Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Mit Füßen getreten: 

Vom Niedergang des Trottoirs

14. Aug 2008 10:36, ergänzt 10:38
Flanieren ist aus der Mode
Bild vergrößern
Bürgersteige sind heute oft kaugummibewehrte, mit Zigarettenstummeln geschmückte Pflasterlinien, auf denen Fußgänger im Slalom Caféstühle, Bäume und Hinweistafeln umkurven müssen. Dabei hatte alles so gut angefangen.

Autofahrer hätten ihn oft gern als Parkraum, Kinder und Besucher von Straßencafés nutzen ihn als öffentliches Wohnzimmer, Geschäfte gern als zusätzliche Verkaufsfläche: der Bürgersteig. «Die Art und Weise, wie Bürgersteige angelegt und gepflastert sind, prägt ganz markant die Atmosphäre einer Stadt», sagt die Wiener Tiefbauingenieurin Anita Drexel.

Lange Zeit waren Bürgersteige ein Kennzeichen besonders moderner und urbaner Orte. So galt Kassel im 18. Jahrhundert als eine der schönsten Städte Deutschlands, weil es so schönes Straßenpflaster hatte. Und schon im Römischen Reich gab es in allen Städten bequeme Gehsteige, die eineinhalb Fuß über der Straße lagen.

Mit Holzschuhen durch den Schlamm gewatet

In den mittelalterlichen deutschen Städten hingegen mussten die Menschen Holzschuhe unterschnallen, um auf der Straße überhaupt gehen zu können, berichtet der Haller Straßenarchäologe Johannes Litzel: «Jeder Regen hat dazu geführt, dass der Boden grundlos wurde.» Man behalf sich schließlich mit sogenannten Schreitsteinen, die in der Mitte der schlammigen Straße einen Steg bildeten. Anfangs durfte er nur von den «ehrsamen Bürgern» benutzt werden: der Bürgersteig war entstanden.

Dann, als es Ende des 18. Jahrhunderts allgemein üblich wurde, die Straßen zu pflastern und Gehwege für alle anzulegen, wählte man vorzugsweise den französischen Begriff Trottoir. «Das bezeichnete nun nicht mehr den, der den Bürgersteig benutzte, sondern vielmehr wie er das machte: er ging langsam vor sich hin, also er trottete», sagt Litzel.

Der Bürger flanierte gern

Die Anlage von Bürgersteigen wäre undenkbar gewesen ohne die Mode des bürgerlichen Flanierens, die vor 200 Jahren in den europäischen Städten hoch im Kurs stand. «Das 19. Jahrhundert geht spazieren», sagt Litzel. Der Stellenwert des Gehwegs wuchs. Auf der Berliner Straße «Unter den Linden» ist er sechs Meter breit.

Den Großteil der heutigen Bürgersteige bezeichnet der Trierer Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim hingegen als «traurigen Rest, der übrig geblieben ist». Die Moderne habe einen «fatalen Niedergang» des Bürgersteigs mit sich gebracht, einer Fläche, die einst «sehr sorgfältig gestaltet wurde».

Zentrale Rolle im öffentlichen Leben

Doch an seiner zentralen Funktion für das öffentliche Leben hat sich nichts geändert: «Die Kinder lieben den Bürgersteig, weil sie hier mit Kreide malen und ihre Hüpfspiele machen können», sagt Gerhard Mlynczak vom Dortmunder Büro für Kinderinteressen. Und daraus ergibt sich für ihn auch der Name: «Das heißt ja nicht Bürgerweg. Das heißt Bürgersteig, weil man dann auch mal über etwas steigen muss, eben spielende Kinder.»

Und Künstler finden dort ihre Inspiration. So wie der Bochumer Poet junyq von den «Drei Glorreichen Halunken», der sein Label «Trottoirpoesie» nennt und schwärmt: «Hier findet man die Geschichten, die das Leben schreibt.»

Und in Gegenden, wo das öffentliche Leben brachliegt – dort sind dann die Bürgersteige hochgeklappt. (Darijana Hahn, epd)

 
Drucken
Versenden
  • Bookmark:
  • Mister Wong Webnews Yigg Linkarena Google My Space Del.icio.us Oneview Facebook Twitter
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

 
Media-Theke, die Medienkolumne der Netzeitung: 
Neue Tote, neue Herrchen, deutsches «Dallas»
Oliver Pocher präsentiert Jauchs neue Rate-Show: 
«5 gegen Jauch» landet nun doch bei RTL
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
  •  Berlin 17°
  •  Hamburg 15°
  •  Köln 19°
  •  Frankfurt 20°
  •  Stuttgart 19°
  •  München 18°
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Anzeigen:
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Robert Rischke | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2009 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.