Der Autor Foster Wallace ist tot: 

netzeitung.deOhne ihn wird's schwerer

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Er schlug das Gerede durch seinen verzweifelten Witz: Zum Selbstmord des Schriftstellers David Foster Wallace ein Nachruf von Harald Jähner .

Sicher eines der größten Talente der Welt. So stand es ursprünglich in der kürzlich in der «Berliner Zeitung» erschienenen Besprechung seines Buches «Vergessenheit». Die Bemerkung wurde gestrichen, man will ja nicht ohne Not pathetisch werden. Das Urteil aber stimmt, und nun, vier Wochen später, ist es an der Zeit, es nachzureichen. David Foster Wallace (46) hat sich in seinem Haus in Claremont bei Los Angeles erhängt.

Der Autor war bekannt für seinen Witz. Er besaß den bittersten Humor, den man sich nur vorstellen kann. Seine Darstellung eines Toilettenmannes etwa, erzählt aus der Perspektive des Sohnes, ist ein Meisterwerk akribischer Versenkung ins Abseitige, in alle Details des betreuten Toilettenwesens, in die Geräusche und Gerüche, in die Mimik von Diskretion und Dienstleistung. «Dass er sich Arbeit mit nach Hause nahm», lässt er den Sohn erzählen: «Seine Herrenklo-Miene. Sogar sein Schädel passte sich im Lauf der Zeit den beruflichen Notwendigkeiten an. Dieser Ausdruck im Gesicht. Oder besser: der fehlende Ausdruck. Immer aufmerksam, nie anwesend. Zurückhaltend wäre schon zu viel gesagt.»
Seele im Gequassel
Der Toilettenmann, der sich Arbeit mit nach Hause nimmt - er stammt aus Wallace' Erzählungsband «Kurze Interviews mit fiesen Männern» (2002). Es ist vor allem ein Buch über die Schrecken der Eloquenz. Wallace' Helden reden über sich wie Jörg Kachelmann über ein Tief. Vergewaltiger räsonieren über die «Spirale der Scham» und das «unterschwellig noch immer geltende Anständiges-Mädchen-versus-Nutte-Ding». Sie berichten von sich wie Klatschreporter, spulen Diagnosen ab wie man sie aus Talkshows kennt, produzieren bei jeder Drehung eine neue Floskel.

Die Seele der Gegenwart steckt Wallace' Werken zufolge in diesem Gequassel. Ohne die Erziehung der Menschen durch das Fernsehen wäre es nicht denkbar, weshalb viele seiner Geschichten vom Fernsehen handeln, von einem Jungen etwa, der nach vielen Folgen aus einer Rateshow fliegt, oder vom «TV der Leiden», das hintereinander nichts als Katastrophen zeigt. Das Vermögen von Menschen, versiert, locker, charmant und intelligent daherreden zu können wie nie zuvor in der Geschichte und gleichzeitig nicht das geringste Gespür für Sinn zu besitzen, ist für Wallace das bezeichnendste Phänomen unserer Epoche. Dieser Eloquenz gehörte seine ganze Aufmerksamkeit, seine Trauer und sein Hass.

Ein Stammler
Man mochte sich den Autor gern als einen Stammler vorstellen, als einen skrupelhaften, verbockten Menschen, dem die Worte quer im Mund liegen. Er nahm es mit dem Gerede auf durch Genauigkeit. Er überbot es, entlarvte und parodierte es, schlug es durch seinen verzweifelten Witz, blamierte es durch die Meisterschaft, mit der er sich an dieses unwürdige Thema verschwendete.

Leicht zu lesen sind Wallace Bücher nicht. So witzig sie sind, so sehr quälen sie auch. Bezeichnend für seine Geschichten ist ein letzter Satz wie dieser: «Ich hingegen machte einfach Folgendes.» Und dann ist tatsächlich Ende. In einer Zeit, wo Journalisten dichten («Wenn Airbags der Kragen platzt») traktiert Wallace seine Überlegenheit mit Pedanterie und Selbstzerstörung gleichermaßen. Das macht seine Bücher so schwer übersetzbar, dass die deutsche Ausgabe seines 1000-Seiten Romans «Infinite Jest» Jahr um Jahr aufs Neue verschoben wird. Schwer zu übersetzen ist auch Wallace' Mixtur von Tonlagen aus allen möglichen Jargons.

Seine Erzählung «Selbstmord als eine Art Geschenk» beginnt so naiv wie nur möglich: «Es war einmal eine Mutter, die hatte echt große Probleme, emotional, also innerlich». Dazu gibt es Fußnoten wie bei einem Werk der Wissenschaft: «Begriffe wie Stimmungsaufheller und chill-out waren damals noch nicht in Umlauf, ja nicht mal Psychoscheiß.» Nun wurde David Foster Wallace durch ein Übermaß davon erwischt. «Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich», hieß sein Bericht über eine Kreuzfahrt, der eigentlich ein Gesellschaftsporträt war. Ohne ihn wird's schwerer.

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung». Harald Jähner leitet das Feuilletonressort.