«Drei Schwestern» mit Katja Riemann & Co: 

netzeitung.deDie «Bandits» erobern den Kudamm

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Nur fürs Foto unbeschwert: Die drei Schwestern. (Foto: Johannes Zacher<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Nur fürs Foto unbeschwert: Die drei Schwestern.
Foto: Johannes Zacher
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Tschechow und Boulevard? Dank «Bandits»-Stars Jasmin Tabatabai, Nicolette Krebitz und Katja Riemann kein Problem, meint Maike Schultz . Sie sah den «Drei Schwestern» beim lasziven Sofa-Räkeln zu.

Endlich sind sie wieder vereint: Nach Katja von Garniers Tragikomödie «Bandits» (1998 im Kino) sind Katja Riemann, Jasmin Tabatabai und Nicolette Krebitz erstmals wieder in einem gemeinsamen Werk zu sehen. Die aus Film und Theater bekannten Frauen spielen «Drei Schwestern» im gleichnamigen Stück von Anton Tschechow, das am Sonntagabend im Theater am Kurfürstendamm eine umjubelte Premiere feierte.

Wer die Handlung nicht kennt, braucht eine Weile, um sich in die Welt von Olga (Riemann), Mascha (Tabatabai) und Irina (Krebitz) einzufinden, denn die Schwestern drehen sich permanent um sich selbst. Seit elf Jahren leben sie in einer Provinzstadt fern von Moskau, woher sie stammen und wohin sie wieder zurück wollen. Ihre Wut projiziert Olga auf den nie zu sehenden spielsüchtigen Bruder Andrej und seine Frau, die die Schwestern aus ihrem Haus verdrängen will.
Keinen Bock auf's Call Center
Olga, die Älteste, hat hier klar die Hosen an. Sie trägt als einzige einen Anzug und ist auch die einzige, die arbeitet – eine vereinsamte Lehrerin, die sich nach einem Mann in ihrem Bett sehnt. Mascha ist mit dem verweichlichten Psychologen Kulygin verheiratet, leidet unter Depressionen und lässt sich schließlich auf eine unglückliche Affäre mit dem Familienvater Werschinin ein.

Die jüngste Schwester Irina träumt davon, in Moskau ihre große Liebe zu finden. In der modernen Inszenierung von Amina Gusner und Anne-Sylvie König sehnt sie sich - frustriert von ihrem Job im Call Center - nach einer erfüllenden Arbeit. Den sie umwerbenden Tusenbach straft Irina mit Missachtung. Zu den genialen Einfällen der Regisseurinnen gehört, aus dem Baron einen «freien Künstler» zu machen. Der Möchtegern-Journalist plant eine Dokumentation über die Schwestern und kommt damit schon seit zwei Jahren nicht voran – ein ironischer Seitenhieb auf die Perspektivlosigkeit hinter der Freiheit.

Keinen Sinn für die Schönheit des Lebens
Im Grunde möchte Tusenbach nur Irina erobern und mit ihr aus dem tristen Familienalltag ausbrechen. Aber als sie endlich die Koffer packt, kommt er bei einem Unfall ums Leben – anders als im Originaltext, wo er im Duell um Irina stirbt. Selbstmord? Tusenbach erkennt, dass Irina ihn nicht liebt, sagt ihr vor seinem Abgang noch, wo sie wichtige Papiere findet. Ein Suizid, von den Schwestern oft genug selbst erwogen, wäre nur die logische Konsequenz ihrer eigenen Lethargie.

«Im Wechselverhältnis zwischen Zukunftsvisionen und Vergangenheitssehnsucht verpassen sie, die Gegenwart zu leben, aus Angst von ihr enttäuscht zu sein», sagt Dramaturgin Anne-Sylvie König über ihre «Drei Schwestern». Dieser Grundkonflikt deutet sich schon in der ersten Szene an: Alle Protagonisten sitzen Äpfel-kauend auf dem Sofa und Tusenbach fragt Olga, was die Zukunft bringt. Statt zu antworten, redet sie nur von den Problemen ihrer Schwestern. «Sie sind schön, aber wie lange noch? Ich habe solche Kopfschmerzen», brüllt sie ins Diktiergerät.
«Feuchtgebiete» und Klimawandel
Riemann arbeitet am Kudamm-Theater bereits zum dritten Mal mit Regisseurin Gusner zusammen. Sie spielte die Hauptrolle in «Anna Karenina» nach dem gleichnamigen Tolstoi-Roman und in «Szenen einer Ehe» nach dem Film von Ingmar Bergman. Auch ihre Figur der Olga ist mit vierzig nicht erfüllt vom Leben, nur besorgt, dass es nicht besonders oder erfolgreich genug war. «Die Jugend ist vorbei, das Alter schon da - aber wo ist die pralle Mitte geblieben, die unsere Eltern noch als Hauptteil ihres Lebens ansahen?», fragt König und verpasst dem 1901 uraufgeführten Stück so einen zeitgemäßen Anstrich.

Aktuelle Bezüge gibt es einige bei den «Drei Schwestern»: Tusenbach philosophiert über den Klimawandel und Mascha hat Charlotte Roche nicht gelesen, kann aber selbstverständlich trotzdem mitreden. Große Spiegel an den Seitenwänden der Bühne verstärken die Ich-Bezogenheit der Frauen noch: «Die Jahre rieseln mir nur so durch die Hände und ich kriege kein einziges zurück», jammert Nicolette Krebitz als Irina. «Der Graben zwischen meinem Leben und der Vorstellung davon wird immer tiefer».

Singend im gläsernen Käfig
Als Refugium haben die Bühnenbildner Uta Kala und José Eduardo Luna Zankoff den Schwestern einen verglasten Raum gebaut. Auf das große, weiße Bett darin ziehen sie sich immer dann zurück, wenn sie sich dem Leben mal wieder nicht stellen wollen. Wie ihre eigenen Gefangenen sitzen sie dann in dem durchsichtigen Kasten und singen ein Liedchen zu Jasmin Tabatabais Gitarrenspiel – frei nach dem Motto «Früher war alles besser», was angesichts der Anspielung auf «Bandits» eine ganz neue Bedeutung bekommt. Damals spielten die Darstellerinnen Mitglieder einer Frauengefängnis-Band und machten danach selbst als Musikerinnen auf sich aufmerksam.

Musik spielt auch in dieser Aufführung eine zentrale Rolle. Immer wieder sickern zu den Szenenübergängen elektronische Klänge aus den Lautsprechern, von Michael Jackson bis Portishead. In Kombination mit dem minimalistisch-sterilen Bühnenbild erinnert dieser Stil an die Berliner Schaubühne, die auch gerade wieder eine Tschechow-Reihe zeigt. Im Boulevard-Theater überrascht so ein anspruchsvoller Stoff. Typisch hingegen ist der Promi-Faktor, mit dem das populäre Schauspielerinnen-Trio die Zuschauer an den Kudamm locken soll.

Die drei brillieren zwar als Ensemble hysterischer Narzisstinnen. Dennoch können auch sie die selbst erzeugte Leere nicht immer füllen: Ihre plötzlichen Ausbrüche von Selbstmitleid, die Verletzungen, sogar eine Vergewaltigung wirkt halbherzig, weil alles zur Nebensächlichkeit der schwesterlichen Neurosen mutiert. Auf Dauer ist das ganz schön nervig. An der Begeisterung der laut lachenden und klatschenden C-Prominenz im Berliner Premierenpublikum änderte es aber nichts.


Für das Web ediert von Maike Schultz