Schwarzenbach an einem ihrer Lieblingsorte - dem Auto
Foto: Estate of Marianne Breslauer
Sie hatte Erfolg, war reich und schön - glücklich war die Autorin Annemarie Schwarzenbach trotzdem nicht. Maike Schultz hat sich eine Austellung angesehen, die neue Details ihres rastlosen Lebens enthüllt. Mit Video
Sie brach mit den Konventionen ihres millionenschweren Elternhauses, war bekennende Lesbe, Schriftstellerin, Reise- und Fotojournalistin: Ihr unruhiges Leben und ihr früher Tod machten Annemarie Schwarzenbach zum Mythos.
Am 23. Mai wäre sie 100 Jahre alt geworden. Anlässlich des Geburtstags hat das Feuilleton ihr Werk neu entdeckt - auch dank ihres Großneffen Alexis Schwarzenbach. Mit bisher unveröffentlichten Dokumenten und Fotografien aus dem Familienarchiv gewährt die Ausstellung «Eine Frau zu sehen» intime Einblicke in das Schicksal seiner berühmten Großtante.
Benannt nach ihrem Coming Out-Text
Der 37-jährige Historiker kuratierte die Schau für das Literaturmuseum Strauhof in ihrem Geburtsort Zürich. Der Titel ist derselbe wie der eines jüngst erschienenen Buches von Annemarie Schwarzenbach – einem wunderbar sinnlichen Prosa-Text über ihr Coming Out, der jahrelang im schweizerischen Literaturarchiv verschollen war. Bis zum 3. August 2008 wird «Eine Frau zu sehen» nun im Literaturhaus Berlin gezeigt.
Ganz in der Nähe der Charlottenburger Villa, nämlich in der Grolmannstraße, wohnte Schwarzenbach 1931. Damals verließ sie, die «nur Frauen mit wirklicher Leidenschaft« lieben konnte, ihre Zürcher Industriellenfamilie in Richtung Berlin, um dort als freie Schriftstellerin zu leben. Ihre androgyne Erscheinung - schon als Kind nannte sie sich nur «Soldat Fritz» - brachte ihr in der Großstadt-Szene eine Menge Verehrerinnen.
In Berlin lernte sie auch Erika und Klaus Mann kennen. Mit beiden entwickelte sich eine enge Freundschaft, gemeinsam engagierten sie sich in der Widerstandsbewegung gegen die Nazis. Schwarzenbachs Mutter, ebenfalls lesbisch, reagierte darauf mit Eifersucht, was man in ausgestellten Briefen nachlesen kann.
«Wie der Erzengel Gabriel»
Auch Man Rays ehemalige Assistentin Marianne Breslauer erlag dem Charme Schwarzenbachs und beschrieb sie als «das schönste Wesen, dem ich je begegnet bin». Sie habe zunächst nicht gewusst, ob ihr Gegenüber Mann oder Frau sei - «wie der Erzengel Gabriel» hätte Schwarzenbach ausgesehen, mit ihren «makellosen Zügen».
Die Fotografin fertigte eine Reihe Porträts der Autorin an, darunter auch jenes bekannte Bild, das Annemarie Schwarzenbach als «das alte Meisterstück» bezeichnete. Zur Einstimmung auf die Ausstellung hängt es im Treppenhaus des Literaturhauses, darunter ein Brief an ihren Gatten Claude Clarac. Durch die Ehe mit dem französischen Diplomaten kam sie in den Genuss eines Diplomatenpasses, der das Reisen in der damaligen Zeit wesentlich erleichterte.
Drogensucht und Sexaffären
Ein Ausstellungsraum in Berlin ist ganz von einer großen, hügeligen Tischlandschaft ausgefüllt. Sie visualisiert Schwarzenbachs Leben als Reise auf einer kurvigen Straße: Sich in Schreiben und Affären zu flüchten, reichte ihr nicht. Um den inneren Dämonen und der Morphiumsucht zu entkommen, wurde die Journalistin eine Ruhelose, die ständig unterwegs war.
Nach der Veröffentlichung ihres Debütromans «Freunde um Bernhard» startete sie 1933 zu ihrer ersten Orientexpedition. In weniger als zehn Jahren, in denen über 300 meist gesellschaftskritische Feuilletons und über 5000 Fotos entstanden, reiste Annemarie Schwarzenbach ins damalige Persien, in den Kongo, die USA und durch ganz Europa.
Im Ford durch Afghanistan
1939 fuhr sie mit ihrer Geliebten Ella Maillart in einem Ford nach Kabul. Das Innere des Autos schlug sie mit rotem Tuch aus, der Farbe der Nomadenzelte. Ihre Erlebnisse schildert das großartige Buch «Alle Wege sind offen», das auch als Vorlage für den Schweizer Spielfilm «Reise nach Kafiristan» diente.
In der Installation werden die Reisestationen durch kleine Schwarzweißfotos und Notizen dokumentiert. Angesichts der aktuellen politischen Lage kann man als Betrachter nur staunen, wie unbefangen und frei sich Reisende damals in weiten Teilen des Orients und Afghanistan bewegen konnten. In einem anderen Ausstellungsraum sind die Reisefotografien als Großformate zu sehen. «Bilder müssen etwas berichten, ohne dass Text nötig ist», lautete Schwarzenbachs Credo.
Himmelhoch jauchzend - zum Tode betrübt
Immer wieder kehrte die Künstlerin in die Schweiz zurück, sei es in ihre Wahlheimat Engadin oder zum Drogenentzug in diverse Privatkliniken. In der Ausstellung hängen Protokolle ihrer behandelnden Ärzte, die intime Details preisgeben: Bei ihrer ersten Therapie habe sie «verheiratete Frauen erotisiert» und sich an den daraufhin einsetzenden «Eifersuchts-Intrigen ergötzt». Das Klinikpersonal setzte sie daraufhin vor die Tür.
Mit ihrem ausgeprägten Hang zur Melancholie lebte die Schriftstellerin das romantische Ideal von Genie und Wahnsinn. «Leiden und Widerspruch machen den Dichter reif. Heimlich nährt er in sich die Todessehnsucht», notierte sie 1934. Ein Jahr später beging sie einen Selbstmordversuch.
Elektroschocks gegen Schizophrenie
Er scheiterte genauso wie ihre Versuche, die Drogenabhängigkeit zu überwinden. 1942 starb Annemarie Schwarzenbach mit nur 34 Jahren in Sils im Engadin. Ihre Homosexualität und die Depressionen hatten zu einer fatalen Fehldiagnose geführt. Nach einem schweren Fahrradunfall hielten die Ärzte sie für schizophren und behandelten sie mit Elektroschocks und Insulinkuren, von denen sich Schwarzenbach nicht mehr erholte.
Ihre Mutter Renée hat Annemarie Schwarzenbach auf dem Sterbebett fotografiert und das Bild neben eine Aufnahme des Silser Sees in ihr Album geklebt. Die Seite ist in einer separaten Raum-Nische zu sehen. Daneben läuft ein Video, unterlegt mit dem von Bibiana Beglau gelesenen Text «Über meine Mutter zu schreiben», den Schwarzenbach in der Psychiatrie verfasste.
Die Straße auf der Tischlandschaft endet mit einem Zitat aus ihrem letzten Buch «Das glückliche Tal»: «Ich muss die Bilder wiederfinden, die meine Seele liebt. Weiß ich, an welchen Horizonten sie suchen?»
«Annemarie Schwarzenbach – Eine Frau zu sehen», Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23. Bis zum dritten August täglich außer montags von 11 bis 19 Uhr