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Regisseur Schlingensief über seine Krebserkrankung: 

«Was passiert ist, kam mir wie die Vorhölle vor»

04. Sep 2008 14:02
Katholik Christoph Schlingensief
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Der Regisseur meldet sich nach einer längeren Erkrankung zurück. Bei der RuhrTriennale wird er ein neues Projekt vorstellen. Zuvor sprach er ausführlich über seine Angst vor dem Krebs und wie er als Katholik damit umgeht.

Ist ihr jetziges Projekt eine Fortsetzung der «Kirche der Angst» und mit welchem Ziel?

Schlingensief: «Es ist mir ein altvertrautes Gelände, wo ich auch schon 1990 «Das deutsche Kettensägenmassaker» gedreht habe. Aber ich präsentiere nicht meine Memoiren auf der Bühne, sondern kehre mit dieser Arbeit an den Altar zurück, an dem ich als sechsjähriger Messdiener gescheitert bin. Es ist also die Rekonstruktion der ersten Angst, wenn man so will.

Und ich will auch wissen, ob ich mit meiner Krebserkrankung nochmal gescheitert bin oder Scheitern, wie ich früher gerne gesagt habe, eben auch eine Chance bedeutet. Zum Beispiel für einen Neuanfang. Ich fange sozusagen das Spiel noch einmal an. Es macht mir große Freude wieder zu arbeiten, und ich habe eine große Lebensfreude, auch wenn mich noch immer sehr viele Dinge bedrängen und viele Fragen an Gott, ans Leben, an das Leidwesen unseres Menschsein entstanden sind, die ich mir sonst nie gestellt hätte.»

Haben Sie heute also andere Ängste als früher und ist die «Kirche der Angst» heute eine andere für Sie?

Schlingensief: «Die «Kirche der Angst» entstand zur Zeit der New Yorker Terroranschläge vom 11. September 2001, wo jeder jeden verdächtigt hat. Hier auf der RuhrTriennale geht es um viel individuellere Fragen. Eine ganz persönliche Angstkirche. Eine Weiterentwicklung des Gottesdienstes, wo nicht mehr nur noch nachgebetet wird und jede persönliche Haftung ausgespart bleibt.

«Ich liebe das Leben»

Ich lebe wie alle Menschen in meiner eigenen Angst, die niemand nachempfinden kann und ich habe eine große Angst vor der Welt, die ich aber gleichzeitig auch liebe. Mir geht es wieder gut, ich kann wieder arbeiten, ich habe Spaß am Leben und der Arbeit, auch wenn ich manchmal noch Ängste habe, kalte Füße sozusagen. Ich denke viel nach und bin manchmal auch melancholisch, aber ich liebe das Leben.»

Ihr Leben hat sich aber stark verändert, Ihre Einstellung zum Leben?

Schlingensief: «Natürlich, ich musste ja erst einmal lernen, mit so einer Krankheit umzugehen. Ich war ja praktisch mit meiner Arbeit bis dahin quasi in einem Hochgeschwindigkeitsrausch und wurde plötzlich angehalten, mit einem Fleck auf einem Röntgenbild. Man kann es erst einmal nicht fassen und denkt an Tuberkulose oder Lungenentzündung oder eine Pilzinfektion aus dem brasilianischen Urwald, wo ich im vergangenen Jahr auch gearbeitet habe.

«Ich gelte als Nichtraucher»

Da knallt es plötzlich im Leben und alle Sicherungsmaßnahmen sind erstmal außer Kraft gesetzt, auch das Verhältnis zu mir und darüber hinaus zu meinen Freunden, meiner Lebensgefährtin, meinem verstorbenen Vater und meiner kränkelnden Mutter, da ging es nicht mehr um eine direkte Auswertung wie bei manchen Arbeiten im Film, auf der Bühne, der Oper oder in der Kunst, nicht alles ist Kunst. Das da war gnadenlos real und viele Simulationen unserer Gesellschaft bis hin zu Teilen der eigenen Arbeit waren kaum noch zu ertragen.

Und dann die Diagnose, Lungenkrebs, es ist kein Raucherkrebs, ich gelte als Nichtraucher und auch in der Familie kein Lungenkrebs. Es nennt sich Adenokarzinom. Basta. Das ist alles. Weitere Daten des unwillkommenen Schmarotzers gab es nicht.»

Wie hat der Katholik Schlingensief das verarbeitet?

Schlingensief: «Da tauchte wieder die alte Angst des sechsjährigen Messdieners vor dem Altar auf mit der Frage «Was habe ich denn falsch gemacht?» Man sucht als Christ und erst recht als Katholik die Schuld doch zuerst bei sich selbst, Krankheit als Bestrafung.

«Eine Art Vorhölle»

Natürlich habe ich in meinem bisherigen Leben extrem um Anerkennung gekämpft. Mir war wahnsinnig wichtig, dass ich geliebt werde, auch von meinen Eltern, dass sie sehen, aus ihrem Jungen ist doch was geworden. Der große Junge ist sich aber innerlich noch immer fremd. Ich konnte nie im Leben sagen, ob ich ein guter oder ein böser Mensch bin, das weiß ich immer noch nicht, das ist mir auch durch die Krankheit nicht klarer geworden.

Da kann auch die Kirche nicht helfen?

Schlingensief: «Ich bin als Christ erzogen worden, aber Gott und auch Jesus waren mir immer wieder fremd, und die Kirche viel zu seicht, viel zu weinerlich, ein Riesenproblem. Ich kann mit dem katholischen Kram eigentlich nicht mehr im angelernten Sinne umgehen, auch wenn mir der Katholizismus noch immer näher ist, er ist greifbarer, archaischer, unangenehmer, er stinkt und fasziniert mehr als mancher Calvinismus oder trockengelegte Sektenkram.

Aber wenn ich das große Leid auf der ganzen Welt und in vielen persönlichen Tragödien auf den Stationen oder Chemo- und Strahlen-Wartezimmern sehe, dann geht mir das jetzt noch stärker unter die Haut, so stark, dass ich dadurch meine zunächst lebensbedrohende Erkrankung relativieren konnte. Es gibt immer Schlimmeres, aber was ich erlebt habe, kam mir wie eine Art Vorhölle vor, und ich hoffe, dass mir das im Fegefeuer angerechnet wird, auch wenn der Papst da anderen Unfug verbreitet.» (dpa)

 
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