Neues Buch von Günther Grass:
Kindersicht auf Schriftsteller-Leben
29. Aug 2008 10:41
 |  Günther Grass lässt seine Kinder zu Wort kommen | Foto: dpa |
|
In seinem neuen Buch beleuchtet der deutsche Literaturnobelpreisträger sein Leben aus der Sicht der eigenen Kinder. Und die wirken leicht verbittert, denn weder sie noch ihre Mütter waren offenbar das Wichtigste in Grass' Leben.
Diesmal gibt es um das neue Buch keinen Skandal: Zwar setzt Günter Grass mit «Die Box» seine Reihe autobiografischer Werke fort. Wer aber eine Enthüllung erwartet - wie Grass' Mitgliedschaft in der Waffen-SS in «Beim Häuten der Zwiebel» - wird enttäuscht sein. Zum Teil die Alltäglichkeiten einer Patchworkfamilie beschreibt der Schriftsteller in dem gerade erschienenen Roman.
Und vielleicht gerade deswegen ist es sein bisher persönlichstes Buch. Er lässt die Geschichte aus der Sicht von acht Kindern erzählen, die über ihren Vater sprechen. Dieser hat sie dazu ermuntert: «Es war einmal ein Vater, der rief, weil alt geworden, seine Söhne und Töchter zusammen» - mit diesem Satz beginnt das Buch, und in diesem Stil geht es auch weiter. Alltagssprache, unvollständige Sätze, weil sich die Kinder gegenseitig ins Wort fallen, Vereinfachungen: «Die Box» sind in Buchform gegossene Familientreffen. Die älteren Kinder fangen an. Es geht um die Zeit nach dem Krieg, die Jahre in Berlin. Vom Leben auf dem Land - Grass wohnte von 1972 bis 1987 in Schleswig-Holstein, hielt sich dann längere Zeit in Indien auf und lebt seit 1985 in der Nähe von Lübeck - erzählen die jüngeren Kinder.
Der rote Faden ist «Die Box»
Der rote Faden der Geschichte ist «Die Box», eine in den 50er und 60er Jahren sehr populäre Kamera der Marke Agfa. Und natürlich «Knipsmalmariechen», die mit der Box unzählige Fotos aus Grass' Leben festgehalten hat. Der Schriftsteller hat das Buch Maria Rama gewidmet. Die 1997 gestorbene Fotografin war viele Jahre lang mit Grass befreundet; im Buch spekulieren die Kinder, ob die zwei wohl einmal etwas miteinander gehabt haben könnten.
Mit ihrer Wunderkamera hat Mariechen Bilder gemacht, von denen sich der Vater für seine Bücher inspirieren ließ. Die Bücher waren Mittelpunkt seines Lebens, nicht sie oder ihre Mütter, stellen die Kinder etwas verbittert fest. Immer hatte er etwas anderes im Kopf, immer etwas aufzuarbeiten... Bis in die 90er Jahre hinein reichen die Erzählungen der Kinder, bis zur Verleihung des Literaturnobelpreises 1999 in Stockholm. «Mit mir hat er getanzt, weil die Band im Schloss extrem schrägen Dixie drauf hatte...», sagt eine der Töchter.
Die Fotos sind verschwunden
Wo die Box geblieben ist und die vielen Bilder, die «Knipsmalmariechen» gemacht hat, wissen die Kinder nicht. «Schon regt sich flüsternd Verdacht, er (der Vater), nur er habe Mariechen beerbt und die Box - wie anderes auch - bei sich versteckt: für später, weil immer noch was in ihm tickt, das abgearbeitet werden muss, solang' er noch da ist...», endet der Roman. Eine Anspielung von Grass, dass die Geschichte weitergehen wird? «Die Box» ist ein leises Buch - verglichen mit dem Werk «Beim Häuten der Zwiebel» (2006), das wegen Grass' Bekenntnis, Mitglied der SS-Panzerdivision «Frundsberg» gewesen zu sein, für viel Aufsehen sorgte. Es ist eine Familiengeschichte, wirkt wie der Versuch eines Vaters, sich den erwachsenen Kindern aus verschiedenen Frauenbeziehungen zu nähern. Er will Ehrlichkeit, und er bekommt sie auch: «Unausgesprochenes liegt in der Luft. Nur langsam fädeln die Geschwister sich in die Wirrnisse ihrer Kindheit, reden rückfällig, sind mal aufgekratzt, mal übellaunig, bestehen darauf, noch immer verletzt zu sein», schreibt der Autor. Wer das Buch gelesen hat, würde gerne Mäuschen spielen beim nächsten Grass'schen Familientreffen. (Susanne Gabriel, AP)
Das Werk von Günther GrassFür seinen 1959 erschienenen Roman «Die Blechtrommel» erhielt Günter Grass 40 Jahre später den Literaturnobelpreis. Das Buch ist der erste Teil seiner «Danziger Trilogie», dem 1961 «Katz und Maus» und 1963 die «Hundstage» folgten. Auf positives Echo der Literaturkritik stießen auch die beiden großen Romane «Der Butt» (1977) und «Die Rättin» (1986). Sein Werk «Ein weites Feld» (1995) dagegen, in dem sich Grass kritisch mit der deutschen Wiedervereinigung befasst, wurde sehr kontrovers aufgenommen. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki verriss den Roman im Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» auf spektakuläre Art und Weise, was Grass, wie er selbst sagte, sehr verletzt hat. Das alles geriet in Vergessenheit, als er 1999 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Auch sein 2002 erschienener Roman «Im Krebsgang», in dem es um die Schiffskatastrophe der «Wilhelm Gustloff» geht, erntete wieder viel Lob. Für Aufregung sorgte Grass dann wieder 2006, als er in dem autobiografischen Roman «Beim Häuten der Zwiebel» enthüllte, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein.
|
|