Kino im Vatikan: 

netzeitung.deDer Papst bringt seinen Sessel mit

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In einer ehemaligen Krankenhauskapelle unweit des Petersdoms lagert ein besonderer Schatz: die heilige Filmsammlung des Vatikans. Eine Frau wacht über das ausgewählte Zelluloid - und weiß, worauf das Kirchenoberhaupt zu sitzen pflegt.

Das berühmteste Möbel der vatikanischen Filmothek steht wie ein unberührtes Requisit in Zellophan eingehüllt hinter dem Vorhang im Kinosaal: Der weiße Sessel, auf dem Päpste es sich für private Filmvorstellungen gemütlich machen sollen, wurde noch nie benutzt. «Er ist viel zu unbequem, Johannes Paul II. brachte immer seinen eigenen Sessel mit», erzählt die Verantwortliche der vatikanischen Filmsammlung, Claudia Di Giovanni. Sein Nachfolger Benedikt XVI. sei bislang nur ein Mal zu einer Filmvorführung in den vatikanischen Kinosaal gekommen, der zuvor als Krankenhauskapelle diente.

Freundlich und ohne die sonst am Petersdom übliche Geheimnistuerei führt Claudia Di Giovanni ihre Besucher eine steile Treppe hinter der Chorwand der einstigen Kapelle hinauf. Hinter einer schweren Panzertür bewahrt die Archäologin den Schatz der Filmothek auf: Wertvolle neue und alte, teils restaurierte, teils restaurierungsbedürftige Filme von den Anfängen des Kinos bis in die Gegenwart.

«Wir erwerben allerdings selbst keine Filme, sondern sind auf Spenden angewiesen», seufzt die Filmverantwortliche mit einem entschuldigenden Lächeln. Claudia Di Giovanni, eine der wenigen Frauen in Führungspositionen im Vatikan, arbeitet seit knapp 20 Jahren in dem kleinen Archiv hinter dem Petersdom.

Hier finden sich unter anderem Werke des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini - trotz seiner offenen Homosexualität und obwohl die katholische Kirche die Darstellungen biblischer Gestalten in seinen Filmen heftig kritisierte. Besonders stolz ist die Filmothek auf den Streifen «Die Hölle» über Dantes Inferno aus dem Jahr 1911, der 2003 bei der Katalogisierung entdeckt wurde.

Darin seien erstmals Spezialeffekte für moderne Horrorvisionen eingesetzt worden, sagt Di Giovanni. Der von der italienischen Produktionsgesellschaft Helios produzierte Stummfilm hat deutsche Zwischentitel, denn die Kopie stammt aus einem Schweizer Fundus. Der Jesuit, der ihn einst in Basel für den Geschichtsunterricht genutzt habe, habe seinen Posten verloren, erzählt die Leiterin der Filmothek, «denn das neue Medium Film galt damals noch als teuflisch».

Filmothek nicht nur mit religiösen Filmen
Eingerichtet wurde die vatikanische Filmothek 1959. Sie untersteht dem Päpstlichen Medienrat, 1948 durch Papst Pius XII. als «Päpstliche Kommission für den belehrenden und religiösen Film» gegründet. Angesichts «dieser wunderbaren Erfindung der Technik», so Pius XII., sei es nicht zuletzt Aufgabe der Kirche «vor allen Gefahren zu schützen».

Die Filmothek soll laut Satzung nicht nur Filme über religiöse Themen sammeln, sondern «Werke von hohem künstlerischen und menschlichen Wert». Der langjährige Präsident des Päpstlichen Medienrats, John Patrick Foley, erzählt gern, wie der italienische Schauspieler und Regisseur Roberto Benigni sich bei der Vorführung seines Holocaust-Films «Das Leben ist schön» im vatikanischen Kinosaal auf den Schoß von Papst Johannes Paul II. zu setzen versuchte.

Seit Ende der 90er Jahre veranstaltet der Vatikan zusätzlich jedes Jahr ein kleines internationales Festival des spirituellen Films unter dem Titel «Tertio Millennio». Die Päpste hätten die Entstehung des Films von Anfang an mit Interesse verfolgt, urteilt Claudia Di Giovanni und weist auf eine frühe Aufnahme hin: Schon im Jahr 1896 ließ sich Papst Leo XIII. vom schottischen Filmpionier William Kennedy Laurie Dickson in den Vatikanischen Gärten filmen. Anschließend, so heißt es, segnete der Papst die Kamera. (Bettina Gabbe, epd)