Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Wo Rom evangelisch war: 

Auf den Spuren der christlichen Kultur

03. Jul 2008 14:25
Die St. Peters Basilika überblickt die Ewige Stadt
Bild vergrößern
Wer in die Ewige Stadt kommt, kann hier Religionsgeschichte live erleben. Ein Kunsthistoriker zeigt in seinem Reiseführer auf, wie man an jeder Ecke evangelisch geprägte Spuren entdecken kann.

Unter der Basilika S. Clemente am Kolosseum rauscht noch immer die Wasserquelle, die schon am dortigen Mithras-Heiligtum vorbei floss. Wer von der mittelalterlichen Oberkirche in die tiefer liegenden Gebäudeschichten hinabsteigt, erlebt 2.000 Jahre Religionsgeschichte als Abenteuer. In ihrem Reiseführer «Evangelisch in Rom» beschreiben der Kunsthistoriker Jürgen Krüger und der Theologe Michael Meyer-Blanck die Basilika als künstlerisches Juwel und als Spiegel des mittelalterlichen Streits um die Vorrangstellung von geistlicher und weltlicher Macht.

Als Kritik einer rein machtpolitischen Interpretation des Papstamtes gilt nach neuen Forschungsergebnissen die Moses-Statue in S. Pietro in Vincoli, die Michelangelo für das Grab von Papst Julius II. schuf. Unter Berufung auf den Chefrestaurator der Statue und Michelangelo-Biografen, Antonio Forcellino, sprechen die Autoren von einem «evangelischen Grabmal für einen katholischen Renaissancepapst». Michelangelo stellte den Verstorbenen nicht in seiner Machtfülle, sondern als demütig nach unten blickenden frommen Mann dar.

Romführer mit evangelischer Brille

Michelangelo drehte den Kopf des Papstes weg vom Hauptaltar mit den Ketten, mit denen der Apostel Petrus gefesselt worden sein soll. «Für Michelangelo symbolisierte dieser Altar den katholischen Aberglauben», meint Forcellino im Bezug auf den aus evangelischer Sicht befremdlichen Reliquienkult. Die beiden das Grabmal flankierenden Statuen des aktiven und kontemplativen Lebens deutet er als Ausdruck für Michelangelos Hinwendung zur Spiritualität des Glaubens.

Michelangelo gehörte im Alter einer Gruppe um die römische Adlige und Schriftstellerin Vittoria Colonna an, die unter dem Einfluss der Antike und humanistischer Philosophie Wege zur Erneuerung der Kirche suchte. Die Inquisition verurteilte die Gemeinschaft wegen der Forderung nach einer geistlichen Reform, nach Verzicht auf den Pflichtzölibat und den Machtanspruch des Papstes. Einer ihrer Mitglieder, der britische Kardinal Reginald Pole sei 1549 «der lutherischen Häresie und der Mitwirkung an der ketzerischen Schrift 'Beneficio di Cristo'» - dem Pamphlet der frommen Gruppe - beschuldigt worden, erfährt der Leser in dem Romführer mit evangelischer Brille.

Kalenderberechnung mit Sonnenuhr

Die religiöse und politische Bedeutung der Zeitmessung erklären die Autoren anhand antiker Sonnen- und Wasseruhren sowie von Kalenderreformen. Der Zeiger der 10 vor Christus aufgestellten Sonnenuhr von Kaiser Augustus wirft heute seinen Schatten auf der Piazza Montecitorio vor dem italienischen Parlament. Ursprünglich habe er dem «kaiserlichen Selbstdarstellungsprogramm» gedient. Zudem habe er eine wichtige meteorologische Doppelfunktion erfüllt - als Zeiger einer Sonnenuhr und eines Meridians, der für die Kalenderberechnung benutzt wurde.

Auf den Spuren von Goethe und Luther lässt sich Rom auf ungewöhnliche Art erkunden. Dazu gehört der «Cimitero accatolico» im Schatten der Cestius-Pyramide, wo früher Nichtkatholiken wie der Goethe-Sohn August begraben wurde. Neben neugierigen Touristen, zumeist aus Nordeuropa, trifft man dort eine von Roms größten Ansammlungen von Katzen an den Gräbern von Dichtern wie Wilhelm Waiblinger, John Keats und Percy B. Shelley.

Eine besonders spannende Geschichte hat die evangelisch-lutherische Christuskirche nahe der einst berühmten Via Veneto zu erzählen: Von der ersten evangelischen Kapelle Roms in der preußischen Gesandtschaft auf dem Kapitol und einem Krankenhaus, das zunächst für Cholerakranke errichtet wurde, die in anderen Einrichtungen Bekehrungsversuchen ausgesetzt waren. (Bettina Gabbe, epd)


 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.