Reaktionen auf die Finanzmarktkrise: 

netzeitung.deWenn Gemütlichkeit die Angst bekämpft

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Kleingarten (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Kleingarten
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Der Boom der Kleingärten beweist: Wir haben das Kommen der Krise gespürt, meint Harald Jähner . Ein Teil der Ängste, die die Mysterien des Wirtschaftens begleiten, driftet in den Zeitgeist ab, in den Geschmack, in Lebensstil und Wohnkultur.

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten! Mitten in der Krise; sie hängen sogar mit ihr zusammen. Ein Text im aktuellen «Spiegel» zur Frage, wie brutal die deutsche Wirtschaft von der Finanzkrise gebeutelt werden wird, endet mit Aussagen eines Autoverkäufers der Berliner «Mercedes-Welt» am Salzufer. Der Druck sei massiv, sagt der Händler: «Wer früher einen Achtzylinder gekauft hat, bestellt heute einen Sechszylinder. Und der damalige Sechszylinder-Kunde nimmt jetzt lieber den Vierzylinder.»

Ach, wäre das schön, wenn es stimmte, und vor allem auf Dauer. Diese Selbstbeschränkung ist doch genau die Haltung, für die man in der Kirche gebetet, für die Attac gekämpft hat, für die beim Live Earth Concert rund um den Erdball getrommelt wurde, für die Angela Merkel geworben hat und ohne deren Beschwörung eine Zeit lang kaum eine politische Ansprache ausgekommen ist. Sicher, schöner wäre es, es ginge ohne Krisengeißel; idealerweise entspränge der Verzicht auf drei Dutzend PS einer Anstrengung der Vernunft und nicht bloß der grassierenden Angst vor der Pleite. Aber das zu erwarten hieße, die Kompetenzen, die wir unserer eigenen Vernunft einräumen, arg überschätzen.
So unsexy wie ein Exomobil
Es ist ja nicht so, als hätte man die Finanzkrise nicht absehen können. Vorschläge zur Regulierung des Marktes lagen selbst von unverdächtiger Seite vor. Aber deren Gemahne schien so unsexy wie ein Ecomobil. Je weiter die letzte Krise zurückliegt, und so lange nicht gleich übermorgen die nächste droht, umso heller klingt uns das Wort «Risikofreude» in den Ohren.

Es gibt wohl kaum jemanden unter denen, die täglich allein für sich einen Achtzylinder durch die Stadt bewegen, der nicht wüsste, dass er in geradezu irrwitziger Weise Ressourcen verschwendet und dazu noch die Grundlagen seines Lebens versehrt und erst recht des Lebens seiner Kinder. Er tut es trotzdem, und nicht etwa, weil er unvernünftig ist, sondern weil seine Vernunft ihm sagt, wie schön es ist, dass es nicht allzu viele Wohlhabende gibt wie er, die mit derart vollen Hosen die Luft verpesten können.

Gott bewahre!
Die Vernunft, mit der die westliche Gesellschaft so weit gekommen ist, wie wir es nun erleben, leitet ihn nicht etwa zu mehr Bescheidenheit an, sondern bestätigt ihn anhand seines eigenen schlechten Beispiels in der Überzeugung, die beträchtlichen Einkommensunterschiede in der Gesellschaft seien doch etwas höchst Sinnvolles: Wenn alle die S-Klasse fahren würden, denkt er, dann Gott bewahre!

Und so wie dieser - aus höherer, den Globus ins Auge fassender Perspektive gesehen - objektiv wahnsinnige Fahrer gegen alles verstößt, was ihm eine idealistisch verstandene, nun wahrlich nicht komplizierte Vernunft nahe legen müsste, so geht es erstaunlich vielen Menschen, die auf riskante Weise die Wirtschaft auf Trab halten. Auch der nun immer wieder ins Feld geführte Kleinanleger, der sich mit langweiligen Zinsen auf Sparbuchniveau nicht zufrieden geben wollte, tickt da nicht anders.

Pfarrer Fliege
Pfarrer Fliege beispielsweise erklärte sich jüngst in Sandra Maischbergers Talkshow zum Krisenopfer, weil seine Kapitallebensversicherung nicht die in Aussicht gestellte optimale Überschussbeteiligung auszahlen wird, sondern nur die Garantiesumme und vielleicht etwas darüber. Wer das Optimum nicht in Anspruch nehmen kann, fühlt sich schon betrogen. Pfarrer Fliege glaubt, er habe Geld verloren, obwohl er alles zurück bekommt, was er eingezahlt halt, plus mindestens 2,5 Prozent Zinsen - verglichen mit dem, was Fondsanleger derzeit an Wertverlusten verarbeiten müssen, steht er klar auf der Gewinnerseite und fühlt sich trotzdem als Opfer. Die Krise hat ihre irrealen Seiten, wie die Hoffnungen, die zu ihr geführt haben.

Niemand, der Geldanlagen mit Renditen über zwanzig Prozent abschließt, kann ernsthaft annehmen, dass derartige Gewinne auf Dauer durch reales Wachstum gedeckt sein könnten. Er kann nur hoffen, dass er zum richtigen Zeitpunkt aussteigt, bevor die Kurse in die Binsen gehen. An Warnungen hat es nicht gefehlt; die listigen Finten der Vernunft, einer realistischen Beurteilung auszuweichen, sind jedoch die gleichen, die uns in die Klimakatastrophe zu führen drohen.

Sonntagsreden und Alpträume
Wir verdrängen den Realismus in die Instinkte, die Sonntagsreden und in die Albträume. Und die Schönrednerei hält in der Begrifflichkeit weiter an: Unentwegt bezeichnen die Experten in aufgeregten Talkshows Geldanlagen als Produkte («Sie müssen sich die Produkte halt anschauen, bevor sie kaufen»), ganz so, als hätte eine Kapitalanlage die dingliche Robustheit eines dreidimensionalen Stückgutes. Mit solcher Sprachpolitik werden die Mysterien des Geschäfts zusätzlich verschleiert.

Dass die Bevölkerung nun glücklicherweise so besonnen bleibt und die Krise nicht durch überstürzte Manöver an den Bankschaltern weiter anheizt, hängt damit zusammen, dass sie von ihr gar nicht überrascht wurde. Der Klimakollaps würde uns ja jetzt im Ernst auch nicht mehr verblüffen. Selbst im verträumtesten Anleger rumorte halb- und unbewusst die Sorge, Lafontaine könnte doch irgendwie recht haben. Ein Teil der Ängste, die die Mysterien des Wirtschaftens begleiten, driftete - ins Bedürfnis nach Gemütlichkeit gewendet - in den Zeitgeist ab, in den Geschmack, in Lebensstil und Wohnkultur.

Seit Jahren wächst zum Beispiel die Beliebtheit von Kleingärten gerade bei jüngeren, modebewussten Leuten. Die Aufzucht der Tomate ist ein beruhigender Ausgleich zur riskanten Abhängigkeit von der nervösen Ökonomie. Der Gartenbau, der uns früher spießig und kleinkariert erschien, ist heute Kult, weil er Illusionen der Bodenständigkeit, ja der Autarkie vermittelt.

Die Zeitschrift «Landlust» zum Beispiel ist mit einer Auflage von fast 380.000 Exemplaren die erfolgreichste Neuentwicklung der vergangenen Jahre. Und erst der Kaminofen, der zum Verkaufsschlager der Baumärkte wurde! In seiner nobleren Variante hat er sogar zur Wiederbelebung des ehrwürdigen Ofensetzerhandwerks geführt. Das Berliner Umland stinkt inzwischen schon wieder so verqualmt wie vor dem Mauerfall, weil der Bürger Reisig und Buchenscheite verbrennt wie einst die Lausitzkohle.

Natürlich spielen dabei die Gas- und Ölpreise eine Rolle, vor allem aber sorgt das prasselnde Holz im neuen Stinkeofen für eine Atmosphäre, die man heute als behaglich, vor wenigen Jahren dagegen als Zumutung empfunden hat: Zur Not könnte man als Sammler und Kleinbauer leben. Es ist die vom Ofen verheißene Autarkie, die von immer mehr Menschen als gemütlich angesehen wird. Auf solch schräge Weise melden sich die Sorgen zurück, denen die Vernunft nicht folgen mochte.

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung». Harald Jähner leitet das Feuilletonressort.