13.11.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Sound-Installation im Haus am Waldsee
Foto: Haus am Waldsee
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Paradoxes im Haus am Waldsee: Via Lewandowsky lässt hier über 100 Vertreter des Berliner Kunstbetriebes klatschen. Ingeborg Ruthe über eine Installation, die ein ironischer Kommentar auf die Branche ist.
Am Beifall hängt, zum Beifall drängt doch alles. Bloß nicht zwischen den Sätzen einer klassischen Symphonie; da herrscht Applausverbot. Wer sich nicht daran hält, ist ein Banause. Ansonsten lebt die Bühnenkunst sehr für den Beifall. Kein Museums- oder Galeriebesucher indes käme auf die Idee, nach dem Rundgang zu klatschen. Via Lewandowsky bricht mit der Konvention. Wir dürfen im Haus am Waldsee darüber lachen - und gründlich nachdenken. Die Applaus-Partitur, die sich der in Berlin lebende Künstler ausgedacht hat, hängt an sichtbaren Kabeln. Sie verbinden 96 Lautsprecher auf Stativen - quasi das Orchester. Der groteske Klangkörper füllt die ansonsten leeren Räume der Villa. Als technoide schwarze Skulpturen stehen die Lautsprecher in Gruppen und Spalieren. Oder einzeln, wie Solisten.
Zaghaft, als poche ein Specht in der Morgendämmerung gegen den Baumstamm, erhebt sich aus den Boxen Beifall. Erst sind es zwei klatschende Hände, dann vier, sechs, acht, zehn - hundert. Applaus brandet auf, Bravorufe mischen sich darunter. Der Beifall wird zur penetranten, echolosen Klatschmaschine. Von links schwillt ein Geräusch an, wie Pferdegetrappel auf Kopfsteinpflaster. Rechts hämmert jemand Nägel in die Wand.
Sobald der Lärm endet...Und dann Stille. Barmherzige Stille. Sobald der Lärm endet, beginnt das Schweigen. In diesem steckt eine kaum in unsere Zeit passende Utopie: Kunst sollte nicht mehr vor allem nach ihrem Markt- oder Sensationswert beurteilt, sondern als Leistung von Phantasie und Geist vertieft werden. Die Stille nach dem Beifallslärm macht bewusst, dass das Museum ein Ort der Kontemplation ist, trotz aller Avantgarde-Attacken und Pop-Events.
Lewandowsky hat sich den Sommer über persönlich Applaus bei 107 einflussreichen Kulturleuten abgeholt: bei Berliner Galeristen, Kuratoren, Sammlern, Kritikern Kulturpolitikern - von Peter Raue über Joachim Satorius bis Klaus Staeck. Der Künstler hat sie aufgesucht und ihr Klatschen auf Band aufgenommen. Manche haben abgelehnt. «Das ist auch ein Statement.» Nun benutzt er den vorab eingesammelten Beifall als Material. Der Berliner Software-Programmierer Ivo Wessel hat ihm die Bänder zum Applaus-Orchester programmiert und montiert. Per Computer finden sich die einzelnen Beifallspender nun in die digitale Dauerschleife geschickt. Die Performance hat etwas Hochästhetisches. Denn in der Installation entstehen vielfältige, überraschende Klangräume, eine Applaus-Symphonie mit immer anderen Tönen. Eine, die nicht dem Künstler gilt, sondern der bildenden Kunst an sich - wenngleich Bildhaftes abwesend ist. Dabei ist «Applaus» vor allem paradox: Der Besucher im Haus am Waldsee applaudiert dem Nicht-Sichtbaren.
Kompliziertes BeziehungsgeflechtDer Künstler ist den Claqueuren dankbar für ihren Mut, vorweg Beifall für ein Projekt zu spenden, dessen Ergebnis erst in der zufallsgenerierten Symphonie selbst zu erleben ist. Wer hier klatscht, gehört zu jenem komplizierten Beziehungsgeflecht Kunstbetrieb, das den Marktwert eines Künstlers mitbestimmt. «Nicht zuletzt auch meinen», meint Lewandowsky lakonisch. Seit seiner Teilnahme an der Documenta 9 und der damals anwachsenden Nachfrage nach seinen Bildern malt er einfach keine mehr. Stattdessen setzt er auf performative Installationen, auf «Maßgeschneidertes ohne Ewigkeitswert». Seine Arbeiten sind nicht Produkte für den Bilderberg, mit dem sich flexibel handeln ließe. Sie entstehen immer für den jeweiligen Ort. «Mich hat der Markt immer wieder ausgespuckt», sagt er.
Früh ist der 1963 geborene Dresdner, der an der dortigen Kunstakademie Szenografie studiert hat, angeeckt. Er war Mitte der Achtziger, in Dresden und Berlin, einer der «Autoperforationsartisten» der DDR, die Fluxus und Happening auf ihre Weise bei provokanten, sinnlichen Aktionen betrieben. Massive Ablehnung, Blockaden der Kulturfunktionäre trieben Lewandowsky in den Westen, noch bevor die Mauer fiel. Er hat dann lange gezögert, das östliche Terrain wieder zu betreten, ging erst mal nach New York. Seit Mitte der Neunziger lebt er wieder in Berlin. An der Münchener Kunstakademie ist er Gastprofessor und seine Art, Kunst zu machen, spiegelt sich auf etlichen Ausstellungen. So derzeit im Jüdischen Museum München, in Paris, in Los Angeles, demnächst in Moskau.
Im Mai hat er in einer Galerie in der Berliner Brunnenstraße eine weiße quadratische Box aufgebaut, aus deren Oberseite ein schwarzer Schopf mit akkuratem Scheitel ragte, ein groteskes Spiel mit Innen und Außen, mit Andeutungen auf der Grenze von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Davor konfrontierte er das Berliner Publikum mit «Paeninsula», eine Installation, in der die Kunst - eine Sockellandschaft - versank unter einer hellblauen kotigen Masse. Aus dem Lautsprecher kreischten Tauben.
Ästhetik des ScheiternsIhm gehe es, erklärt Lewandowsky trocken, um die Ästhetik des Scheiterns. Ums Versagen, das auch schön sein könne. Ums absurde, lächerliche Ende einer Geschichte. Metaphern auf den Kunstbetrieb? Was den anbelangt, ist seine Position die des mitbetroffenen Beobachters ebenso wie die des ironisch Distanz Suchenden. So steht er ganz im Einklang mit jener Duchampschen «Leidenschaft des Intellekts».
Kritik, sagt er, sei sein Material. Das heutige Betriebssystem Kunst sieht er nicht sarkastisch, eher mit aufmerksamer Gelassenheit als eine Art paralleles religiöses System: «Es gibt Rituale, Ikonen, Reliquien, Fetische, Liturgien. Neben allen Konzepten und ausgetüftelten Strategien hat es mit Glauben zu tun - jenseits des Rationalistischen.»
Auf der Einladungskarte zu seinem Projekt im Haus am Waldsee ist eine Sonnenfinsternis zu sehen. Die dunkle Seite des Universum - und zugleich höchste kosmische Präzision. Das verdiene, meint er, absurde Würdigung. Applaus eben.
Übernommen mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung»