09. Okt 2008 17:27
Dass es ein Europäer werden würde, der diesmal die wichtigste Literaturauszeichnung erhält, war zu vermuten. Schließlich hatte der Sekretär der Jury schon vorher den «alten Kontinent» gepriesen.
Seit 1995 ist der begehrteste Literaturpreis der Welt ganze dreimal außerhalb des eigenen Kontinents vergeben worden. Dem stehen elf Europäer gegenüber. Dass nach der Vergabe an Le Clézio verstärkt auf dieses an frühere Jahrhunderte erinnernde Verhältnis zwischen dem «alten Kontinent» und dem Rest der Welt geblickt wird, hat nicht Horace Engdahl, Ständiger Sekretär der Stockholmer Jury, zu verantworten. Nur eine Woche vor der Vergabe dieses Jahres erklärte er, Europa sei nach wie vor das literarische Zentrum der Welt. Die USA dagegen, 1993 zum letzten Mal durch Toni Morrison mit Nobelehren für Schriftsteller bedacht, stufte Engdahl pauschal als literarisch zweitklassig ein.Mit der Entscheidung für den sympathischen Preisträger zeigte sich, dass Engdahl sein Pauschalurteil einfach so meinte, wie er sie in einem Interview ausgedrückt hatte. Ansonsten hatten eigentlich fast alle Nobelpreis-Experten in Stockholm und anderswo gedacht, dass der Schwede nur mal ein bisschen provozieren und vor allem in den USA selbst Aufmerksamkeit für seinen dort nicht so besonders populären Preis erzeugen wollte. Gute Reklame wäre es gewesen für eine Vergabe an Daueranwärter auf der anderen Seite des Atlantiks. Thomas Pynchon, Philip Roth, Don DeLillo, John Updike, Joyce Carol Oates, John Ashbery, die Kanadierin Margaret Atwood – an hochkarätigen Kandidaten aus Nordamerika ist kein Mangel in den Listen der Schwedischen Akademie.