26.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der TV-Entertainer absolviert seinen ersten Auftritt als festes Mitglied des Stuttgarter Staatstheaters. Viel Pop, ein Disco-Totenschädel und Seitenhiebe gegen Reich-Ranicki und Heidenreich. Die Leute lieben es.
Hamlet singt! Und Schmidt kann es beweisen. Am Samstagabend feierte das von Harald Schmidt konzipierte Hamlet-Musical «Der Prinz von Dänemark» in Stuttgart Premiere. Das Publikum im ausverkauften Schauspielhaus zeigte sich begeistert. Für Fernseh-Entertainer Schmidt war es der erste Bühnenauftritt als festes Ensemblemitglied des Stuttgarter Staatstheaters. Als eine «Einführung in das Stück» hatte Schmidt das Musical zuvor angekündigt, als eine Ansammlung von Shakespeares «Greatest Hits», bei der Schunkeln ausdrücklich erwünscht sei.
Folgerichtig wurden die Schlüsselstellen des Originaltextes mit Liedern vorwiegend aus dem Pop-, Rock- und Schlagerbereich kombiniert. Benjamin Grüter mimt wunderbar den blassgesichtigen, finster dreinblickenden Hamlet, der vom Geist seines verstorbenen Vaters (Harald Schmidt) heimgesucht wird. Dieser erzählt ihm, dass er von Hamlets Onkel Claudius (Martin Leutgeb) vergiftet wurde, der sich inzwischen sowohl den Thron als auch die Königin Dänemarks unter den Nagel gerissen hat. Woraus sich im Original die weltberühmte Tragödie spinnt, ist in Schmidts Version eine Komödie, die die Schwelle zum Klamauk des Öfteren bewusst überschreitet.
Laszive Ophelia als Tina-Turner-VerschnittIn knallgelben Strumpfhosen und seiner zweiten Rolle als Polonius schmettert Schmidt, sich am «final curtain» klammernd, Sinatras «My way». Polonius' Tochter Ophelia (Lilly Marie Tschörtner) räkelt sich lasziv zu Klängen von Madonnas «Like a virgin», bevor sie nach ihrem Abgleiten in den Wahnsinn als Tina-Turner-Verschnitt über die Bühne tobt.
Bei der Vertonung von Hamlets berühmtem Monolog «Sein oder Nichtsein» dient das Lied «With or without you» von der Popgruppe U2 als Vorlage. So entzündet sich mit Unterstützung der Live-Band Fort'n'Brass ein musikalisches Feuerwerk nach dem anderen, bei dem die Schauspieler allesamt eine reife Gesangsleistung abliefern.
Totenschädel als DiscokugelAuch sonst kosten Harald Schmidt und der Regisseur Christian Brey, die bereits bei der Revue «Elvis lebt! Und Schmidt kann es beweisen» erfolgreich zusammenarbeiteten, ihre künstlerische Freiheit genüsslich aus: Keines der Kostüme kommt ohne Glitzereffekt aus, das Motiv des Totenschädels thront als mächtige Discokugel über der Bühne, und Horatio entwickelt zärtliche Gefühle für seinen Freund Hamlet.
Zwar kratzt der ein oder andere Witz an der Schmerzgrenze feinen Humors, und man wird als Unkundiger den Hamlet-Stoff allein durch das Stück nicht durchschauen können. Doch ist die Ironie überzeugend, und die Schauspieler sind mit solch einer Ernsthaftigkeit albern, dass ihr Spaß an der Sache auf das Publikum übertragen wird.
Aktuelle SpitzenUnd Schmidt wäre nicht Schmidt, wenn er es beim Shakespeare'schen Stoff belassen und nicht die eine oder andere aktuelle Spitze liefern würde. Die Finanzkrise und Elke Heidenreich werden jeweils in einem Satz abgefertigt, ebenso Marcel Reich-Ranicki. Der 88-jährige Literaturkritiker hatte erst kürzlich passend zum Thema während einer Fernsehdiskussion mit Thomas Gottschalk William Shakespeare als den größten Unterhaltungsdichter bezeichnet. Gottschalk meinte, dass man die Leute mit klassischen Stoffen nicht mehr unterhalten könne. «Der Prinz von Dänemark» hat das Gegenteil gezeigt. Schmidt hat es bewiesen. (Renée Ricarda Billau, AP)