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Buchrezension zu «Der Turm»: 

Noch einmal Platz nehmen in der DDR

23. Sep 2008 14:19
1989 kam die Wende - das Ende der DDR
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Seit Langem schon ist das vielzitierte Warten auf den großen Wenderoman zum Anlass geworden für Scherze aller Art - und nun ist er doch noch gekommen. Harald Jähner über «Der Turm».

Uwe Tellkamps fast 1000-seitiges Opus «Der Turm» widmet sich den letzten Jahren der DDR, und zwar mit erinnernder Inbrunst. In diesen Roman versinkt man, doch dafür steht das versunkene Land wieder auf und vergegenwärtigt sich mit seinen Gerüchen, seinen Redensarten, seinen öffentlichen Ritualen und Chiffren.

Ins Auge gefasst wird der Weiße Hirsch, ein nobles Villenviertel an den Hängen des Dresdner Elbtals. Hier wohnt das gutbürgerliche Personal des Romans, Chirurgen, Lektoren, Naturwissenschaftler, Betriebsdirektoren, Schauspieler, Opernliebhaber, Schriftsteller, die allesamt in verfallenden Villen wohnen mit Namen wie Haus Karavelle, Haus Abendstern, Tausendaugenhaus, Haus Wolfstein. Wie ihre Gehäuse fußen sie sacht noch im Kaiserreich. Man pflegt die Hausmusik, die Goethe-Lektüre, die Erinnerungen an das gute alte Dresden. Man schimpft über die Mangelwirtschaft, den verlorenen Wettbewerb mit dem Westen, die allgemeine Verlogenheit und hält zugleich die Kinder zum Lügen in der Schule an.

Auf die Familie schießen?

Eins dieser Kinder ist Christian Hoffmann, dem der 1968 in Dresden geborene Tellkamp offensichtlich viele Züge seiner eigenen Jugend verliehen hat. Der Roman erfasst ihn 1983 als arroganten Schülerschnösel, als einen wahren «Buchstabensaufaus» mit Drang zu Höherem und Höchstem und entlässt ihn mit der Wende als einen Panzerkommandanten, dem Militär und Straflager die Besonderheiten erfolgreich ausgetrieben haben, der seinen Platz in der DDR kurz vor dem Augenblick findet, in dem sie untergeht.

Wie seiner Hauptfigur Christian ist auch Uwe Tellkamp das Medizinstudium verweigert worden (er nahm es nach der Wende auf); wie dieser fuhr er Panzer, deren Tücken er fulminant beschreibt; wie dieser fragte er sich bei den Unruhen im Oktober 1989 in Dresden, ob er demnächst auf seine Familie schießen müsse.

Daneben verfolgt der Roman eine ganze Fülle von Erzählsträngen, die tief hinein führen ins Innere des Schriftstellerverbandes mit seinen halb proletarischen, halb aristokratischen Attitüden - eine Natterngrube voll boshaft züngelndem Witz. Und mit Tellkamps Medizinerwissen geht es mit schönstem Chirurgenjargon hinein ins sozialistische Krankenhaus mit seinem Mangel an technischer Ausstattung, dem fortschreitenden Abgang von Ärzten und dem destruktiven Ineinander von medizinischer und politischer Hierarchie.

Höchstmaß von Intimität

Ein gewaltiges DDR-Panorama tut sich auf und zugleich ein Höchstmaß von Intimität in den einzelnen Szenen. Tatsächlich ist Tellkamp mit Thomas Mann zu vergleichen, wie der Verlag behauptet. Er verknüpft alle Phasen Manns, das behaglich Erzählende, saftig aus dem Dialekt Schöpfende der Buddenbrooks, das Weltanschaulisch-Disputative des Zauberbergs, das verschnörkelte Verschlüsseln real existierender Intellektuellen aus dem Doktor Faustus. So taucht etwa das forschende, in der DDR mit eigenem Institut ausgestattete Multitalent Manfred von Ardenne als unheimlicher Wissenschaftsbaron auf in einer fantastischen, an James Bond erinnernden Überhöhung.

Aber Tellkamps Sprache ist rauer, gewöhnungsbedürftiger als die Thomas Manns - Mann plus Elektrifizierung sozusagen. Das Dresdner Villenviertel ist verfremdet wie das Ambiente eines Fantasymärchens. Die Jugendstilornamente wuchern weiter, an den Zäunen schlummern die verrosteten Blüten «wie schwermütige Nachtmotten». Wenn man das Licht einschaltet, schlagen die Häuser die Augen auf. Sie leben und sie darben; der Putz ist «entzündet», treibt Gas aus und schwitzt.

Beschwerlicher Zeittunnel

Die ersten fünfzig Seiten machen es dem Leser nicht leicht, zu angedickt treten sie auf der Stelle. Wer sich durch diesen beschwerlichen Zeittunnel hindurchfräst, wird jedoch reich belohnt. Faszinierend, wie liebevoll und dabei genervt Tellkamp die Ambivalenz des Bildungsbürgertums schildert, das im Sozialismus überwintert. «Goethe ist ihm der wichtigste, aber nur, weil er allen hier oben der wichtigste ist, ... des Bürgers liebster Jasager, oberster Ratsherr, Generalissimus der Meinungen und Gemütsfürst, weil er der Prägekönig ihrer Zitaten-Münze ist.»

Für den Ostalgiker hält Tellkamp jede Menge Lockstoff bereit: Willi Schwabes Rumpelkammer, die erste Kokosnuss, die kollektive Identitätsschöpfung aus gemeinsam bewältigtem Mangel, den Haushaltstag in der Dampfwaschanstalt, dann aber auch die Häftlingsarbeit in der Ordensproduktion. Hier hat Christian die Anstecknadeln zu schleifen für Unmengen von Orden: für die «Ehrennadel der Organe der Rechtspflege», die FDJ-Erntenadel, die Medaille «Hervorragender Erfinder.» Und auch die Elbe vergisst nichts. «Sie stank nach Zellulose und Rieselfeld. Nach Tischlerleim und verbrannter Tierhaut, nach dem marzipangelben Shampoo aus Wutha ....» Mit expressiver Intensität gewinnt Tellkamp die bedrohlichen Bilder der mit Giften traktierten Natur zurück: «Der Fluß hatte Pupillen, eine nach der anderen.»

Schärfung der Optik

So schreitet die nostalgisch scheinende Detailverliebtheit fort zur politischen Schärfung der Optik. Der weitverzweigte Bespitzelungsapparat wird in seinen Verführungskünsten verständlicher, dadurch aber keineswegs entlastet. Christians erste Liebe strandet in Angst. Der Onkel hält die Mitschülerin für einen Spitzel. «Sie küssen dich, und sie verraten dich», warnt er und spricht ein Urteil, wie es kaum vernichtender über ein Land formuliert werden kann: «Man darf nicht jung sein hierzulande.»

Wegen «öffentlicher Herabwürdigung der öffentlichen Ordnung», in diesem Falle der Beschimpfung eines Vorgesetzten, landet Christian im Militärgefängnis Schwedt, in der Karbidproduktion bei Halle und später im Braunkohletagebau. Diese Berichte aus dem «Innersten des Systems» gehören zu den besten Passagen des Buches, weil sie die Strafmaschinerie kombinieren mit dem sprachlichen Pathos der Rohstoffgewinnung, das als fernes Echo sozialistischen Proletkults mitschwingt.

Der neue Mensch

Dieses Echo wiederum wird konfrontiert mit den barbarischen Arbeitsbedingungen der Realität. Vor dem Karbidofen schuftend hat Christian das Gefühl zu einem neuartigen Lebewesen zusammengeschmolzen zu werden, einem «Zwitter aus Fischotter (Schweiß, die ofenabgewandte Seite) und Broiler (zur Ofenöffnung)».

So sieht er aus, der neue Mensch, und ist für einen Moment auf seine staatlich zugerichtete Weise zufrieden: «Der Widerstand, den Christian lange in sich gespürt hatte - gegen die Gesellschaft, den Sozialismus, wie er ihn erlebte und sah -, schwand, wich einem Gefühl des Einverstandenseins mit allem. (...) Es war richtig, daß er hier war. Hier an diesem Ort, dem von Braunkohletagebauen und vergifteten Flüssen zerfressenen Chemie-Reich war er richtig, hier war sein Platz.»
«Der Turm» ist ein Roman über glücklich verlorene Heimat.

Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2008. 976 S., 24,80 Euro

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung». Harald Jähner leitet das Feuilletonressort.

 
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