menschen hier, die offensichtlich schon am Nachmittag ihre Arbeit am Aufbau des Sozialismus unterbrochen haben. Dass mir das nicht einreißt!»

Jedenfalls sollte sich kein Humorverbraucher einbilden, Loriot treffe zufällig ausgerechnet seinen ganz persönlichen Nerv. Nein. Loriot, der Aristokrat unter den Komikern, ist für alle da. Er ist es, auf den sich jeder einlassen kann. Und nicht Mario Barth, der in diesem Sommer 70.000 Menschen gleichzeitig im Berliner Olympiastadion versammelte und mit einem Feuerwerk an guter Laune vergnügte. Mindestens genauso viele Menschen allerdings finden die pointenfreie und oft hübsch unappetitliche Unterhaltungskunst von Mario Barth schlicht unerträglich. Loriot dagegen hat nur Anhänger. Alle fünf Jahre singen sie ihm neue Hymnen: König der Komik, Graf der Heiterkeit und sogar: Schöpfer des komischen Deutschlands.

Na ja, Deutschland wäre sicher auch ohne Hilfe heiterer und entspannter geworden, doch hat Vicco von Bülow Unschätzbares geleistet für den Humor. Dass er deutsch ist, daran besteht kein Zweifel – die Sprache, die Exportresistenz, schon die Herstellung wirkt ungeheuer deutsch. Von Bülow arbeitet stets hart an jedem Lacher. Er ist überzeugt, dass Humor nur aus dem Ernst heraus entstehen kann und pflegt auch Pointen penibel zu schleifen. An Sketchen und Filmszenen hat er mitunter so lange geprobt, bis Mitarbeiter in Loyalitätskonflikte stürzten. Er räumt ein: «Ich bin noch pingeliger als mein Ruf.» Geld, erklärte er bisweilen, sei ihm dabei nicht so wichtig. Was dann? «Andere Fragen, wie: Ist eine Idee gut? Vielleicht bin ich da einfach nur unmodern.»
Werbung als Verrat
2006 erzählte von Bülow im «Spiegel», was er Ende der 60er Jahre mit einer Sendung verdiente, also für Idee, Text, Regie, Darstellung und Moderation. Der Reporter schätzte das Honorar auf 10.000 Mark, da sehr lange an den Stücken gearbeitet wurde. Von Bülow korrigierte – es waren 1500 Mark. Später habe er ein Millionen-Werbeangebot ausgeschlagen. Werbung hätte für ihn wie Verrat ausgesehen.

Hier schwingt viel Understatement mit und eine stets gepflegte preußische Tugendhaftigkeit. Niemand weiß natürlich, wie es tatsächlich um Vicco von Bülows Tugenden bestellt ist, ob er seine seit 57 Jahren angetraute Ehefrau in Münsing nicht heimlich mit einer Geliebten aus Friedrichshagen hintergeht oder ein unerkannter Geizknochen ist. Aber seine Erscheinung war stets der Inbegriff von Tadellosigkeit und Sittsamkeit, wie sie der Spross einer preußischen Offiziersfamilie aus Brandenburg nicht perfekter hätte entwerfen können. Kein Komiker der deutschen Mediengesellschaft hält sich die Vertreter dieser Gesellschaft so höflich auf Distanz wie Loriot.

Er hat immer beizeiten aufgehört mit einer Arbeit, beendete etwa die unerreichten Sketche mit Evelyn Hamann 1978, auf dem Höhepunkt seiner Fernsehkarriere. Er wandte sich der Musik und der Bühne zu und begann mit dem Eintritt ins Rentenalter seine Filmkarriere. Er gab noch ein paar «letzte» Interviews, und will es nun auch dabei belassen. Es sei alles gesagt. Seine Antworten auf die Fragen kenne er ja.
Ehrlich und warmherzig
Tatsächlich ist Loriot gut erforscht, bei Würdigungen kommt es längst auf Auswahl und Gewichtung an – und dabei kann man nur scheitern. Das Erste sendet morgen eine 90-minütige Porträt-Collage aus einem langen Berufsleben. Natürlich sollte so viel Komisches wie möglich untergebracht werden, was sich bei dem gewählten Tempo aber nur schwer entfalten kann.

Dennoch entsteht das Bild eines nicht nur geistreichen, sondern vor allem warmherzigen Menschen, der liebevoll über seinen Vater spricht, ehrlich über den Krieg, herzlich über die Brandenburger und gütig über seine Familie. Nein, er würde nicht noch einmal alles genau so machen, mit so unendlich viel Arbeit. Das sei dann doch auf Kosten seiner Kinder gegangen.

Aber der Humorverbraucher, der konnte nie genug kriegen.

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».