07.11.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Beten in der Gemeinde: Der Künstler Oliver Sturm hat eine andere Idee
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Wer in der Hetze des Alltags etwas Erhebendes braucht, kann sich in eine Kabine begeben und für 50 Cent Predigten aus allen Weltreligionen abrufen. Bald werden die «Gebetomaten» auch in anderen Städten aufgestellt.
Gebete, die aus dem Automaten kommen: Was sich nach Musikbox anhört und aussieht wie ein Passbildautomat, könnte bald schon an Bahnhöfen, Flughäfen oder Raststätten Realität werden. Zumindest wenn es nach dem Berliner Opernregisseurs und Künstlers Oliver Sturm geht.
Der «Gebetomat» sieht aus wie ein rot gestrichener Passfotoautomat mit einem schwarzen Vorhang. Doch statt einer Kamera befindet sich darin ein Bildschirm. Mit Hilfe eines so genannten Touchscreens, eines Bildschirms, der auf Berührung reagiert, kann man Gebete verschiedener großer Weltreligionen und anderer religiöser Gruppen auswählen und anhören.
Die Auswahl ist groß und reicht vom christlichen Vaterunser über ein tibetisches Mönchsgebet bis hin zu afrikanischen Regengebeten. Sogar ein Gebet der Scientology Organisation taucht in der Rubrik «andere Religionen» auf. Das Kunstprojekt wird im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie erstmals öffentlich gezeigt.
50 Cent für 5 Minuten GebetAlle großen Religionen wie Christentum, Buddhismus, Hinduismus, Judentum oder Islam sind vertreten. 50 Cent muss der Zuhörer investieren, um fünf Minuten lang die unterschiedlichsten Gebete anhören zu können. Die Kabine stellt «die kleinste Form eines spirituellen Raumes» dar, erklärt Sturm. Sie lasse sich aber auch als Rückzugsort zum eigenen Gebet nutzen.
Er selbst hat einen evangelisch-protestantischen Hintergrund, hat im Kirchenchor gesungen. Mit der Idee will der 49-Jährige natürlich auch provozieren: «Es ist die Kollision von intimem Gebet und der Automatisierung der Welt». Weiter will er seine Installation nicht interpretieren. Die Entscheidung, ob dies ein öffentlicher Gebrauchsgegenstand werden könne, sollen die Betrachter selbst fällen.
«Jeder auf sich gestellt»Die Idee kam dem Künstler vor zehn Jahren bei einem Aufenthalt in New York ganz spontan. Menschen unterschiedlichster Herkunft, verschiedenster Religionen seien ihm begegnet. «Plötzlich fiel mir auf: jeder geht allein durch die Straßen, auf sich gestellt, vielleicht mit einer Beziehung zu Gott.»
Zwei weitere Gebetomaten sollen Ende November in Berlin und Frankfurt aufgestellt werden. Die Installation im Karlsruher ZKM ist bis 1. Februar kostenfrei im öffentlich zugänglichen Eingangsbereich zu sehen. (epd)