07.11.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Michael Crichton
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Michael Crichton war mit seinen technikskeptischen Wissenschaftsthrillern der einflussreichste Schriftsteller der vergangenen 40 Jahre, meint Jens Balzer in seinem Nachruf auf den Schöpfer von «Jurassic Park».
Beim Procompsognathus wachsen die Sorgen: Brüten die Viecher nicht doch etwas aus? Dem chaosmathematisch gebildeten Paläontologen kam es ja gleich spanisch vor, dass die Populationsrate der possierlichen Tierchen eine Gauss-Kurve ergab, das heißt: dass diese für zeugungsunfähig gehaltenen, aus der DNS eines eingeharzten Urweltmoskitos geklonten Vergnügungsparksaurier dazu imstande sind, Nachkommen zu erschaffen. Schlüpfen die Saurierbabys aus dem Ei, sind sie natürlich sehr hungrig. Vor allem auf Menschenfleisch haben sie Appetit.
«Jurassic Park» heißt das Buch, in dem Michael Crichton 1990 von den schrecklichen Ereignissen in einem künstlichen Dinosaurierland in der Karibik erzählt: Wildgewordene Klontiere kauen Menschen zu Tode, spritzen wie der Dilophosaurus mit ihrem giftigen Speichel herum oder bilden wie die pfiffigen Velociraptoren strategisch avancierte Hetzmeuten. Das Buch wurde ein Millionen-Bestseller; mit seinem Freund, dem Regisseur Steven Spielberg, machte Crichton drei Jahre später daraus einen Hollywood-Blockbuster der größte Erfolg in seiner an Erfolgen nicht eben armen Biographie.
Dinos, Ärzte, Öko-TerroristenDenn Michael Crichton ist nichts anderes als der einflussreichste Schriftsteller der letzten vierzig Jahre gewesen. Von seinen Büchern würden weit über hundert Millionen Exemplare verkauft; fast die Hälfte seiner 26 Romane wurde verfilmt. Kein anderer einzelner Popkulturschaffender hat so erfolgreich Themen und Trends gesetzt: Drehte Crichton einen Dinosaurier-Film, wurden Dinosaurier zu den beliebtesten Spielwaren und Merchandisingartikeln. Erfand er eine Fernsehserie mit Ärzten («ER Emergency Room», 1994), avancierten Ärzte für mindestens ein Jahrzehnt zu den beliebtesten Serienhelden. Schrieb er ein Buch über die grusligen Folgen der Nanowissenschaften («Beute», 2002), mussten die Nanowissenschaftler umgehend um ihre Forschungsgelder fürchten. Nur mit seinem 2004 gestarteten Versuch, die These von der menschlich verschuldeten Klimaerwärmung als unbewiesenen Unfug korrupter Öko-Terroristen zu denunzieren, hat Crichton sich nicht durchsetzen können.
Geboren wurde er 1942 in Chicago. Er studierte in Cambridge Anthropologie und promovierte an der Harvard Medical School; schon während des Studiums begann er, medical thriller zu schreiben. Sein erster großer Roman-Erfolg gelang ihm jedoch im Genre der Science Fiction: mit «The Andromeda Strain», 1971 von Robert Wise unter dem Titel «Andromeda Tödlicher Staub aus dem All» verfilmt. Darin kämpft eine Gruppe von Wissenschaftlern in einem hermetisch abgeriegelten Wüsten-Labor gegen Mikroorganismen aus dem All, die die Menschheit ausrotten möchten. Aus der Invasionsgeschichte, einem der beliebtesten Themen der Genre-SF und der B-Movies der 50er- und 60er-Jahre, machte Crichton ein Kammerspiel, in dem nicht die Invasoren im Mittelpunkt stehen, sondern die mühsame Arbeit der Wissenschaftler, die detektivische Erforschung der rätselhaften Lebensformen.
«Westworld» und «Coma»Die Form des technikskeptischen Wissenschaftsthrillers, die er in «Andromeda» erstmals erprobte, hat er dann während seines gesamten Schaffens weiterverfolgt. In seinem Roman «Westworld» (1972 erschienen, zwei Jahre später von ihm selbst mit Yul Brynner in der Hauptrolle verfilmt) werden die Besucher eines Vergnügungsparks von wild gewordenen Roboter-Statisten niedergemetzelt; in dem Film «Coma» (1978) rauben korrupte Ärzte ihren Patienten das Bewusstsein, um sie als Organspender zu missbrauchen.
Crichton war ein stets wissenschaftlich fundierter, spannender, aber auch effizienter Erzähler: Viele Ideen hat er der Einfachheit halber gleich mehrfach verwendet. So findet sich die Katastrophe im Vergnügungspark, die man aus «Westworld» kennt, auch in «Jurassic Park» wieder, während «sehr große Tiere außer Kontrolle» dann als «sehr kleine Tiere außer Kontrolle» in dem Buch «Beute» wiederkehren: Hier sind es winzige Nano-Roboter, die sich zunächst zu strategisch avancierten Hetzmeuten versammeln, um dann in einem zweiten Schritt Nachkommen zu zeugen und die Menschheit zu bedrohen.
Populär, aber komplexVon der gemeinen Literaturkritik wurde Crichton als schwacher, bestenfalls konventioneller Erzähler bewertet. Das stimmt allerdings nur zum Teil. Richtig ist, dass seine Romane größeren Wert auf naturwissenschaftliche Plausibilität legen als auf plastische Charaktere und lebendige Dialoge. Es hat aber andererseits zuletzt keinen anderen Autoren gegeben, der die Komplexität populären Erzählens so schlagartig und rapide erhöht hat wie Crichton mit «ER Emergency Room», der von ihm konzipierten und zu Beginn auch geschriebenen TV-Serie, in der eine unübersehbare Vielzahl von Handlungssträngen und Schicksalen mit großer Virtuosität verflochten wird.
Auch sein letztes Buch «Next» (2006) spielte im Milieu von Ärzten und Medizinern: Darin beklagt er die wirtschaftlichen Verflechtungen und Beschränkungen der gentechnischen Forschung. Wäre das Patentrecht nicht so kommerzorientiert und forschungsfeindlich so die These , wäre etwa der Krebs schon lange besiegt. Dass er selber an dieser Krankheit litt, hat Crichton der Öffentlichkeit bis zuletzt verschwiegen. «Er hat sich entschlossen, seinen Kampf im Privaten zu führen», hieß es gestern aus seiner Familie. Am Dienstag ist Michael Crichton mit 66 Jahren in Los Angeles gestorben.
Mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung» übernommen.