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Literaturnobelpreis für einen Franzosen: 

Afrika als Bezugspunkt seiner Fluchten

10. Okt 2008 13:36
Afrika, Bezugspunkt seiner Fluchten
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Le Clézio steht für eine Literatur, die ihre Kraft aus der leidenschaftlichen Beschwörung einer außereuropäischen Ferne schöpft, schreibt Sabine Vogel über den «Autor neuer Aufbrüche», den «publicity-scheuen Sonderling».

Wieder mal haben sich alle verspekuliert. Entgegen vielen Erwartungen und Wünschen geht der diesjährige Nobelpreis für Literatur weder an einen Autor aus der nichtwestlichen Hemisphäre noch an einen Amerikaner, sondern wieder an einen Schriftsteller Alt-Europas. Allerdings steht der französische Schriftsteller Jean-Marie Gustave Le Clézio für eine Literatur, die ihre Kraft aus der leidenschaftlichen Beschwörung einer außereuropäischen Ferne schöpft.

«Ein Kosmopolit und Nomade», nennt ihn der ständige Sekretär der Nobelpreis-Jury Horace Engdahl. Wie bereits bei Doris Lessing, die den Preis im vergangenen Jahr erhielt, ist auch bei Le Clézio Afrika der Bezugspunkt seiner Fluchten. Das Nobelpreis-Komitee preist ihn denn auch als einen «Autor neuer Aufbrüche, poetischer Abenteuer und sinnlicher Ekstasen, als Erforscher einer Humanität außerhalb und unter der herrschenden Zivilisation.»

In seinem Erinnerungsbuch «Der Afrikaner» (Hanser, 2007) über seinen Vater, einen aus Madagaskar stammenden Franzosen in britischen Diensten, beschreibt Le Clézio seine ersten Berührungen mit Afrika als «eine außerordentliche, berauschende Freiheit, die ich so intensiv genoss, dass sie fast schmerzhaft in mir brannte».

Eintauchen in eine fremde Welt

1948 reiste Le Clézio als Achtjähriger mit Mutter und Bruder nach Nigeria, um seinen dort als Arzt arbeitenden Vater zu treffen. Es ist das erste bewusste Aufeinandertreffen zwischen Vater und Sohn und gleichzeitig das Eintauchen in eine fremdartige Welt, die umso intensiver auf den Jungen wirkt, als sie auf lange, trostlose, in Enge und Angst vor der Gestapo verbrachte Kriegsjahre in Nizza folgt. Aber «all das verblasste, verschwand, wurde unwirklich» in dem Moment, in dem er afrikanischen Boden betrat: «Von da an gab es für mich die Zeit vor und die Zeit nach Afrika.»

Afrika ist für das Kind, das Le Clézio war, eine elementare Erfahrung, in der Freiheit eine «Vorherrschaft des Körpers» und ein ungebrochenes Verhältnis zur Natur bedeutet: «Ich hatte den Eindruck großer Nähe, zahlreicher Körper rings um mich herum, etwas, was ich vorher nicht gekannt hatte, was neu und zugleich vertraut war und keinerlei Angst einflößte.»

Unbehagen an der Dominanz der West-Kultur

Der am 13. April 1940 in Nizza geborene Le Clézio hat mehr als dreißig Bücher veröffentlicht, Erzählungen, Romane, Essays, Novellen, sowie zwei Übersetzungen indischer Mythologie - nach dem Philosophiestudium lebte Le Clézio einige Jahre in Thailand und Mexiko. Das Unbehagen an der Dominanz der westlichen Kultur, die er einmal als «unterirdische, kryptische, in Höhlen lebende Zivilisation» bezeichnete, verdichtet Le Clézio in seinem Roman «Desert» von 1980 («Wüste», 1989 auf Deutsch erschienen). Darin stellt er die karge «Sonnenlandschaft» der Wüste und die Mystik der Tuareg-Nomaden der Sinnentleertheit und der kalten Rationalität des Westens gegenüber.

Wie die Schwedische Akademie in Stockholm hervorhebt, enthält dieser Roman «großartige Bilder einer verlorenen Kultur in der nordafrikanischen Wüste, die im Gegensatz stehen zu einer Schilderung Europas aus der Sicht unterwünschter Einwanderer».

Publicity-scheuer Sonderling

Als Le Clézio dafür von der Französischen Akademie mit dem hochdotierten Prix Paul-Morand ausgezeichnet wurde, ging - so die Klage einiger Journalisten - der publicity-scheue Sonderling «davon wie ein Dieb». Man darf gespannt sein, wie der «Morgenlandfahrer im Geiste Rimbauds», wie der Schriftsteller Fritz Rudolf Fries ihn einmal nannte, sich dem nun über ihn hereinbrechenden Starrummel entziehen wird. In seinem - wie immer - autobiografisch eingefärbten Roman «Ein Ort fernab der Welt» (2000) zieht es den Helden übers Meer auf die Insel Mauritius, wo er dem anderen poetischen Zivilisationsflüchtling Rimbaud begegnet, und zugleich ans Ende der Zeit.

Und auch in Le Clézios Romanen «Der Goldsucher» und «Revolutionen» (Kiepenheuer & Witsch, 2006) ist die Insel im Indischen Ozean, auf die Le Clézios Vorfahren vor gut 200 Jahren aus der Bretagne auswanderten, ein magischer Ort der Verheißung.

Schon in seinen frühen Romanen wie «Terra amata» (1967), «Le livre des fuites» (1969) «La guerre» (Der Krieg, 1970) und «Les geants» (Die Giganten, 1973) hat sich der Autor auch als ökologisch orientierter Zivilisationskritiker präsentiert. Le Clézios Angriff auf die Konsumgesellschaft mündet in «Die Giganten» (so heißen die Orwell'schen Kontrollinstanzen in einem riesigen, «Hyperpolis» genannten, Supermarkt) in einem Aufschrei: «Befreit Euch! Tötet mit bloßem Blick die Männer, die die Gebieter des Blickes sind.»

Clézios Romane sind schwärmerische Plädoyers für einen Ausbruch aus der «Hölle der Intelligenz», der entseelten Welt der Großstädte, in der das «Abenteuer des Am-Leben-Seins» nicht mehr erfahrbar sei. Dass eine Überwindung, ja Aufhebung der Trennung zwischen Mensch und Ding, Mensch und Natur, die den Machtanspruch der westlichen Kultur begründe, möglich ist, das erfuhr Le Clézio während eines vierjährigen Aufenthalts bei den Embera-Indianern in Panama. Heute lebt der Autor mit seiner marokkanischen Frau in Albuquerque in Neu-Mexiko.

Le Clézios Sprache ist von klarer, knapper Poesie, auch wenn einigen Kritikern die botanische Ausführlichkeit seiner Naturschwärmerei zu viel und seine humanistische Botschaft zu idealistisch ist. Sein Ziel ist nicht politische Agitation - er will nur «den Leser mit Worten an einem gemeinsamen Traum beteiligen». Entdecken wir diesen Traum!

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».

 
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