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Wikipedia-Lexikon ist erschienen: 

Offline wirkt seriöser - und langweiliger

22. Sep 2008 11:14
Sieht gut aus: Coverausschnitt des Lexikons
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Knapp tausend Seiten dick, schwer wie ein altes Notebook und vom «1. Buch Mose» bis «ZZ Top» allumfassend: Das Wikipedia-Lexikon in gedruckter Form ist da. Maik Söhler hat es sich angesehen.

Online geht offline, so weit ist es also schon gekommen, die Webhasser-Fraktion der «Süddeutschen Zeitung» kann aufatmen. Oder muss sie sich nun, da es die Internet-Enzyklopädie Wikipedia auch als gedrucktes «Wikipedia Lexikon in einem Band» gibt, erst recht sorgen?

Auf rund 1000 Seiten vesammelt der Band 50.000 Stichwörter, ergänzt von vielen farbigen Fotos, Schaubildern, Übersichtsstatistiken. Er ist außerdem mit einem 34-seitigen Anhang versehen, von dem allein 30 Seiten all die Namen der Autoren aufzählen: von «!!yeahman!!» über «Anonym» und «Anonym001» bis «Karl-Heinz Mitzschke», «Klugschwaetzer» und «Knallcharge», um mit «uro-Dildo», «urocharmed» und «Yelm» abzuschließen. Wer das sieht, kommt kaum umhin, der Webverachtung der «Süddeutschen Zeitung» zumindest in einem Punkt entgegenzukommen: Seriosität sieht anders aus.

Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre meinte mal, wer in seinem literarischen Werk 50.000 Namen platziere, könne 50.000 Leser erwarten. Dieser Logik folgend müsste das Wikipedia-Lexikon ein voller Erfolg werden. Folgt man aber anderen Logiken, so stellen sich erstmal viele Fragen.

Wozu braucht es ein solches Lexikon? Kann es mit der Konkurrenz, also dem Brockhaus, mithalten? Wenn ja, wird es das auch auf Dauer können? Wenn nicht, wird es dann wenigstens seinem eigenen Anspruch gerecht, «Ergänzung» zu sein, «das Angebot zu bereichern» bzw. sich am «Nutzerverhalten» und den «Nachschlagevorlieben der User» der Online-Wkipedia zu orientieren? Schließlich: Was bedeutet es, wenn die Herausgeber im Vorspann von einem «lexikalischen Jahrbuch» sprechen - etwa dass nun jedes Jahr so ein Trumm herauskommt?

Was das Lexikon will

Im Vorwort heißt es weiter: «Die Auswahl der Stichwörter basiert auf einer Liste der 2007/08 am häufigsten aufgerufenen Wikipedia-Artikel. Als direkte Textquelle dienen die jeweils ersten Absätze dieser Artikel.» Als Themenbeispiele werden «Apple iPhone, Carla Bruni, (...) 'Ich bin dann mal weg', (...) Wii und Andrea Ypsilanti» genannt.

Messen wir das Buch, das mehr wiegt als ein MacBook Air, doch einfach mal an diesen Ausführungen und fangen - à propos - mit dem im Januar 2008 unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit vorgestellten MacBook Air an. Zwischen «Macbeth» und «MacDowell, Andie» ist kein Eintrag zu finden. Vielleicht unter «Air»? Ja: «Air (Band)». Also nein.

Bleibt wohl nur Apple. Aber auch da taucht das «dünnste Notebook der Welt» nicht auf. Genannt werden in Reihe lediglich «Apple», «Apple iPhone», «Apple iPod» und «Apple Macintosh», nur unterbrochen von «Applegate, Christina». «Air (Notebook)» war also unter Wikipedia-Online-Usern nicht beliebt genug, um es auch ins Lexikon zu schaffen.

Wie im Lexikon geschrieben wird

Die Einträge im Wikipedia-Lexikon sind knapp und informativ gehalten, auch und gerade dort, wo komplexe Sachverhalte dargestellt werden müssen. So ist zum Stichwort «Ich bin dann mal weg» zu lesen: «I. b. d. m. w. - Meine Reise auf dem Jakobsweg ist ein am 22. Mai 2006 in Buchform erschienener Reisebericht des dt. Entertainers Hape Kerkeling.»

Zur Wikipedia selbst heißt es: «W. ist ein Projekt zur Erstellung einer Online-Enzyklopädie in mehreren Sprachversionen. Der Begriff W. - ein Kofferwort - setzt sich aus 'Wiki' (Hawaiisch für 'schnell') u. 'Encyclopedia' (Englisch für 'Enzyklopädie') zusammen.» Es folgen noch einige Ausführungen zur Funktionsweise, Autorenschaft, Lizenzvielfalt und zum Betrieber der Wikipedia.

Was das Lexikon nicht kann

Extrem verdichtet, aber informativ bzw. sachlich gehalten und durchgehend in einer seriösen Sprache gehalten: das kann man so machen. Und doch offenbaren sich genau hier die Schwächen des Lexikons: kein Hypertext, keine Links, keine Quellen, keine Edit-Schlachten.

Alles, was wir User an der Wikipedia lieb gewonnen haben - Weiterleitung via Link, den Eintrag anhand der angegebenen Quellen und Links überprüfen und gegebenenfalls auch die Streitpunkte der Autoren im Edit-Wiki nachvollziehen zu können -, funktioniert offline nicht. Aus dem soliden, weil stets im Fortentwicklungsprozess befindlichen Halb- und Dreiviertelwissen der Online-Welt werden im Buch gestanzte Fakten, unverrückbare, nicht mehr modifizierbare Offline-Einträge, Lexikonwissen halt.

Was das Lexikon kann

Das Buch kann also Kurzübersichten geben, auch zu Themen, die in anderen Lexika nicht vorkommen. Es kann auf engstem Raum informieren und sicher auch desinformieren. So wirft etwa der Eintrag «Daten» mehr Fragen auf als er beantwortet: «D. sind logisch gruppierte Informationseinheiten (engl., aber auch in der Informationstheorie 'Datum'), die zwischen Systemen übertragen werden oder auf Systemen gespeichert sind.»

Eines kann das Wikipedia-Lexikon dann auch noch: gut im Regal stehen - der Buchrücken kann sich sehen lassen.

Aber seien wir nicht ungerecht. Den Ansprüchen, die man online an die Wikipedia stellt, muss sie offline nicht genügen. Umgekehrt erwartet ja auch keiner den perfekten Webauftritt der diversen Brockhaus-Lexika. Ein normales Lexikon aus diesem Hause endlich im Netz finden und benutzen zu können, würde ja schon reichen. Mal sehen, ob es online ist bevor das nächste Wikipedia-Lexikon offline geht.

Das Wikipedia Lexikon in einem Band. 992 S, 50.000 Stichw., 1000 vierf. Abbildungen. Bertelsmann/Wissen Media Verlag, Gütersloh/München, 19,95 Euro.

 
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