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Nacht der Literatur in Berlin: 

«Sinnliche Geschichtsschreibung»

07. Jun 2008 17:29
In Berlin mit dabei: Günter Grass
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Da kamen sie mal wieder zusammen, die Großkopferten des Schreibbetriebs - und lamentierten über die Rolle der Literatur. Famose Erkenntnis eines Newcomers: Über Skandale bräuchten sie nicht mehr schreiben - die «wirklichen Schweinereien klärt die Presse auf».

Die Kampfansage des 80-jährigen Literaturnobelpreisträgers war laut und deutlich: «Was wir brauchen, ist ein neues '68!». Eine neue Revolte also, wie vor 40 Jahren. Denn «der zweite Versuch, in Deutschland eine Demokratie zu begründen, ist gefährdet» angesichts von «Lobbyisten, die das Parlament umzingeln und die Gesetze mitschreiben», rief Günter Grass in gewohnter Leidenschaft am Freitagabend in der Berliner Akademie der Künste den Zuhörern im vollen Saal zu, darunter Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD).

«Die Weimarer Republik hat nicht genügend Bürger gehabt, die sie schützen wollten, und davor stehen wir heute wieder!» Nur: «Wo sind die Revolutionäre geblieben?...Was ist zum Beispiel aus einem Biermann geworden - ein Ja-Sager!»

Da gab es auch Unterstützung von jüngeren Kollegen wie Raul Zelik, der auf die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart hinwies: «Wann waren die größer als heute? Da können wir doch über die Probleme von 1968 nur lächeln.» Ja, Literatur sei «auch Aufbegehren». Aber einen Seitenhieb gegen den Trommler für die Sozialdemokraten gab es auch: «Wahlkampf für die SPD ist doch gesellschaftlicher Mainstream und Teil der politischen Machtverhältnisse. Literatur muss sich radikaler verhalten!»

Wenn die Berliner Akademie der Künste am Brandenburger Tor zu einer «Nacht der Literatur» zum Thema 1968 und «Literatur und das politische Engagement» einlädt, dann haben ihre Mitglieder Grass und Christa Wolf natürlich noch ein Wörtchen mitzureden. Auffällig war nur, dass ihr Präsident Klaus Staeck, einer der aktivsten «Politkünstler» der 1968er Ära, sich dabei nur auf eine äußerst kurze Begrüßungsrede beschränkte. Aber er ist der «Spiritus rector» nicht nur dieses Abends, der sich in die seit April laufende und gut besuchte Veranstaltungsreihe «Kunst und Revolte» der Akademie einreiht.

Gleichwohl hat auch Staeck schon beklagt, dass das gesellschaftliche Engagement vieler Künstler 40 Jahre nach 1968 «zu wünschen übrig lässt». Aber ob die Literatur wieder politischer werden muss oder überhaupt sein darf, war am Abend auf dem Podium umstritten, denn Grass und Wolf mussten sich den Kollegen der nachgewachsenen Generation stellen. So meinte Ulrich Peltzer («Teil der Lösung»), Kunst habe «keinen Auftrag und ist auch nicht Erfüllungsgehilfe». Sie habe die Aufgabe, «ästhetische Erkenntnisse zu vermitteln». Aber leider gebe es «kaum noch Stoffe, die skandalös wirken könnten, die wirklichen Schweinereien klärt doch die Presse auf».

Grass: «Wollte auch mal Unpolitisches schreiben»

Das lässt ein Grass freilich so nicht gelten: «Der Autor ist doch nicht vom Himmel gefallen und ist, ob er will oder nicht, mit der Gesellschaft und seiner Zeit verwoben, ein Bürger seines Landes». Er selbst habe sein politisches Engagement «immer auch verstanden als Bürger, der Schriftsteller von Beruf ist». Ja, er habe auch «manchmal den Wunsch gehabt, etwas völlig Unpolitisches zu schreiben, aber nach dem vierten Satz war ich schon wieder in den gesellschaftlichen Verhältnissen drin».

Literatur als «sinnliche Geschichtsschreibung»

Auch Tanja Dückers warnte, eine «politischere Literatur» dürfe nicht als Forderung erhoben werden, «Literatur muss Freiheit haben und unberechenbar bleiben», aber sie könne wichtige politische Inhalte «nicht nur den Nachrichten überlassen, das können Journalisten besser». Literatur sei vielmehr «eine Art sinnlicher Geschichtsschreibung». Vielleicht so wie Christa Wolf, die «Grande Dame» der DDR-Literatur, die im nächsten Jahr 80 wird. Ihre berühmte Erzählung «Nachdenken über Christa T.» erschien ausgerechnet 1968.

«Ich war damals schwer beschäftigt, das Buch gegen die staatlichen Organe zu verteidigen. Aber was mich existenziell beschäftigte, war der Prager Frühling.» Vielleicht sei es dadurch ein politisches Buch geworden, aber nicht vordergründig. «Vielleicht sollten wir heute überhaupt mal untersuchen, was in den beiden deutschen Staaten jeweils tabu war.» Aber die unruhigen Geister auf beiden Seiten habe doch immer dieselbe Frage umgetrieben: «Was ist überhaupt menschlich, wozu machen wir das alles überhaupt?» Davon wird natürlich auch wieder ihr nächster Roman handeln, der für 2009 avisiert ist. (Wilfried Mommert, dpa)

 
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