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Buch-Rezension:: 

Skurriles aus dem Moskauer Großstadtbiotop

17. Jul 2008 13:31
Friedhof in Moskau
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Alexander Kabakow unternimmt einen märchenhaften Streifzug durch das heutige Moskau – und entdeckt dabei nicht weniger wunderliche Gestalten und Geschichten als Michail Bulgakow in den dreißiger Jahren. Franziska Zwerg hat das Buch gelesen.

Vielleicht war das Leben in Moskau ja schon immer ganz anders als das in der russischen Provinz. Auf jeden Fall bietet diese außergewöhnliche Stadt den Nährboden für allerlei Skurrilitäten. Und wie könnte man diese literarisch besser fassbar machen als durch Märchen? In Alexander Kabakows «Moskauer Märchen» trifft man dabei auch auf viele gute alte Bekannte: verzauberte Frösche, unsichtbare Menschen, fliegende Teppiche, das nette Rotkäppchen und natürlich auch den weniger beliebte Sensenmann. Dieser zeigt sich gleich im ersten Märchen als rasender VW Passat Fahrer, der überraschte Bürger in Wahnsinn und Tod treibt.

Die Bewohner des Großstadtbiotops

Die fabelhafte Welt von Kabakows Märchen-Moskau besteht aus einer illustren Gesellschaft. Da gibt es die Kinder der alten Eliten, die im neuen Business für ihre Villa an der Straße der Reichen und Schönen sparen, es gibt die von jeher von den Hauptstädtern verachteten Provinzler, die dem Luxus frönen wollen und den Alteingesessenen ihren angestammten Wohnraum streitig machen, es gibt die ewig Gestrigen, die den Zeiten des «Neuen Menschen» nachtrauern, es gibt Oligarchen und Gastarbeiter kaukasischer Herkunft, Milizionäre und Dönerbudenbesitzer, Gaunerpack und Beamte, Flittchen und Penner.

Einer dieser Protagonisten ist ein aufstrebender Bauunternehmer, der mit den Geldern privater Anleger ein himmelhohes Wohnhaus bauen will. Die in sozialer Enge aufgewachsenen Anleger werden mit dem Traum vom Aufstieg geködert: «Reiche an den Himmel heran!» In der Tat haben Hochhäuser in Moskau eine bemerkenswerte Geschichte: Als sich Stalins Zeit dem Ende näherte, initiierte er den Bau der ersten Moskauer Hochhäuser. Die erste der «Sieben Schwestern» wurde als Wohnhaus gebaut – für die politischen Eliten des totalitären Staates. In der heutigen Ära des Turmbaus wurde 2005 Europas höchste Hochhaus, der «Triumphpalast» in eben jenem Stalinschen Zuckerbäckerstil fertiggestellt. Er besteht vorwiegend aus exklusiven Wohnetagen – für die neue Wirtschaftselite. Kabakow allerdings verspottet diese neue Himmelsstürmerei: sein Bauunternehmer scheitert mit seinem Babylon-Projekt, der Name erweist sich als Programm.

Don Juan als Vater

Besonders bemerkenswert ist, wie Kabakow alle zwölf Märchen dieses Bandes inhaltlich miteinander verknüpft und seine Protagonisten in ein dichtes Beziehungsgeflecht eingewoben hat. So gibt es einen Don Juan, der wegen seiner Wahllosigkeit gegenüber dem Objekt seiner Begierden etwas lieblos als Rudelbumser bezeichnet wird. Als er ein Verhältnis mit der Frau eines Volkshymnendichters beginnt, sorgt der gehörnte Ehemann für dessen Verbannung in ein fernes Straflager. Doch zu spät – Don Juan hat bereits für Nachwuchs im Hause des Dichters gesorgt. Mehr noch, auch am Ort seiner Verbannung frönt er seiner Leidenschaft und wird Leihvater des Sprösslings einer Majorsfamilie. Die beiden Kuckuckskinder – einer von ihnen jener glücklose Bauunternehmer des Babylonturmbaus, der andere Star im Showbiz – ähneln sich bis auf die Glatze.

Der geküsste Lenin

Der gehörnte Major erfährt davon erst als Greis, als er übervoll der Nostalgie für die alten Zeiten auf dem Friedhof der Konversation prominenter Toter lauscht. Hier unterhalten sich der Grabstein des ebenfalls gehörnten Volksdichters und die Marmorstatue eines Marschalls, der einen Telfonhörer in der Hand hält. Diese seltsame Totenverehrung erinnert an einen Vorfall aus dem Leben des Marschalls: Er hatte in einem entscheidenden Moment den Oberkommandierenden telefonisch nicht erreichen können und gab daraufhin selbständig den Befehl zum Abschuss eines die Grenze anfliegenden Teppichs mit aufgebrachten sowjetischen Bürgern, die beschlossen hatten – der Warteschlange vorm Teppichladen müde – fortzufliegen.

Nach diesem Friedhofsbesuch wagt der alte Major seine letzte große Tat: Er dringt ins Leninmausoleum auf dem Roten Platz ein und küsst Lenin wach, als wäre er Dornröschen. In einer Todesvision des der Neuen Zeit müde gewordenen Majors erscheinen sämtliche tote Protagonisten auf dem Roten Platz, um den Worten Lenins zu lauschen. Bevor der Wachgeküsste sich davonmacht, verkündet er ihnen die neue bolschewistische Losung: «Nieder mit den Lebenden.»
Und kurz danach wird ein Wohnhaus am Rande von Moskau vom Strom genommen, um die lästigen, einen weiteren Neubau verhindernden Bewohner zu vertreiben...

Alexander Kabakow:
Moskauer Märchen.
Aus dem Russischen von Hannelore Umbreit
Wien: Verlagshaus Pereprava, 2007
261 Seiten, 22 Euro


 
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