Opfer des Nationalsozialismus:
Historiker kritisieren Umgang mit NS-Denkmälern
26. Mai 2008 15:41
 |  Die "Neue Wache" sollte zentrale Gedenkstätte sein | Foto: AP |
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«Aussage und Funktion werden undeutlich, widersprüchlich und diffus», bemängeln Forscher anlässlich eines neuen NS-Denkmals. Anstatt sich so ausführlich mit den Opfern zu beschäftigen, solle man die Ursachen untersuchen.
Am Dienstag eröffnet Kulturstaatsminister Bernd Neumann in Berlin einen weiteren Gedenkort zum Nationalsozialismus: Mit dem Denkmal für die im Dritten Reich verfolgten Homosexuellen erinnert dann ein Ort mehr an Opfer des NS-Regimes. Die Historiker Peter Reichel und Ekkehard Klausa bewerten die Zunahme solcher Gedenkstätten skeptisch bis ablehnend.
Die wachsende Anzahl an Denkmälern zum Nationalsozialismus führe zu einer «abstrusen Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit», kritisiert Reichel. Die 1993 eröffnete «Neue Wache» war als zentrale Gedenkstätte für alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht. Dennoch entstanden und entstehen weitere Denkmäler für einzelne Menschengruppen, die in der NS-Zeit verfolgt wurden.
Allein drei NS-Mahnmale in Berlin
In der Hauptstadt erinnert seit 2005 das Holocaust-Denkmal an die ermordeten Juden Europas. Außerdem entsteht ein Mahnmal für die verfolgten Sinti und Roma. Über die Täter informiert in Berlin dagegen die Stiftung «Topographie des Terrors», im November 2007 begann dort der Neubau eines Dokumentationszentrums. Weitere werden folgen: In München ist für 2011 ein Dokumentationszentrum geplant, das Bundeskabinett beschloss im März ein Konzept für ein Zentrum über die Vertreibungen. Der Bund fördert bereits Gedenkstätten in früheren Konzentrationslagern, darunter Bergen-Belsen, Dachau oder Neuengamme. Dazu kommen mehrere überregionale Einrichtungen, die sich in anderer Form mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus befassen, wie beispielsweise die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Außerdem unterhält der Bund sechs Gedenkstätten für sowjetische Soldaten, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.
Anzahl der Erinnerungsorte muss begrenzt bleiben
Doch was bedeutet der Zuwachs an Erinnerungsorten eigentlich für den Umgang mit der Vergangenheit? Der Historiker und Politologe Reichel kritisiert die größer werdende Zahl solcher Denkmäler scharf: Zwar brauche jeder Staat zentrale nationale Symbole, um seine Geschichte sinnlich wahrnehmbar zu machen, sagt er. Eben deshalb müsse aber deren Zahl begrenzt bleiben. «Andernfalls werden Aussage und Funktion undeutlich, widersprüchlich und diffus», sagt Reichel, der bis 2007 Historische Grundlagen der Politik an der Universität Hamburg gelehrt und mehrere Bücher über die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus veröffentlicht hat.Ein zusammenhängendes Bild von Deutschlands Geschichte im 20. Jahrhundert könne dadurch nicht mehr vermittelt werden. Nach Meinung des Historikers müssten bei der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus nicht die Opfer, sondern die Täter im Vordergrund stehen. Es würden immer mehr Denkmäler für die Opfer gebaut, «weil das der öffentlichen Sentimentalität im Umgang mit unserer komplizierten Geschichte guttut und dem nationalen Image förderlich ist».
Wie gehen aus bürgerlichen Schichten Massenmörder hervor
Die geschichtspolitische Kernfrage sei aber, wie der Massenmord an den europäischen Juden möglich gewesen und warum er von Deutschland ausgegangen sei. Die «Topographie des Terrors» als Ort der Täter stehe aber im Abseits, meint Peter Reichel. Dabei sei sie der zentrale Erinnerungsort für die Frage, «wie aus bürgerlichen Schichten Massenmörder hervorgehen und nach Erledigung ihres Auftrages wieder in dieselbe zurückkehren konnten». Statt mit den Ursachen der nationalsozialistischen Verbrechen beschäftigt man sich in Deutschland nach Reichels Eindruck lieber mit den Opfern. Darüberhinaus stilisiere man sich selbst mit großem medialem Aufwand und beispielsweise dem geplanten Zentrum zur Vertreibung zu Opfern. Dies sei «dem Grunde nach geschichtsfälschend und verlogen», sagt der Historiker.
Denkmal für alle Opfer wäre besser gewesen
Ekkehard Klausa, Mitarbeiter der Forschungsstelle Widerstandsgeschichte und 1992 bis 2002 Gedenkstättenreferent des Berliner Senats, sieht den Zuwachs an Erinnerungsstätten dagegen «grundsätzlich positiv». So bleibe die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus auf hohem Niveau, obwohl die Generation derer, die die Zeit selbst erlebt haben, abtrete, sagt er. Nach Klausas Einschätzung kommt es auch zu keiner Übersättigung. Die Einrichtungen ergänzten sich eher. «Gesamtstaatlich bedeutsame Gedenkstätten machen regionale Erinnerungsstätten nicht überflüssig», sagt Klausa. Allerdings sieht auch er Schattenseiten. «Es ist fragwürdig, dass nun für eine Opfergruppe nach der anderen Denkmäler in Berlin errichtet werden», sagt er. Ein Denkmal für alle Opfer wäre besser gewesen. Seiner Meinung nach hat manche Entscheidung auch eher mit der aktuellen Lobbyarbeit als mit den Ereignissen in der Vergangenheit zu tun. So sei ein Denkmal für die 3,5 Millionen verhungerten sowjetischen Kriegsgefangenen eher an der Reihe gewesen, als das Denkmal für die verfolgten Homosexuellen, findet Klausa: «Aber sie haben keine Lobby.» (Samuel Heller, AP)